Kommentar

Krise: Die Pädagogische Hochschule Thurgau steht vor ihrer Bewährungsprobe

Die Thurgauer Zeitung nimmt Stellung zu den Vorkommnissen an der Pädagogischen Hochschule Thurgau (PH).

Silvan Meile
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Die Pädagogische Hochschule Thurgau in Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Die Pädagogische Hochschule Thurgau in Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Ein Personalentscheid löste die Krise aus. Der neunköpfige Hochschulrat, dem Persönlichkeiten aus Politik, Bildung und Wirtschaft angehören, hat im November den Vizerektor der Pädagogischen Hochschule Thurgau (PH) per sofort freigestellt. Matthias Begemann musste gehen, weil er sich mit der Rektorin verkrachte, ihr zu kritisch war. Ein halbes Jahr später gibt es berechtigte Hoffnung, dass bei der Mehrheit im Hochschulrat ein Umdenken stattgefunden hat. Das verdeutlicht die Wahl des Nachfolgers von Begemann.

Der Hochschulrat hat den Mut bewiesen, über seinen eigenen Schatten zu springen. Er wählte Matthias Fuchs als neuen Prorektor, den einstigen Stellvertreter Begemanns. Fuchs zeigte sich zuvor an vorderster Front und mit grossen Teilen der Belegschaft im Rücken empört über die damalige Entlassung. Er kritisierte sowohl den Hochschulrat als auch die Rektorin.

Regierungsrat half nach

Dass Fuchs zum Prorektor ernannt wird, kann als ein Zugeständnis an das unzufriedene Personal verstanden werden. Dafür war enormer Druck aus der Belegschaft, der Politik und der Öffentlichkeit nötig. Gut informierte Quellen berichten, dass auch der Regierungsrat nachgeholfen habe, damit diese Lösung zustande kam und so die Krise nicht weiter eskaliert. Wäre dieses Machtspiel zu Ungunsten des unzufriedenen Personals ausgegangen, wären im Juli an der PH vermutlich weitere Kündigungen eingegangen.

Silvan Meile

Silvan Meile

Der damalige Entlassungsentscheid fiel einstimmig. Die PH sei wegen dieses Knatsches in der Leitung nicht mehr handlungsfähig, wurde argumentiert. Deshalb war die Gleichung schnell klar: Wenn zwei sich streiten, muss einer gehen. In der Privatwirtschaft hätte wohl kein Hahn danach gekräht. Doch bei den Thurgauer Dozierenden löste das einen Sturm der Entrüstung aus. So gehe man nicht mit verdienstvollen Mitarbeitern um.

Unter dem Hochschuldach müssen in akademischen Diskursen unterschiedliche Meinungen Platz haben. Die unbequeme Stimme von Matthias Begemann wurde aber einfach aus dem Weg geräumt. Es traf einen Prorektor, der diese Hochschule mit aufbaute, sich 30 Jahre lang in der Thurgauer Lehrerbildung engagierte. Beim empörten Personal formierte sich Widerstand. Das hatte der Hochschulrat unterschätzt.

Goldener Fallschirm ja, Maulkorb nein

Dort war man ganz in privatwirtschaftlicher Manier der Meinung, dass ein goldener Fallschirm mit 27 Monatslöhnen ausreicht, um die Entlassung abzuhaken. Doch weil der freigestellte Prorektor nur das Geld, nicht aber einen Maulkorb akzeptierte, war die Krise perfekt. Was an der PH derzeit geschieht, muss auch den Steuerzahler interessieren. Der Fall kostet rund eine halbe Million Franken an Lohnzahlungen für jemanden, der nicht mehr arbeiten darf. Auch ist bereits ein angesehener Krisenmanager beauftragt.

Viel Arbeit steht in der Kommunikation an, intern wie extern. Gegen aussen hielten die Verantwortlichen die Entlassung und ihre Hintergründe so lange unter dem Deckel, wie sie nur konnten. Doch es sickerten Infos an die Öffentlichkeit. Erst später wehrte sich der geschasste Prorektor, weil er merkte, dass er sich das rechtlich erlauben kann. Intern ist der Hochschulrat der Kritik ausgesetzt, einseitig oder gar falsch informiert zu haben.

Mit der Wahl des neuen Prorektors besteht die Chance, dass an der PH wieder Ruhe einkehrt. Ein fahler Beigeschmack bleibt aber. Fuchs hat nur eine befristete Anstellung erhalten. Ein Indiz dafür, dass er im Hochschulrat nicht vollstes Vertrauen geniesst. Doch seine Wahl kann umgekehrt auch als grosse Bewährungsprobe für die Rektorin gedeutet werden. Sie muss nun beweisen, dass sie mit Kritik umgehen kann. Von ihr darf verlangt werden, dass eine offene Diskussionskultur gelebt wird. Falls am Bildungsinstitut weiterhin keine Ruhe einkehrt, dürfte es für sie schwierig werden, sich aus der Verantwortung zu stehlen.