Kultur
Bühnenbild mit Playmobil-Figuren getestet: «Im weissen Rössl» der Operette Sirnach steht vor der Premiere

Am Samstagabend feiert die Operette Sirnach mit «Im weissen Rössl» Premiere. Dass das Ensemble bereit ist, zeigte die Generalprobe am Donnerstagabend.

Olaf Kühne
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Für die Generalprobe der Operette Sirnach stehen die Mitwirkenden noch mit Maske auf der Bühne.

Für die Generalprobe der Operette Sirnach stehen die Mitwirkenden noch mit Maske auf der Bühne.

Bild: Olaf Kühne

«Wir spüren eine schöne Anspannung», sagt Otto Noger. Er ist Gesamtleiter der Operette Sirnach und steht am Donnerstagabend mit seinen 190 Mitstreiterinnen und Mitstreitern zwei Tage vor der Premiere des neuen Stücks: «Im weissen Rössl». Die Operette von Ralph Benatzky, 1930 in Berlin uraufgeführt, ist auch Sirnach bestens bekannt. Bereits 1958 inszenierte sie der Verein im Hinterthurgau.

Nur herrschte damals keine Pandemie. 2022 ist Corona hingegen omnipräsent. Kurz vor der Premiere am Samstagabend, nach zweieinhalbjähriger Vorarbeit und nach drei Monaten intensiver Proben, müssen sich alle auf und hinter der Bühne Mitwirkenden einem Coronatest unterziehen – vor jeder Probe. «Und alle sind geimpft», betont Produktionsleiterin Florence Leonetti. Dennoch ist die Maske selbst an der Generalprobe vom Donnerstagabend allgegenwärtig. Einzig einige Schlüsselrollen geben ihren Gesang ohne diesen Schutz zum besten – nur, um ihn gleich wieder über Mund und Nase zu ziehen.

So präsent das Virus auch sein mag, beherrschend ist es nicht an diesem Abend im Sirnacher Dreitannensaal. Wären die Masken nicht, man wähnte sich an einer Generalprobe, wie sie sein soll. Kostüme, Texte, Einsätze –alles passt. Und die Vorfreude auf die samstägliche Premiere? Sie ist förmlich greifbar.

Giuseppe Spina führt erstmals in Sirnach Regie

Giuseppe Spina Regisseur «Im weissen Rössl».

Giuseppe Spina
Regisseur «Im weissen Rössl».

Bild: Reto Martin

2019 stand Giuseppe Spina noch auf der Bühne der Operette Sirnach. Für «Im weissen Rössl» führt er nun erstmals Regie und zeichnet zudem für das Bühnenbild verantwortlich. Letzteres hat er vorab zu Hause aus Karton gebaut, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung. «Mit den Playmobil-Figuren meiner Kinder habe ich dann ausprobiert, ob meine Ideen funktionieren», sagt Spina und lacht.

So akribisch Spina das Bühnenbild austüftelte, so machte er sich auch an das Stück. «Ich habe das Skript bestimmt 20 Mal gelesen», sagt er. Andere Inszenierungen des «Weissen Rössls» habe er sich hingegen nur gerade drei angeschaut. «Ich wollte das Stück selber neu entdecken», erklärt er. «Mein erster Gedanke war: Es braucht keine Modernisierung, aber doch einen neuen Anstrich.»

Handlung in die 1960er-Jahre verlegt

Judith Bach spielt die Berliner Fabrikantin Wilhelmine Giesecke.

Judith Bach spielt die Berliner Fabrikantin Wilhelmine Giesecke.

