Kontroverse
Die EVP distanziert sich von den umstrittenen Aussagen ihrer Fraktionspartnerin zu den Medikamententests in Münsterlingen

Während die EVP-Vertreter ausscheren, nimmt die Fraktion der Mitte Roland Kuhn in Schutz. Die positiven Aspekte der Arbeit des Psychiaters dürfte man nicht einfach ausblenden. Vorwürfe müssten an die damalige Gesellschaft und Politik gerichtet werden.

Silvan Meile
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Roland Kuhn, Oberarzt, später Direktor der psychiatrischen Klinik Münsterlingen, Entdecker des ersten Antidepressivums.

Roland Kuhn, Oberarzt, später Direktor der psychiatrischen Klinik Münsterlingen, Entdecker des ersten Antidepressivums.

PD
  • An der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen testete Roland Kuhn im Auftrag der Pharmaindustrie von von den 1940er bis in die 1980er Jahre besonders eifrig neue Substanzen.
  • Viele Tests fanden ohne Einwilligung und Wissen von Betroffenen statt.
  • Der Kanton Thurgau liess die Vorkommnisse von Historikern aufarbeiten. 2019 wurde das Resultat im Buch «Testfall Münsterlingen» veröffentlicht.

Roland Kuhn polarisiert. Am Mittwoch überrasche Mitte-Kantonsrätin Katharina Zürcher mit einem Votum, mit welchem sie das Wirken des Münsterlinger Psychiaters durch alle Böden verteidigte (wir berichteten). Das löste in Teilen des Parlaments, wo die Frage nach Entschädigungen für die Opfer aufgeworfen wurde, Empörung aus. «Ich bin entrüstet», sagte etwa SP-Kantonsrat Turi Schallenberg.

Schon mehrmals diskutierte der Rat über die Medikamententests, die Roland Kuhn zwischen den 1940er- und 1980er-Jahre in Münsterlingen durchführte. Es ist ein sensibles wie emotionales Thema – und es polarisiert.

Die Fraktionspartnerin geht auf Distanz

Auch die Ratsvertreter der EVP grenzen sich ab, obwohl sie mit der Mitte eine Fraktionsgemeinschaft bilden. «Wir von der EVP distanzieren uns klar vom Votum unserer Fraktionssprecherin uns sehen sehr wohl Leid, das durch die Medikamententests in Münsterlingen verursacht wurde», sagt EVP-Kantonsrätin Elisabeth Rickenbach. Eine Entschuldigung dafür könne nicht zu früh erfolgen, sagt sie in Anspielung auf die Äusserung Zürchers, der damalige Regierungsrat Jakob Stark habe sich für den Testfall Münsterlingen «zumindest voreilig» entschuldigt.

Die Frage von Opferentschädigungen müsse aber auf nationaler Ebene diskutiert werden, sagt Rickenbach. Auch stehe die EVP für ein Mahnmal der Vorkommnisse in der damaligen psychiatrischen Klinik ein. EVP-Kantonsrat Christian Stricker sagte während der Grossratsdebatte, ein solch klares Zeichen müsse ausdrücken, «dass insbesondere alles daran gesetzt werden muss, um die unwürdige Behandlung vulnerabler Personen unter anderem auch von Kindern und Jugendlichen» zu verhindern.

Die Mitte-Partei gibt Rückendeckung

In der Fraktion der Mitte-Partei steht man zu den Aussagen Zürchers. Die Sprecherin habe sich äusserst intensiv mit der Thematik beschäftigt, sagt Fraktionspräsident Gallus Müller. Im Vorfeld der Debatte habe es in seiner Fraktion auch kritische Stimmen gegeben. Die grosse Mehrheit stehe aber hinter der schliesslich geäusserten Haltung. Vielleicht sei das Votum tatsächlich eine Spur zu einseitig ausgefallen. Doch die positiven Aspekte beziehungsweise den durch Roland Kuhn erzielten Fortschritt in der Psychiatrie dürfe nicht einfach ausgeblendet werden.

Kuhn entdeckte das Antidepressivum, veröffentlichte zahlreiche Publikationen und hielt Vorträge. In der Fachwelt genoss er enorme Anerkennung, wurde von drei Universitäten mit dem Ehrendoktortitel ausgezeichnet. Kritik kam vor allem nach seinem Tod 2005 auf. Seither werden ihm ethisch fragwürdige und wissenschaftlich zweifelhafte Bedingungen seiner Medikamententests in Zusammenarbeit mit diversen Pharmafirmen vorgeworfen, die er teilweise auch ohne Einwilligung von Patienten durchführte. Der Kanton Thurgau liess den Fall schliesslich wissenschaftlich von Historikern aufarbeiten, ohne Einbezug von Medizinern, Psychiatern oder Pharmakologen, wie Zürcher im Rat kritisierte. Am Donnerstag war sie für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Prüfungen unter damaligen Rahmenbedingungen

Es sei falsch, nur auf negative Aspekte zu fokussieren. «Wir können heute nicht beurteilen, ob ohne die damaligen Vorkommnisse noch mehr Leid passiert wäre», sagt Mitte-Fraktionschef Gallus Müller. Den Fall Münsterlingen aber mit heutigen Wertmassstäben zu messen, sei nicht richtig. «Die Zeit war eine andere.» Vorwürfe müssten an die damalige Gesellschaft und Politik gerichtet werden.

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