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Medikamententests in Münsterlingen und sexuelle Misshandlungen im Kloster Fischingen: Ehemaliges Heimkind verklagt den Kanton Thurgau auf 1,4 Millionen

Der Regierungsrat habe seine Aufsichtspflicht verletzt, sonst hätten die Misshandlungen im Kinderheim des Klosters Fischingen nicht passieren können. Das sagt ein ehemaliger Zögling und reicht Klage beim Thurgauer Verwaltungsgericht ein. Der Knackpunkt dabei ist die Verjährung.
Ida Sandl
Anwalt Philip Stolkin und Walter Nowak, ehemaliges Heimkind und Kläger. (Archivbild: Nana do Carmo)

Anwalt Philip Stolkin und Walter Nowak, ehemaliges Heimkind und Kläger.
(Archivbild: Nana do Carmo)

Beim Thurgauer Verwaltungsgericht liegt eine happige Klage: 1,389 Millionen Franken fordert der Österreicher Walter Nowak vom Regierungsrat. Dieser habe seine Aufsichtspflicht gegenüber dem Kinderheim des Klosters Fischingen nicht wahrgenommen und so indirekt sein Leben zerstört. Walter Nowak war während der 60er- und zu Beginn der 70er-Jahre Zögling im Kinderheim.

Die Klage begründet sein Anwalt Philip Stolkin mit den schweren körperlichen und sexuellen Misshandlungen, die Nowak erdulden musste. Er gehörte auch zu den Kindern, an denen der Münsterlinger Psychiater Roland Kuhn nicht zugelassene Medikamente getestet hat.

Ein leichtes Opfer für die Peiniger

Der Bub war der Willkür der Mönche und Erzieher ausgeliefert, da sich niemand für ihn eingesetzt hat. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt. Die Mutter war Alkoholikerin und überfordert, der Stiefvater lehnte ihn ab. Wegen der Medikamente, die an ihm getestet wurden, sei er während seiner Zeit in Fischingen an Gelbsucht erkrankt.

Nowak hätte den Schutz des Staates besonders nötig gehabt, sagt Stolkin. Doch den bekam er nicht, obwohl das Eidgenössische Strafgesetzbuch von 1942 die Kantone verpflichtete, erzieherische Anstalten einer staatlichen Aufsicht zu unterstellen. Das Kinderheim wurde zu Nowaks Zeiten vom privaten Verein St.Iddazell geführt.

Ohne Weisung keine Aufsicht

Der Thurgau habe die Aufsicht über seine Kinderheime zwar 1946 im Gesetz verankert. Die Weisung, wie die Aufsicht konkret auszusehen habe, sei aber erst 30 Jahre später erlassen worden. Die Grundlage zur Kontrolle der Kinderheime habe somit gefehlt. In der Klagebegründung heisst es:

«Ohne Weisung war eine Umsetzung der Verordnung nicht möglich, was wiederum beweist, dass das Heim nicht beaufsichtigt worden ist».

Nicht nur hier hat die Regierung aus Sicht von Stolkin versagt, sie habe auch die Medikamentenversuche von Psychiater Kuhn stillschweigend geduldet. Dies zeige der vor kurzem veröffentlichte wissenschaftliche Bericht.

Heute ist Nowak Anfang 60 und IV-Empfänger. Die Zeit in Fischingen hat tiefe Wunden bei ihm hinterlassen. Körperliche und psychische Krankheiten begleiten ihn sein Leben lang. Im Sport lotete er Grenzen aus, um seine Depressionen zu betäuben. Das führte zu Unfällen und erneutem Leiden. Die vielen Krankheitstage verhinderten ein berufliches Weiterkommen. Er musste seine Arbeitsstellen wechseln, verlor den Job. Stolkin kommt zum Schluss:

«Wäre der Kläger in Fischingen nicht geschlagen und gedemütigt worden, litte er heute nicht an einem komplexen, posttraumatischen Belastungssyndrom.»

Nowaks Anwalt hat das Gehalt, das seinem Mandanten durch die Beeinträchtigungen entgangen ist, hochgerechnet. Er geht von einem durchschnittlichen Nettoverdienst von 5000 Franken aus. Dazu kommt der Lohn für eine Haushaltshilfe, weil Nowak nicht in der Lage sei, seine Belange selbstständig zu meistern. Mit einer Genugtuung von 131000 Franken ergibt das rund 1,4 Millionen Franken. «Das ist der Betrag, der zum Beispiel bei Schädel-Hirn-Trauma nach einem Autounfall zugesprochen wird», sagt Stolkin.

Das Geschehene über Jahrzehnte verdrängt

Der Knackpunkt bei der Klage dürfte die Verjährung sein. Denn die Ereignisse im Fall Nowak liegen mehr als 50 Jahre zurück.

Stolkin argumentiert, sein Mandant habe die schlimmen Erlebnisse seiner Kindheit verdrängt und all die Jahre wie unter einer Dunstglocke gelebt. Erst als 2014 die Missbräuche in Fischingen öffentlich wurden, sei die Vergangenheit wieder lebendig geworden und er habe fristgerecht Klage eingereicht (siehe Box). Vorher habe er nicht klagen können, da ihm die Verletzung der Aufsichtspflicht durch die Thurgauer Regierung gar nicht bewusst gewesen sei.

Nach Ansicht von Stolkin sind die Misshandlungen ohnehin nicht verjährbar. Denn bei Walter Nowak seien die Grundrechte in ihrem Kern betroffen. Basis dafür ist die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK). «Wenn nicht von Folter, so ist von einer unmenschlichen Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK auszugehen», schreibt Stolkin.

Im schlimmsten Fall bis Strassburg

Der Anwalt befürchtet, dass die Klage vom Verwaltungsgericht als «aussichtslos» abgewiesen wird. Damit sich die Verwaltungsrichter dann trotzdem mit der Sache beschäftigen, müsse der Kläger, also Nowak, einen Kostenvorschuss bezahlen. Stolkin rechnet mit 20'000 bis 40'000 Franken: «Um das Geld aufzutreiben, müssten wir ein Crowdfunding starten.»

Sollte die Klage abgelehnt werden, will Stolkin den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen. Doch der Weg nach Strassburg führt über das Thurgauer Verwaltungsgericht.

Klage ist seit Mai 2015 beim Verwaltungsgericht

Die Klage gegen die Thurgauer Regierung wegen Verletzung der Aufsichtspflicht wurde vor viereinhalb Jahren eingereicht. Seitdem liegt sie beim Verwaltungsgericht. Walter Nowaks Anwalt Philip Stolkin hat sie sistiert, also eingestellt. Er wollte zuerst den Bericht zu den Medikamententests von Psychiater Roland Kuhn abwarten. Diese Woche will er die Sistierung aufheben.

Würde Nowaks Klage gutgeheissen, kämen wohl noch mehr Forderungen von anderen Heimkindern oder Menschen, an denen Medikamente getestet wurden, auf den Thurgau zu. Stolkin ist der Meinung, dass der Kanton dies nicht allein stemmen müsste. Sein Ziel sei, dass sich die Regierung mit Novartis an einen Tisch setzt und einen Fonds für die Opfer aushandelt. Der Pharmakonzern habe schliesslich auch finanziell enorm von Kuhns Medikamentenversuchen profitiert. (san)

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