Bild: Donato Caspari

So wurde aus dem Berliner Fabrikanten eine Fabrikantin, Judith Bach spielt die Wilhelmine Giesecke. «Ich habe in der Figur sofort eine Frau gesehen», sagt Spina und führt weiter aus, dass er den Frauen überhaupt mehr zu sagen gegeben habe, als dies in der Originalversion vorgesehen sei. Manche Rollenbilder habe er gar umgekehrt, wo dies dramaturgisch nicht relevant gewesen sei. Das Altherrengehabe des Originals sowie der bekannten Verfilmung mit Peter Alexander habe er gleich ganz rausgestrichen. Damit die erstarkten Frauenfiguren überhaupt funktionieren, hat der Regisseur die Handlung von den 1930er- in die 1960er-Jahre verlegt. «Unser Ensemble hat die Figuren aber auch selber entwickelt», betont der Regisseur. Die Generalprobe zeigt: Der neue Anstrich ist Giuseppe Spina gelungen – ohne in den Verdacht zu geraten, sich lediglich einem Zeitgeist anbiedern zu wollen.

Andreas Signer Dirigent.

Andreas Signer
Dirigent.

Bild: PD

Dass auch sein Bühnenbild gelungen ist, ist ebenfalls offensichtlich. Das Orchester sitzt nicht mehr in seinem Graben, es ist Teil der Kulisse. Das macht die Musikerinnen und Musiker zwar sichtbar, ist jedoch insbesondere für den Dirigenten eine spezielle Situation. Andreas Signer sagt: «Die Handlung findet in meinem Rücken statt, das ist eine besondere Herausforderung.» Nicht nur für den Dirigenten, wie ein Blick auf das Balkongeländer des Dreitannensaals zeigt. Dort wird Signers Wirken auf einen Monitor übertragen, damit es auch für die Künstlerinnen und Künstler, welche wiederum ihn im Rücken haben, sichtbar ist.

Dass sich anstelle des Orchestergrabens nun ein mit Wasser gefüllter Pool im vorderen Bühnenboden versteckt, sei an dieser Stelle auch schon verraten.

Florence Leonetti spricht in der Generalprobe die Rolle der Josepha Vogelhuber. Florian Steiner spielt den Oberkellner Leopold.

Florence Leonetti spricht in der Generalprobe die Rolle der Josepha Vogelhuber. Florian Steiner spielt den Oberkellner Leopold.

Bild: Donato Caspari

«Orchester und Bühne sind gut ausbalanciert», schwärmt auch Florence Leonetti. Sie spricht in der Generalprobe die Rolle der «Rössl»-Wirtin Josepha Vogelhuber. Deren Darstellerin Petra Halper König befindet sich am Donnerstagabend, um in Sachen Corona auf Nummer sicher zu gehen, noch in Quarantäne. Wie auch Regisseur Spina, der via Videokonferenz zugeschaltet ist.

Otto NogerGesamtleiter Operette Sirnach.

Otto Noger
Gesamtleiter Operette Sirnach.

Bild: Beat Lanzendorfer

Nach der gelungenen, fast dreistündigen Generalprobe ist nicht zuletzt Gesamtleiter Otto Noger sichtlich erleichtert. Er berichtet davon, wie man bereits 2019 das neue Stück evaluiert hat, wie seither die Arbeitsintensität und mit ihr auch die Anspannung kontinuierlich gestiegen sind. Und wie Corona seit bald zwei Jahren wie das sprichwörtliche Damoklesschwert über der Produktion schwebt. Noger sagt das aber nicht verbittert, im Gegenteil. «Wenn ich ehrlich bin, ist die Vorfreude nun sogar noch grösser als vor den beiden vorherigen Produktionen.» Und schliesslich sei auch der Vorverkauf besser angelaufen als noch 2019 für «Ball im Savoy».

Nicht unwesentlich für einen Verein, der zwar buchstäblich auf zahllose ehrenamtlich geleistete Arbeitsstunden zählen darf, der aber auch keine Kosten und Mühen scheut, seinem Publikum alle drei Jahre ein professionell inszeniertes Stück zu servieren – wovon sich heuer die Zuschauerinnen und Zuschauer bis am 2. April im Sirnacher Dreitannensaal überzeugen können.

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Donato Caspari

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