Kleinere Kühe sind gesünder: Hinterthurgauer Bauern machen sich Gedanken über die Genetik

Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft heisst auch Kühe zu züchten, die robust sind. Das ist vor allem für die Bauern der Hinterthurgauer Hügel wichtig. Denn grosse Tiere, die viel Milch geben, haben oft Gelenk- und Klauenprobleme.

Ruth Bossert
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Eine Kuh an einer Viehschau. (Bild: Benjamin Manser)

Eine Kuh an einer Viehschau. (Bild: Benjamin Manser)

Die Hinterthurgauer Bergbauern wissen es. Ihre landwirtschaftlichen Nutzflächen in der Bergzone und in der voralpinen Hügelzone können nur als Grünland zur Raufutterproduktion genutzt werden. «Die Frage, mit welchen Kühen diese Flächen am idealsten bewirtschaftet werden, muss hingegen jeder einzelne Landwirt für sich selber beantworten», sagte Jakob Hug von der Vereinigung Hinterthurgauer Bergbauern gleich zu Beginn der Weiterbildungsveranstaltung.

Um neue Impulse zu erfahren, lud er Michael Schwarzenberger vom Bildungs- und Beratungszentrum Arenenberg ein, die Strategien der 2015 gegründeten IG «Neue Schweizer Kuh» vorzustellen und mit den knapp 20 anwesenden Bergbauern zu diskutieren.

Kuh wurde immer grösser, breiter und schwerer

Seit den 60er-Jahren hat sich die jährliche Milchmenge einer Schweizer Kuh verdoppelt. Heute erbringen durchschnittliche Milchkühe zwischen 7500 und über 10'000 Kilogramm Milch pro Jahr. Auf dieses Ziel hin werden die Kühe auch gezüchtet, sagte Schwarzenberger.

Doch dieses Streben nach Leistungssteigerung hat Schattenseiten. Die Kuh ist in den vergangenen Jahren immer grösser, breiter und schwerer geworden. Damit nehmen Gelenk- und Klauenprobleme zu und das Trimmen auf Leistung macht sie anfälliger für Krankheiten.

Nutzungsdauer kommt vor hoher Milchleistung

Zusammen mit interessierten Landwirten und Bildungszentren aus der ganzen Schweiz hat sich die IG «Neue Schweizer Kuh» Gedanken gemacht, wie es mit der Tierzucht weitergehen soll, erklärte Schwarzenberger die Motivation für deren Gründung.

Die Antworten auf die Frage, was Landwirte von einer wirtschaftlichen Kuh erwarten, kamen prompt: Das Tier soll robust und fruchtbar sein, eine mittlere Grösse haben, jedes Jahr ein gesundes Kalb zur Welt bringen, als Herdentier funktionieren und das eigene Grundfutter effizient in Milch umsetzen. Zudem wäre eine lange Nutzungsdauer ideal und die Kuh sollte einen guten Charakter haben.

IG stellt neue Kriterien für Zuchtstiere zusammen

Langzeitstudien beweisen, dass grössere Kühe keinen Vorteil gegenüber kleineren Kühen aufweisen. So müssen schwere Tiere deutlich mehr Milch geben, um in der Energie-Umwandlungseffizienz gleich gut dazustehen. Sie brauchen dementsprechend auch mehr Kraftfutter. Durch die vermehrte Bewegung der Kühe im Berggebiet sei der Fokus auf kleinere, leichtere Tiere noch wichtiger.

Doch wie kommt man zu robusten, kleinen und gesunden Tieren? Für den Experten vom Arenenberg war klar, dass die Industrie sich bemühen muss, die entsprechende Genetik auf den Markt zu bringen. Dafür erstellte die IG einen Katalog mit Merkmalen der Zucht.

Rassenunabhängig rangieren dort Stiere, welche die Kriterien der IG am ehesten erfüllen. Es sind nicht die bisherigen Werte wie schönes Euter und Milchleistungssteigerung, die gefordert wurden. Es sind Robustheit, Vitalität, Fruchtbarkeit und Langlebigkeit. Im Zentrum stehe aber das Züchten von Tieren, die betriebseigenes Gras effizient in Milch umsetzen.

Jeder hat eine gute Zuchtkuh im Stall

Schwarzenberger rief die Bauern dazu auf, sich nicht von den Katalogen mit den schönen Fotos blenden zu lassen. «Schaut euch die Merkmale gut an, überlegt, was ihr braucht, und was für eure Zucht wichtig ist.» Wenn sich der Bauer für passende Genetik einsetze, könne er bestimmen, was in Zukunft angeboten werde.

«Züchten heisst, in Generationen denken. Nehmt euch Zeit, lernt die Mutterlinien kennen und züchtet kompromisslos weiter, was sich bei euch im Stall bewährt.» Bei jedem Landwirt stehe eine gute Kuh im Stall, ist Schwarzenberger überzeugt. Oft komme man am weitesten, wenn man eigene Tiere nachnehme.