Krise beim Circus Royal – Branchenkenner sagt voraus: «Es werden weitere Zirkusse schliessen müssen»

Ein Zirkus-Experte hat die negative Entwicklung des Circus Royal kommen sehen. Schon im Frühling habe dieser einen etwas trostlosen Eindruck gemacht. Ein zweiter Experte ist der Meinung, dass der klassische Zirkus früher oder später ganz aussterben werde. Dafür würden andere Formen wie der Weihnachtszirkus an Beliebtheit gewinnen.

Larissa Flammer
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Das diesjährige Programm des Circus Royal feierte vor halbleeren Rängen Premiere.

Das diesjährige Programm des Circus Royal feierte vor halbleeren Rängen Premiere.

(Bild: Andrea Stalder, Weinfelden, 2.März 2019)

Artisten aus anderen Ländern arbeiten gerne bei einem Zirkus in der Schweiz. Vor allem durch den National-Circus Knie hat die Schweiz in der internationalen Zirkuswelt einen guten Ruf. Eine Saison hierzulande ist daher eine wichtige Referenz für Artisten. Diese Einschätzung äussert Filip Vincenz. Der Zirkus-Experte präsidiert den Club der Circus-, Variété- und Artistenfreunde Schweiz und nimmt Stellung zur Krise beim Thurgauer Circus Royal.

«Artisten wissen, dass in der Schweiz der Lohn bezahlt wird. Und dass es auch ein guter Lohn ist», sagt Vincenz. Dass der Circus Royal nun offenbar mehrere Gagen gar nicht mehr oder nur noch teilweise bezahlt hat, werde die Runde machen. Genauso wie die Tatsache, dass manche Artisten Arbeiten erledigen mussten, die nicht im Vertrag standen. Der Experte sagt:

«Der Name Circus Royal hat gelitten.»

Wolle jemand das Unternehmen retten und weiterführen, werde es mit diesem Namen schwierig.

Artisten sind abgereist, die Raubtiernummer wurde gestrichen

Vincenz hat im Frühling zu Beginn der Saison eine Vorstellung im Circus Royal besucht.

«Es war ein Samstagabend und die Vorstellung unüblich schwach besucht.»
Filip Vincenz, Präsident Club der Circusfreunde.

Filip Vincenz, Präsident Club der Circusfreunde.

(Bild: PD)

Da habe er schon gedacht, dass sich der Betrieb so nie finanzieren lasse. Der Zirkus habe einen etwas trostlosen Eindruck gemacht. «Auch von aussen sah es nicht gerade einladend aus.» Das Programm sei aber sehr schön gewesen, betont Vincenz.

Trotzdem ist er nicht überrascht, wie sich die Lage entwickelt hat. Im Verlauf der Tournee habe man erfahren, dass Artisten abgereist seien, dann sei im August die Raubtiernummer aus dem Programm genommen worden und schliesslich habe man auch von erheblichen Problemen finanzieller Art gehört.

Circus Royal hat aufgrund seiner Grösse hohe Fixkosten

Der Club der Circusfreunde, den Filip Vincenz präsidiert, will seinen Mitgliedern sowie einer breiten Öffentlichkeit die circensische Kunst durch seine Aktivitäten näherbringen und pflegt Kontakte zu den verschiedensten Zirkusunternehmen im In- und Ausland. Zudem vergibt der Club an renommierten Nachwuchsfestivals Förderpreise für junge Artistentalente. Auch am Internationalen Circusfestival von Monte-Carlo durfte er mehrmals einen Sonderpreis verleihen.

Wenn ein Zirkus-Unternehmen für negative Schlagzeilen sorge, wirke sich das oft negativ auf die ganze Branche aus. Man müsse aber immer die Umstände beachten. Der Circus Nock, der diesen Frühling sein Aus verkünden musste, habe bis zum Schluss ohne Qualitätseinbussen gearbeitet – im Gegensatz zum Circus Royal.

Vincenz wehrt sich dagegen, dass wegen solcher negativer Schlagzeilen alle Zirkusunternehmen in den gleichen Topf geworfen werden. Der traditionsreiche Zirkus Stey zum Beispiel, der ebenfalls in der Ostschweiz unterwegs sei, mache seine Sache gut. «Der Zirkus Stey ist etwas kleiner, regionaler verankert und tritt auch in kleineren Dörfern auf.» Deshalb gelte:

«Mit seinem traditionellen Programmkonzept erfreut er sich immer noch grosser Beliebtheit.»

Sowohl Nock als auch Royal seien aber grosse Unternehmen mit hohen Fixkosten. «Bis jetzt reichten die Reserven aus, um eine zuschauermässig schwächere Saison zu überbrücken. Werfen mehrere aufeinanderfolgende Saisons zu wenig Gewinn ab, geht es dann einfach nicht mehr», sagt Vincenz.

Weihnachtszirkusse und andere Formen haben Erfolg

Sascha Landheer betreibt mit circustime.ch die grösste Zirkus-Fan-Seite der Schweiz. Er hat viele Kontakte in der Branche, auch den Direktor des Circus Royal kennt er persönlich. Daher will er den konkreten Fall nicht kommentieren, sagt aber allgemein: «Die Zirkus-Szene ist sehr schwierig geworden.» Auch der National-Circus Knie habe es nicht einfach. Es gebe immer mehr Auflagen, die Platzmiete und das Plakatieren würden immer teurer. Landheer prognostiziert:

«Es werden in absehbarer Zeit noch weitere Zirkusse schliessen müssen.»

Der klassische Zirkus werde früher oder später sogar ganz aussterben. Die Magie und der Reiz der Manege würden aber nicht verloren gehen. Es entwickle sich nur in eine andere Richtung. Shows wie Ohlala von Gregory Knie, Horror-Zirkusse, die in der ganzen Welt aufkommen, oder Weihnachtszirkusse würden sehr gut funktionieren.

Landheer zählt in der Schweiz noch eine Handvoll Zirkusse, die man im traditionellen Sinn so bezeichnen könne. Darunter Knie, Stey, Monti, Gasser-Olympia und Harlekin. Angesichts der Schwierigkeiten, mit denen sich Zirkusse konfrontiert sehen, kann der Experte eines erst recht nicht verstehen: «Im Gegensatz zu Opern werden diese nicht subventioniert.»

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