Ein Bio-Landwirt aus Diessenhofen ist sich sicher: Klimaschutz macht sich bezahlt

Heinz Brauchli aus Diessenhofen ist einer von rund hundert Schweizer Bauern, die auf regenerative Landwirtschaft setzen. Dieser Ansatz stammt aus Deutschland und kommt in der Schweiz seit etwa fünf Jahren zur Anwendung, überwiegend im Ackerbau.

Thomas Güntert
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Landwirt Heinz Brauchli. (Bild: Thomas Güntert)

Landwirt Heinz Brauchli. (Bild: Thomas Güntert)

Das Aha-Erlebnis hatte Heinz Brauchli vor drei Jahren. Damals besuchte er mit seinem Nachbarn Markus Weber einen Kurs der deutschen Fach-Referenten Friedrich Wenz und Dietmar Näser über belebenden regenerativen Bodenaufbau. Brauchli betreibt seit acht Jahren biologische Landwirtschaft mit einer Betriebsfläche von 28 Hektaren, wovon er auf 20 Hektaren Ackerbau betreibt. Nebst dem Anbau von Kartoffeln, Mais, Saatgetreide und Gemüse mästet er auch 15 Bio-Weiderinder. Brauchli möchte mit der regenerativen Landwirtschaft einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten. Der 58-Jährige bemerkt:

«Verhindern werden wir ihn nicht können, aber vielleicht etwas verzögern.»

Bei der regenerativen Landwirtschaft wird das Kohlendioxid, das die Pflanzen der Luft entziehen und speichern, in den Boden gebracht und zum Humus umgewandelt.

Kohlendioxid gehört in den Boden

Brauchli liess zuerst eine Bodenprobe machen. Das Ergebnis brachte ihm die Erkenntnis, dass seine Äcker mit einer Bodenschicht zwischen 20 und 80 Zentimeter einen Humusgehalt von rund 2,5 Prozent haben und es etwas an Schwefel und Magnesium fehlt. Im Herbst hat er eine Gründüngermischung mit Roggen, Wicken und Inkanatklee eingesät sowie Magnesium und Schwefel in Form von Dünger zugegeben. Mitte April hat er die Pflanzen gemulcht und mit der Bodenfräse etwa drei Zentimeter in den Boden gebracht.

Brauchli zögerte den Zeitpunkt bis drei Wochen vor der Neueinsaat hinaus, damit möglichst viel Biomasse entstehen konnte. Das bis zu 70 Zentimeter hohe Schnittgut bespritzte er beim Mulchen und beim Einfräsen zweimal mit «Effektiven Mikroorganismen» (EM), die ursprünglich aus Japan kommen. Pro Hektare benötigt Brauchli ein Gemisch von 80 bis 100 Litern, das aus Milchsäure- und Fotosynthesebakterien sowie verschiedenen Hefen besteht. Die genaue Zusammensetzung ist ein streng gehütetes Geheimnis des Herstellers. Brauchli braucht allerdings nur einen kleinen Stamm der EM, da er sie selbst vermehrt, indem er eine Grundlösung mit 0,3 Prozent EM und Zuckermelasse auf 35 Grad erwärmt und eine Woche lang stehen lässt. Durch die Kostenersparnisse kann er die Böden grosszügiger damit behandeln.

Feld ist nach dem Einfräsen zehn Tage tabu

«Wenn man zu wenig EM beigibt, kann es vorkommen, dass der Silierprozess nicht einsetzt, das Ganze zu faulen beginnt und Wasser freisetzt», bemerkt Brauchli. Er betont auch, dass man die Pflanzen sofort nach dem Mulchen in den Boden fräsen muss, weil sonst ein Teil der Energie verloren geht, und dass das Feld nach dem Einfräsen etwa zehn Tage nicht befahren werden sollte. Die Bakterien wandeln innerhalb sechs Wochen 20 Tonnen Grünfutter pro Hektaren zu Humus um.

«Die Milchsäurebakterien sind wie ein Siliermittel.»

Der Humus besteht aus 90 Prozent Kohlenstoff, neun Prozent Stickstoff und einem Prozent Schwefel. Er ist Wasser- und Nährstoffspeicher sowie widerstandsfähig gegen Erosionen und starke Niederschläge.

Durch eine mit EM behandelte Gründüngung kann der Humusanteil des Mutterbodens um etwa 0,1 Prozent steigen. Das neu eingesäte Getreide behandelt Brauchli zudem mit Komposttee, wodurch es widerstandsfähiger wird. Mit der eigenen Kompostteemaschine vermehrt er auch die Kompostbakterien selbst.

100 Kilo mehr Kartoffeln pro Are

Brauchli war anfangs skeptisch, die Kosten von 2000 Euro für den neuntägigen Kurs schienen ihm hoch.

«Aber wie schnell gibt man 10'000 Franken für eine Maschine aus?»

Bei den Kartoffeln konnte er den Ertrag bereits von 200 Kilogramm pro Are auf 300 Kilogramm erhöhen. Durch die krümelige Bodenbeschaffung kann er den Vollernter mit zwei Stundenkilometer laufen lassen, und er muss die Äcker praktisch nicht mehr pflügen.

Der Diessenhofer Bio-Landwirt hofft, dass regenerative Landwirtschaft vom Bund einmal als Beitrag zum Klimaschutz mit Direktzahlungen gefördert wird. 2019 stellt Brauchli seinen Betrieb den beiden Spezialisten Friedrich Wenz und Dietmar Näser für eine neue Kursreihe zur Verfügung. Ende Januar gibt es in der Diessenhofer Pizzeria Da Pulcinella drei Tage Theorieunterricht. Im April, Juni und September finden auf den Höfen von Heinz Brauchli und Markus Weber jeweils zwei Praxistage statt. Eine Vergütung bekommen die beiden Diessenhofer Bio-Bauern aber keine.

«Dafür gibt aber immer wieder neue Erkenntnisse», sagt Brauchli.

WANDEL: «Bauern erhalten zu wenig Anerkennung»

Die Landwirtschaftsfläche ist geschrumpft, genau wie die Anzahl Bauernhöfe. Die noch bestehenden Betriebe sind dafür eher gewachsen und haben sich stark spezialisiert. Während die Milchwirtschaft Mühe hat, wächst der biologische Landbau.
Larissa Flammer