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Die uralten Stollen im Herdermer Untergrund

Weitestgehend unbekannt und verborgen liegen in der Gemeinde Herdern hinauf nach Kalchrain Stollen eines Kohlebergwerks von 1855. Zwischenzeitlich löste es gar einen länderübergreifenden Streit aus.
Ernst Hunkeler
Der preussische Adler im Sandstein dürfte von einem deutschen Kriegsinternierten um 1917 geschaffen worden sein. (Bilder: Andrea Stalder)

Der preussische Adler im Sandstein dürfte von einem deutschen Kriegsinternierten um 1917 geschaffen worden sein. (Bilder: Andrea Stalder)

Unmittelbar neben der Strasse von Herdern hinauf nach Kalch-rain, etwa in deren Hälfte, zieht sich hangseitig eine ebene Na-turwiese wohl 200 Meter nach Osten. Hier herrschte vor exakt hundert Jahren rund um die Uhr emsige Betriebsamkeit. Bergleute begrüssten sich bei Schichtbeginn und -ende mit ihrem traditionellen «Glück auf!», manchmal erklang vielleicht auch die uralte Knappenhymne, das Steigerlied. Dazu kam das Rattern der Loren auf den Schmalspurgleisen und das Stampfen der Pumpe. Die Geräusche sind längst verhallt, und nur wer im Gelände gezielt nach Spuren sucht, kann da und dort noch Hinweise auf montane Tätigkeit finden.

Die Grube Herdern gehörte zu einer beträchtlichen Zahl an Minen, die während des Ersten Weltkrieges auf Braunkohle betrieben wurden: Im St. Galler Linthtal zum Beispiel und als grösste Anlage in der Schweiz das «Bergwerk Gottshalden M. Zschokke & Compagnie» in Käpfnach am Zürichsee, von dessen 90 Kilometern Stollen seit 1985 ein winziger Teil besichtigt werden kann. Die in weiteren kleinen und kleinsten Minen geförderte Braunkohle wurde zwar als «feuerfest» verspottet, doch sie half allemal, über den Kohlemangel während des Ersten Weltkrieges hinwegzukommen. Dazu trug auch das vergleichsweise winzige Bergwerk im Wolfersbärg (früher noch Wolfisberg) bei Herdern in bescheidenem Masse bei.

Geschäftsleute kauften kohleträchtiges Land

Begonnen hatte die Kohleförderung auch bei Herdern lange vor dem Ersten Weltkrieg: 1855 hatten Strassenbauarbeiten zwischen Herdern und Kalchrain ein Kohlevorkommen freigelegt, das man schon ein Jahr später abzubauen begann. Zwei Züricher Geschäftsleute hatten den Besitzern des nahen Berghofes das kohleträchtige Land abgekauft und liessen nun erst im Tage-, später auch im Untertagebau fördern.

Zwei Stollen von rund 100 Metern Länge wurden in nordöstlicher Richtung in den Berg getrieben, ein etwas kürzerer Querschlag aufgefahren und im äussersten Norden des Grubenfeldes ein neun Meter tiefer Probeschacht abgeteuft. Abgebaut wurde bis 1862, wobei insgesamt geschätzte 35'000 Zentner gefördert wurden – die letzten davon durch zwei abenteuerlustige Privatleute, der eine davon Schuhmacher. Sie holten zwar nicht viel Kohle aus dem Seerücken, kamen aber immerhin mit dem Leben davon: Ein von ihnen gegrabener Seitenstollen bracht eines Nachts in Anwesenheit der beiden ein. Ihre ganze Ausrüstung, im Bergbau Gezähe genannt, liege noch heute tief im Berg. Danach herrschte 54 Jahre Ruhe im Wolfisberg.

Vor lauter Efeu und Laub ist der Adler kaum zu sehen.

Vor lauter Efeu und Laub ist der Adler kaum zu sehen.

Weitere Vorkommen am Untersee entdeckt

Dann besann man sich – ausgelöst durch die Kohleknappheit im Ersten Weltkrieg – wieder auf die Herdermer Kohle. Der erste Konzessionär und Minenbetreiber war der überaus vielseitige Unternehmer Gustav Weinmann aus Zürich. Ihm wurde jedoch die Abbauerlaubnis schnell wieder entzogen, weil er sich einzig auf einen schnell rentablen Tagebau konzentrierte und keine weiterreichende Prospektionsarbeiten durchführte. Ab 1917 betrieb die Konstanzer Firma Strohmeyer das Bergwerk vorab mit 30 internierten Bergleuten, wobei man hauptsächlich von den alten Stollen von vor 60 Jahren aus arbeitete.

Das eindrucksvolle Jahresergebnis aus dem Bergwerk: 465 Tonnen Kohle, 145 gewonnen im Tagebau, 320 in den Stollen.

Obwohl die Firma Strohmeyer auch prospektierte und kleinere Kohlevorkommen bei Mammern, Berlingen, Ermatingen, Engelshofen, Wellhausen und Oberwyl aufspürte, blieb der Betrieb defizitär und endete schliesslich im Januar 1919 im Streit mit den Thurgauer Lizenzgebern. Seitens der Regierung wurden Schadenersatzforderungen wegen Landverwüstung laut, der in Herdern lagernde Kohlevorrat wurde beschlagnahmt.

Und heute? – Vom einstigen Bergwerk ahnt niemand etwas. Die einstigen Stollenportale und der Schacht sind verstürzt, zugeschüttet und nicht mehr auszumachen. Das ehemalige Tagebaugelände (Flurname Cholegrueb) erstreckt sich als hangseitige Ebene zwischen Kalch­rain und Herdern. Dort standen das Pumpenhaus sowie die Mannschaftsbaracke, und von dort führte auch der östliche der beiden Hauptstollen in den Berg. Der westliche setzte unterhalb der Strasse an. Ebenso interessant wie rätselhaft ist der preussische Adler, den man etwa 200 Meter ostwärts ein paar Meter im Waldesinnern in eine Sandsteinwand eingemeisselt findet. Weiter östlich weist die Fluh von Hand gebohrte Löcher und Nischen auf. Ob hier ein alter Mineneingang unter dem Waldboden liegt? Der Wolfersbärg wird wohl auch dieses Geheimnis weiter bewahren.

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