Kommentar
Die Münsterlinger Medikamententests müssen mit den heutigen Massstäben gemessen werden

Im Thurgauer Grossen Rat entflammte eine Diskussion um die Opfer von Psychiater Roland Kuhn, der von den 1940er bis in die 1980er Jahre Psychopharmaka an Patienten testete. Mit den heute geltenden Wertmassstäben darf der eifrige Pillentester nicht mehr in Schutz genommen werden.

Silvan Meile
Silvan Meile
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Blick auf Gebäude der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen.

Blick auf Gebäude der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen.

Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Kantonsräte trauten ihren Ohren nicht. Im Namen der Mitte/EVP-Fraktion zeichnete Katharina Zürcher das Bild von Roland Kuhn als Propheten, der im eigenen Land nichts wert sei. Genau so, wie sich der Psychiater selber sah, der jahrzehntelang nichtzugelassene Psychopharmaka an
ahnungslosen Patienten testete. Spätestens mit den heute geltenden Wertmassstäben der Gesellschaft darf der eifrige Pillentester aber nicht mehr in Schutz genommen werden.

Kuhn gilt als Entdecker der antidepressiven Wirkung von Imipramin. Wohl half er mit, dass Elektroschocks aus den Psychiatrien verschwanden. Das hat vielen Menschen Leid erspart. Heute erscheinen seine Test-Methoden jedoch verwerflicher, je länger er sie anwendete. Für Akzeptanz in der Fachwelt nahm er vielleicht sogar Tote in Kauf. Damals aufkommende wissenschaftliche Prüfungsanordnungen ignorierte er, während die Behörden wegschauten. Das hält «Testfall Münsterlingen» fest, die wissenschaftliche Aufarbeitung seines Wirkens.

Wer wie Kantonsrätin Zürcher bemängelt, Kuhns Leistungen werden heute in ein völlig falsches Licht gerückt, misst mit anderen Massstäben. Wenn Kuhns Vorgehen nicht illegal war, dann war es zumindest eigenmächtig bis selbstherrlich. Das zeigen die nachgewiesenen Mengen an drei Millionen Dosen Prüfsubstanzen, die in seiner Zeit nach Münsterlingen geliefert wurden – und die er oftmals undokumentiert verabreichte.

Mit den Versuchen an Menschen geschah Unrecht. Der Thurgau hat seinen Fall Münsterlingen aufgearbeitet. Jetzt soll er das Thema national ansprechen. Medikamententests gab es auch in anderen Kliniken. Eine Lösung, wie man die Opfer entschädigen soll, muss auf Bundesebene ausgearbeitet werden. Dabei darf sich auch die Pharmaindustrie, die in Kuhns Fall von dessen Testeifer profitierte und ihm dafür ein Vermögen auf sein Privatkonto transferierte, nicht aus der Verantwortung stehlen.

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