Kesb Frauenfeld bemüht sich um ein besseres Image

Verwahrloste Babys und überforderte Mütter – die Kesb Frauenfeld kümmert sich um sie.

Thomas Wunderlin
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Olivia Trepp, Präsidentin der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) in Frauenfeld, leitet eine Sitzung ihrer Behörde. (Bild: Reto Martin)

Olivia Trepp, Präsidentin der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) in Frauenfeld, leitet eine Sitzung ihrer Behörde. (Bild: Reto Martin)

Die Gefährdungsmeldung betrifft ein 17 Monate altes Kind. Der Sozialdienst einer Gemeinde im Bezirk Frauenfeld schickt sie der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Die Abklärungen ergeben, dass die Eltern alkoholabhängig sind und die Mutter wahrscheinlich als Prostituierte arbeitet. Die Kesb entscheidet, dass das ungenügend betreute Kind fremdplatziert wird.

Durchschnittlich fünf Fremdplatzierungen pro Jahr

Olivia Trepp, Präsidentin der Kesb Frauenfeld, erwähnte das Beispiel an einer Medienkonferenz am Mittwoch, als sie nach einem besonders eindrücklichen Fall gefragt wird. Es handelte sich um eine von drei Fremdplatzierungen, welche die Kesb Frauenfeld im laufenden Jahr bisher beschlossen hat. Seit Gründung der Kesb 2013 kam es durchschnittlich zu fünf Fremdplatzierungen pro Jahr. Laut Trepp sind das nicht viele, vor allem im Verhältnis zur Gesamtzahl der Verfahren, welche die Kesb bewältigt. Letztes Jahr waren das beispielsweise 1650.

Die frühere Schreiberin des Thurgauer Obergerichts leitet die Kesb Frauenfeld seit September 2018. Um deren Ruf zu verbessern, hat sie sich für eine der Medienkonferenzen gemeldet, mit denen der kantonale Informationsdienst in den Sommerferien ausgewählte staatliche Stellen vorstellt. «Mir ist es wichtig, Ängste in der Bevölkerung abzubauen», sagt Trepp. Sie wolle zeigen, wie ihre Behörde arbeite. Das Verständnis für die Kesb sei in der Westschweiz und dem Tessin viel grösser als in der Deutschweiz.

Kontrolle über die Berichterstattung

Der Gang an die Öffentlichkeit ist für Trepp offensichtlich ungewohnt. Sie möchte entgegen der üblichen Regeln Artikel über die Medienkonferenz samt Überschrift vor der Publikation gegenlesen. Schliesslich beschränkt sie sich auf die Forderung, Zitate lesen zu dürfen, und auch dies gilt nicht für die Sitzung der Gesamtbehörde, welche die Medienschaffenden verfolgen dürfen.

Unten ein Karate-Klub: Die Kesb ist an der Schönenhofstrasse in Frauenfeld eingemietet. (Bild: Reto Martin)

Unten ein Karate-Klub: Die Kesb ist an der Schönenhofstrasse in Frauenfeld eingemietet. (Bild: Reto Martin)

Da ist das schlechte Image ebenfalls ein Thema. Eine neu eingetretene Sachbearbeiterin berichtet dem runden Dutzend Kesb-Mitgliedern und Mitarbeitern, sie tue sich schwer damit, ihren Arbeitgeber gegenüber Aussenstehenden zu erwähnen. Diese reagierten oft mit Naserümpfen. Die Präsidentin bekennt, auch sie erlebe solche Reaktionen, sehe sie aber als Chance, aufklärend zu wirken.

Ein Behördenmitglied stört sich an dem «wenig einladenden Eingangsbereich» des Bürogebäudes an der Frauenfelder Schönenhofstrasse, wo die Kesb zu Miete ist. Die leeren Pflanzenkübel wirkten wenig einladend auf die «Menschen in schwierigen Situationen», welche die Kesb aufsuchten.

Kinder bleiben auf der schwarzen Liste

Erwähnt wird auch der Entscheid des Grossen Rats, Kinder nicht von der schwarzen Liste der säumigen Prämienzahler zu verbannen. «Für uns bleibt alles beim Alten», sagt ein Behördenmitglied. Wenn ein Kind auf die schwarze Liste kommt, bedeutet das eine Gefährdungsmeldung, welcher die Kesb nachgeht. Solche Meldungen stehen immer am Anfang eines Verfahrens.

Die Meldungen kommen von Amtsstellen, Schulen, Angehörigen und Bekannten. Ein Kesb-Team nimmt die Abklärungen vor. Üblicherweise lädt es die Beteiligten zu Einzelgesprächen ein, versucht herauszufinden, wie geholfen werden kann und ob sich schon andere Fachstellen mit dem Problem befasst haben. Eine Denunziation habe sie erst einmal erlebt, sagt Trepp. Eine Grossmutter sorgte sich um ihren Enkel. Tatsächlich litt die Grossmutter selber unter einer psychischen Störung.

Bei den Abklärungen verändert sich das Bild

Oft ergeben die Abklärungen aber ein wesentlich anderes Bild, als die Gefährdungsmeldung vermuten lässt. In einem anonymisierten und verfremdeten Beispiel, das Kesb-Mitglied Sybille Kaufmann schildert, verlangte eine Mutter, ihre 14-jährige Tochter müsse fremdplatziert werden. Sie warf ihr gewalttätiges Verhalten vor.

Die Tochter sagte, sie werde vom Freund der Mutter geschlagen, was dieser bestritt. Der Kinderarzt berichtete, er habe beim zehnjährigen Sohn gelegentlich blaue Flecken entdeckt. Auch einen Knochenbruch mit unklarer Ursache hatte er zu behandeln.

Betroffene lehnen Kesb-Entscheid ab

Die Auskunft der Schule deutete darauf hin, dass es sich um Folgen von Rangeleien handelte. Die Kesb beschloss, die Familie sechs Monate von einem Sozialarbeiter begleiten zu lassen. Die Tochter und der Freund der Mutter lehnten den Entscheid ab. Nach dem Erstgespräch konnten sie sich jedoch laut Kaufmann «gut darauf einlassen». Anfangs kam der Sozialarbeiter wöchentlich für drei Stunden vorbei. Später reduzierte er seine Besuche, da sich die Familiensituation entspannte.

Die Kesb-Präsidentin glaubt, auch das Bild der Kesb in der Deutschschweiz werde sich ändern, wenn die Öffentlichkeit ihre Arbeit besser kennt. Allerdings brauche es dafür noch ein paar Jahre.