Reportage

«Keine Zeit für die Toilette»: Pflegepersonal demonstriert in Frauenfeld für bessere Arbeitsbedingungen

An einer Demo in Frauenfeld berichten Mitarbeiterinnen des Gesundheitswesens von ihrem harten Arbeitsalltag. Zusammen mit den Gewerkschaften und dem Berufsverband fordern sie mehr Lohn, bessere Planungssicherheit und mehr Rechte am Arbeitsplatz. Die Demo ist Teil einer nationalen Aktionswoche.

Sebastian Keller
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Die Menschenkette im Zentrum Frauenfelds: Pflegepersonal demonstriert für besser Arbeitsbedingungen.

Die Menschenkette im Zentrum Frauenfelds: Pflegepersonal demonstriert für besser Arbeitsbedingungen.

Andrea Stalder

Die heissen Marroni beim Sämannsbrunnen verströmen herbstliche Gemütlichkeit. Davon findet sich im Alltag des Gesundheitspersonals nicht viel. Mit Flyern und selbstgemalten Plakaten ist es zusammenkommen, um bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Rund 60 Personen bilden entlang des Trottoirs eine Menschenkette. Pflegepersonal, Politikerinnen und Politiker, Gewerkschafter, Unterstützer. Als verbindender Abstandhalter dient rot-weisses Absperrband.

Coronaprämie und bessere Arbeitsbedingungen

Mit einer Aktionswoche macht das «Bündnis Gesundheit» für bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen mobil. In diesem wirken etwa die Gewerkschaften Unia, Syna und VPOD sowie der Berufsverband der Pflegefachleute (SBK) mit. Sie fordern höhere Löhne, verlässliche Arbeitspläne und Ruhezeiten sowie mehr Rechte am Arbeitsplatz. Sie verlangen zudem eine Coronaprämie für das Gesundheitspersonal in der Höhe eines Monatslohns. In St. Gallen soll – vorbehältlich einer Absage – am Donnerstag eine Menschenkette gebildet werden, Treffpunkt ist 17 Uhr beim Vadian. (seb.)

Teil der Kette sind zwei Schwestern, die im Gesundheitswesen arbeiten. Die 28-jährige Fachfrau Gesundheit sagt: «Wir stehen für alle, die im Dienst sind oder zu erschöpft, um teilzunehmen.» Währenddem sie aus ihrem Arbeitsalltag berichten, setzt Regen ein. Ihre 31-jährige Schwester, diplomierte Pflegefachfrau, findet, das passe gut zur Situation: «Wir fühlen uns teilweise im Regen stehengelassen», sagt sie und zieht die Kapuze über den Kopf.

Eine Lohnerhöhung in fast zehn Jahren

Die Frauenfeld-Wil-Bahn fährt vorbei. Ein Pfiff ertönt – ob aus Solidarität oder zwecks Warnung, bleibt offen. Die Schwestern berichten, dass bei der Arbeit oft keine Zeit bleibe, um auf die Toilette zu gehen. «Manche trinken nichts, damit sie nicht aufs WC müssen», sagt die 31-Jährige. Im Arbeitsalltag hätten sie ständig die Uhr im Nacken.

«Wir können uns leider nicht die Zeit für den Patienten nehmen, die er verdient.»

Das sei auch dem Personalmangel geschuldet, der mit dem Einstellungsstopp bei der Spital Thurgau AG nochmals verschärft worden sei. Mitarbeiter, die gehen, würden nicht ersetzt.

Gewerkschaften und der Berufsverband fordern Verbesserungen.

Gewerkschaften und der Berufsverband fordern Verbesserungen.

Andrea Stalder

Und der Lohn? «Für einen der härtesten Jobs der Welt ist er zu tief», sagt die 31-Jährige. In ihrer rund zehnjährigen Laufbahn habe sie einmal eine Lohnerhöhung erhalten, um 80 Franken pro Monat. Edith Wohlfender ist Teil der Menschenkette. Die Geschäftsführerin des Berufsverbandes der Pflegefachleute (SBK) in der Ostschweiz sagt: Es brauche «dringend nachhaltige Verbesserungen». Neben mehr Lohn seien auch verlässliche Dienstpläne wichtig.

«Die psychische Belastung ist enorm.»

Syna-Gewerkschafterin Cornelia Bickert berichtet davon, dass der administrative Aufwand zunehme. Alles müsse dokumentiert werden, damit es irgendjemandem in Rechnung gestellt werden könne.

Mit Fahnen und Masken für mehr Lohn.

Mit Fahnen und Masken für mehr Lohn.

Beruf muss attraktiver werden

Die zwei Schwestern sind sich einig, was dem Patienten «Gesundheitspersonal» helfen könnte: Der Beruf müsse attraktiver werden. Das sei die einzige Chance, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Was sie im Beruf hält? Die 28-Jährige sagt:

«Die Leidenschaft, für den Menschen da zu sein.»

Die Gewerkschafterin Fatime Zekjiri, mit roter Unia-Jacke, weiss zu berichten, dass viele Diplomierte nach spätestens fünf Jahren dem Beruf den Rücken kehren. Überlastung.

Bettina Meister-Spörndli mit den Merci-Schachteln (zweite von rechts).

Bettina Meister-Spörndli mit den Merci-Schachteln (zweite von rechts).

Sebasitan Keller

Bettina Meister-Spörndli hält zwei Merci-Schachteln in den Händen. Nachdem sie im Radio von der Aktion gehört hat, ist sie von Warth in die Hauptstadt gefahren, um dem Pflegepersonen «Danke zu sagen». Auf dem Weg hat sie den Frauenfelder Stadtpräsidenten Anders Stokholm aufgegabelt, den sie aus der Zeitung kennt. Er ist ihr spontan gefolgt. «Die Aktion ist notwendig», sagt dieser.

«Das hat Corona deutlich gemacht.»

Es müsse primär auf Bundesebene etwas gehen. Während sich die Menschenkette auflöst, drängen Sonnenstrahlen durch die Wolken.