Kreativ durch neues Terrain navigieren: Diese Münchwilerin ist Kaospilotin

Vor 20 Jahren liess sich Daniela Hälg zur diplomierten Kaospilotin ausbilden. Nun führt die Münchwilerin Projekte und Teams durch chaotische Zeiten. Dieses unkonventionelle Studium hat sie nie bereut. 

Adrian Zeller
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Die Ausbildung zur Kaospilotin hat Daniela Hälgs Werdegang geprägt.

Die Ausbildung zur Kaospilotin hat Daniela Hälgs Werdegang geprägt.

(Bild: PD)

Während des Gesprächs schaut Daniela Hälg immer wieder auf ihre Mindmapping-Notizen. Sie hat sich gründlich auf das Interview vorbereitet, doch es fällt ihr nicht immer leicht, die Einsichten ihres dreijährigen Studiums in Worte zu fassen. Hälg hat im Jahr 2002 die Ausbildung zur Kaospilotin an der gleichnamigen alternativen Business-Schule im dänischen Aarhus abgeschlossen.

Aussenstehenden lassen sich die Ausbildungsinhalte nicht so ohne weiteres vermitteln. Gleichwohl ist sie überzeugt, dass ihr dieser dreijährige Lehrgang persönlich und beruflich viel gebracht hat. Am ehesten lasse er sich mit «Creative Leadership», kreative Führung, zusammenfassen, meint die 41-jährige Mutter einer kleinen Tochter. Sie sei sich bewusst, dass dieser Begriff wortreiche Erklärungen benötige, um richtig verstanden zu werden.

«Die Kaospiloten verstehen sich als Leader, im Gegensatz zu Managern. Management bewegt sich auf bekanntem Terrain, Leadership betritt Neuland.»

Neuland sei per Definition unberechenbarer und es könne auch chaotischer sein, sich darin zu bewegen, erläutert Hälg. «Damit muss man umgehen und im Chaos, dänisch ‹Kaos›, navigieren können. So entstand der Name ‹Kaospilot›».

Dänisch lernen für die passende Ausbildung

Nach ihrer Matura wollte die gebürtige Bronschhoferin, die heute in Münchwilen wohnt, im Tessin Kommunikationswissenschaften studieren. Ein Bekannter machte sie auf die Ausbildung zum Kaospiloten aufmerksam.

Nachdem sie die entsprechende Website gründlich gelesen hatte, wusste sie, dass dies die passende Ausbildung für sie sein könnte. Dazu musste sie Dänisch lernen, denn die vom Staat und von privaten Stiftungen finanzierte Ausbildungsstätte steht im dänischen Aarhus. Mittlerweile ist die Ausbildungssprache Englisch.

Zukunftsszenarien für Ericsson entwickelt

Der Lehrgang gliedert sich in die Jahresthemen «Project Design», «Process Design» sowie «Business Design». Der Wissenserwerb geschieht sowohl auf theoretische wie praktische Weise. «Im ersten Jahr realisierten wir unter anderem ein Kampagnenprojekt für das Rote Kreuz Norwegen, entwickelten Zukunftsszenarien für Ericsson oder eine Geschäftsidee für ein IT-Unternehmen in Stockholm.»

Im weiteren Ausbildungsverlauf absolvierten die Studierenden dreimonatige Praktika in Südafrika sowie in San Francisco. In Kalifornien entwickelte Daniela Hälg eine PR-Strategie für ein Kunstprojekt eines Möbelhändlers.

Wie die zertifizierte Chaoslotsin erläutert, liegt bei derartigen Aufgabenstellungen der Fokus nicht primär auf dem Ergebnis, ebenso wichtig ist der entsprechende Entwicklungsprozess. Kaospiloten üben in ihrer Ausbildung, diesen mit entsprechenden Arbeitsinstrumenten optimal zu steuern, damit nicht Ratlosigkeit und Konfusion entsteht.

Unorthodoxe Denkweisen im Mainstream angekommen

«Dabei spielt auch die entsprechende innere Haltung eine zentrale Rolle», erklärt Hälg. Die Studierenden lernen zum einen, über ihre eigene Rolle und Motivation in diesem Prozess nachzudenken. Und auch der konkrete Nutzen für den Empfänger der Dienstleistung sowie deren Wert für Gesellschaft und die Welt wird analysiert.

20 Jahre nach ihrem Ausbildungsabschluss seien die unorthodoxen Denk- und Arbeitsweisen mittlerweile in verschiedenen Organisationen und Firmen präsent, sagt Hälg. Während ihres Studiums waren derartige Sichtweisen hingegen noch ungewohnt und neuartig.

Den Mut gefasst, selbstständig zu werden

Die Ausbildung hat Daniela Hälg ermutigt, beruflich und auch privat sich selber zu sein und ihren Fähigkeiten zu vertrauen. Nach dem Studium arbeitete sie in der Schweiz in verschiedenen Agenturen und Organisationen.

Vor einigen Jahren fasste sie den Mut zur beruflichen Selbstständigkeit. Sie gründete die «Tatenschmiede» Oiya, mit der sie Organisationen, Unternehmen, Abteilungen oder Teams bei Konzeptentwicklungs- und Strategieprozessen begleitet.

«Ich habe mich seither nie um Aufträge bemühen müssen.» Sie arbeite mit viel Freude, dies bewirke wohl, dass die passenden Kunden auf sie aufmerksam werden.

Die Kaospiloten aus Dänemark und der Schweiz

Kaospilot ist eine alternative Business-Schule aus der dänischen Küstenstadt Aarhus. Sie wurde 1991 von Uffe Elbæk gegründet. Elbæk ist ein dänischer Sozialarbeiter, Autor, Journalist, Politiker und Unternehmer.

Die Schule bildet jährlich zwischen 35 bis 37 nationale und internationale Studentinnen und Studenten aus.
Ziel der Ausbildung ist es, kreative Leader, verantwortungsvolle Unternehmer und «Change Makers» auszubilden. Der Name Kaospilot dient dabei als Metapher für Führungspersonen, welche Projekte und ihr Team durch chaotische Zeiten führen und sie sicher an den Zielort bringen können.

Die Schweizer Ableger der Kaospiloten sind in Bern stationiert. Von 2012 bis 2019 haben sie laut Website ein drei Jahre dauerndes Vollzeit-Programm angeboten und dabei fünf Teams ausgebildet. Die letzte Klasse von Kaospiloten wird im Sommer 2020 abschliessen. Im September 2019 hat die Schule ihr eigenes Masterprogramm gestartet mit dem Namen «Guardians of Transformation».

In der Schweiz ist der Abschluss im Gegensatz zu Dänemark nicht staatlich anerkannt. Die Ausbildung kostet hier 16000 Franken im Jahr bzw. 48000 Franken für das dreijährige Training. (tos)
www.kaospilots.ch