Klimawandel
Schotter fürs Gehölz: Wegen defizitärer Forstwirtschaft suchen Thurgauer Waldbesitzer nach Lösungen

Der Wald ist seinen Besitzern zum Verlustgeschäft geworden. Tief sind die Holzpreise, hoch die Anforderungen an die Pflege des Waldes. Der Thurgauer Verband der Waldeigentümer will nun einen Weg aus der Krise finden – und bittet alle Anspruchsgruppen an einen Tisch.

Silvan Meile
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Die Waldbesitzer suchen für die Pflege ihrer Wälder nach Lichtblicken.

Die Waldbesitzer suchen für die Pflege ihrer Wälder nach Lichtblicken.

Donato Caspari

«Betreten verboten.» Die Meldung aus Basel hat Josef Grob aufgeschreckt. Nach dem heissen und trockenen Sommer 2018 sperrten die Behörden am Rheinknie das weitläufige Naherholungsgebiet Hardwald während Monate für die Bevölkerung. Zu sehr litt der Wald unter der Dürre, zu gross sei die Gefahr stürzender Bäume oder abfallender Äste.

Für Josef Grob war klar: Ein solches Szenario will er im Thurgau verhindern. Der Bischofszeller ist Präsident von Wald Thurgau, dem Verband von 8500 Thurgauer Waldeigentümern. Jetzt brauche es Massnahmen, damit der Wald gesund und gepflegt in die Zukunft kommt. Doch die Herausforderungen des Klimawandels sind für Waldbesitzer ein zusätzliches Problem in einer ohnehin schwierigen Zeit. Es fehlt auch an Geld. Grob sagt:

Josef Grob, Präsident von Wald Thurgau.

Josef Grob, Präsident von Wald Thurgau.

Bild: PD
«Praktisch alle Forstbetriebe schreiben tiefrote Zahlen.»

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Holzpreis – mit zwischenzeitlichen Erholungen – laufend gesunken. Daniel Böhi, Leiter des Thurgauer Forstamtes, veranschaulicht es an zwei Kurven. Demnach betrug der Nettoertrag der Forstbetriebe für einen Kubikmeter Holz im Jahr 1987 noch 110 Franken. 2019 waren es 57 Franken. Während sich der Preis also praktisch halbierte, haben sich in der gleichen Zeitspanne die Lohnkosten in den Forstbetrieben beinahe verdoppelt.

Holzerträge decken Arbeitsaufwände nicht

Für die Waldbesitzer ist das Geschäft mit dem Holz zum Verlust geworden. Die Anforderungen an sie sind aber gestiegen. Wegen des Klimawandels nehmen Waldschäden aufgrund von Stürmen und Trockenheit zu. Das begünstige auch Schädlinge wie den Borkenkäfer.

Dadurch werden die Pflege und Aufforstung des Waldes intensiver. Die Arbeiten können mit den Holzerträgen nicht mehr gedeckt werden. «Die Waldpflege, aber auch das langfristige Überleben der Forstbetriebe sind unter diesen Voraussetzungen in Frage gestellt», hält der aktuelle Waldentwicklungsplan des Kantons zur wirtschaftlichen Lage der Forstbranche fest. Gleichzeitig nehme die Bedeutung des Walds für die Freizeitgestaltung zu.

Die Regierungsrätin ist mit am Tisch

Jetzt braucht es neue Ideen, denkt sich Josef Grob. Deshalb hat er rund 40 Interessenvertreter zu einem tägigen Workshop eingeladen. Vom Orientierungsläufer über den Säger und den Förster bis zur Primarschulpräsidentin sollte eine Auslegeordnung gemacht werden, «was für einen Wald wir in Zukunft haben wollen», sagt Grob.

Am Mittwoch legten nun die Teilnehmer des Workshops in der Frauenfelder Konvikthalle ihre Ideen auf den Tisch. Josef Grob zeigt sich vom Resultat begeistert. Es sollte nicht das letzte Treffen gewesen sein. «Wir haben eine Grundlage geschaffen, auf der wir gemeinsam aufbauen dürfen.» Nun trägt er alle Inputs zusammen und versucht, Massnahmen daraus abzuleiten.

Mehr Geld für den Wald generieren, ist ein schwieriges Unterfangen

Letztendlich geht es um eine Stossrichtung: Wie können Waldbesitzer neue Geldquellen erschliessen, damit jene Pflege abgegolten ist, für die das Geld aus dem Holzverkauf nicht reicht? Das ist ein schwieriges Unterfangen. Auch der Regierungsrat hatte sich in seinen Regierungsrichtlinien 2016 bis 2020 einen «Aktionsplan für die Inwertsetzung von Waldleistungen» zum Ziel genommen. Bis heute ist aber kein solcher zu Stande gekommen. Carmen Haag, Chefin des Departements für Bau und Umwelt, sagt:

Regierungsrätin Carmen Haag.

Regierungsrätin Carmen Haag.

Reto Martin
«Leistungen zu benennen ist einfacher, als jemanden zu finden, der dafür bezahlt.»

Im Workshop wurde angedacht, eine Lenkungsabgabe für Trinkwasser aus bewaldetem Gebiet zu erheben. Auch in der kantonalen Biodiversitätsstrategie könnten sich Möglichkeiten ergeben. Oder soll gar vom Jäger über den Mountainbiker bis zum Pilzsammler Gebühren erhoben werden?

Für die gebeutelten Thurgauer Waldbesitzer – 56 Prozent des Waldes ist in Privatbesitz, nur in ganz wenigen Kantonen ist das mehr – gibt’s bereits Hoffnung aus Bern. Während der Sommersession hat das eidgenössische Parlament eine Motion des Appenzell Innerrhoder Ständerats Daniel Fässler genehmigt. Er verlangt, den Defiziten in der Waldpflege mit Entschädigungen entgegenzuwirken – für einen gesunden, stabilen und klimafitten Wald. Fröhlicher stimmen lässt sie auch die aktuell steigenden Holzpreise. Die Branche hofft, dass diese auch zu Beginn der Holzschlagsaison im Herbst noch gegen oben zeigen.

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