Kehrichtverbrennung
Die KVA Weinfelden will ihre Kapazität massiv ausbauen – grüner Kantonsrat sieht darin «rückwärtsgerichtetes Denken»

Bei der Planung einer neuen Kehrichtverbrennungsanlage geht der Kanton vom grösstmöglichen Wachstum der Abfallmenge aus. Statt dafür zu sorgen, dass weniger Abfall anfalle, werde der grösste CO2-Ausstösser im Kanton gebaut, stört sich Simon Vogel, Kantonsrat der Grünen.

Silvan Meile
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Die Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Weinfelden im Osten von Weinfelden.

Die Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Weinfelden im Osten von Weinfelden.

Bild: Reto Martin

Beim Abfall denkt der Thurgau in grossen Dimensionen. Bei der Planung der neuen Kehrichtverbrennungsanlage in Weinfelden (KVA) geht die Regierung von der grösstmöglichen Menge an Kehricht aus, die in Zukunft anfallen könnte. Und sie packt noch rund 20 Tonnen oben drauf. Ausserdem plant sie weiterhin, auch jährlich rund 40 Tonnen Abfall aus dem Ausland, den Regionen Friedrichshafen und Konstanz zu importieren.

So soll die neue KVA Thurgau, die in den nächsten 10 bis 15 Jahren gebaut wird, jährlich 224'000 Tonnen Abfall verbrennen. Zum Vergleich: Die derzeitige Anlage aus dem Jahr 1996 hat eine Maximalkapazität von jährlich 154'000 Tonnen. Das geht aus der Beantwortung einer Einfachen Anfrage des Grünen-Kantonsrats Simon Vogel aus Frauenfeld hervor.

«Das ist rückwärtsgerichtet und schafft falsche Anreize»

Die geplanten Dimensionen der neuen KVA würden den Anschein erwecken, «als befänden wir uns nicht mitten in einer Klimadiskussion», sagt Simon Vogel. Eine solche Anlage auf die grösstmögliche Kapazität anzulegen, sei rückwärtsgerichtet und schaffe falsche Anreize.

Während überall versucht werde, Emissionen zu senken, plane der Thurgau das Gebäude mit dem wohl grössten CO2-Ausstoss im Kanton, sagt Vogel.

Simon Vogel, GP-Kantonsrat.

Simon Vogel, GP-Kantonsrat.

Bild: Andrea Stalder
«Der Fokus müsste darauf liegen, mit geschlossenen Stoffkreisläufen Abfall möglichst zu vermeiden, weg von der Wegwerfgesellschaft zu kommen.»

Gemäss Umweltstatistik sei das Verbrennen von Abfall 2019 für elf Prozent der Gesamtemissionen auf dem Kantonsgebiet verantwortlich gewesen.

Auf maximale Kapazität dimensioniert

Wieso im Thurgau in Zukunft dermassen viel mehr Abfall verbrennt werden soll, versucht die Regierung in der Beantwortung der Einfachen Anfrage zu erklären. Die neue Anlage soll auf die mutmasslich maximale Kapazität dimensioniert werden, «da sie unterhalb der nominellen Anlagekapazität problemlos effizient betrieben werden kann, darüber jedoch nur wenig Spielraum bleibt». Oder anders ausgedrückt: Eine moderne KVA funktioniere auch bei einer Auslastung von nur 70 Prozent.

Natürlich sei es positiv, wenn die geplante KVA nicht unter Volllast laufen müsse, um effizient betrieben zu werden, sagt Vogel. «Aus wirtschaftlicher Sicht wird es aber Bestrebungen geben, dass sie eben möglichst ausgelastet ist.» Das wiederum könnte schliesslich das Einzugsgebiet des zu sammelnden Abfalls weiter vergrössern.

Platz reserviert für neue Technologie

Die Regierung streicht ihrerseits hervor, dass die KVA auch eine grosse regionale Nachfrage an Energie decke.

«Die KVA Weinfelden ist heute die grösste Strom- und Wärmeproduzentin des Kantons.»

Und es werde damit gerechnet, dass die neue KVA rund drei Viertel ihres CO2-Ausstosses indirekt kompensieren könne und «damit einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende» leiste.

Für Simon Vogel müsste im Zeichen einer klimaneutralen Zukunft noch mehr drinliegen. Eine moderne KVA sollte gar kein CO2 in die Atmosphäre ausstossen, sondern dieses abscheiden und speichern, auch wenn solche Verfahren noch wenig erprobt seien. Die Regierung erwähnt diesbezüglich, dass eine Verpflichtung dazu nicht zielführend sei.

«Die Abscheidung von CO2-Emissionen und die Weiterverarbeitung zu Brennstoff beziehungsweise zu Treibstoff oder die Speicherung ist ein sehr energieintensiver Prozess.»

Und das brauche noch mehr Zeit. Der Branchenverband der KVA prüfe derzeit ein entsprechendes Pilotprojekt in Niederurnen (GL). «Aus den Erkenntnissen sollen Rückschlüsse für andere KVA gezogen werden», schreibt die Regierung. Im Projekt in Weinfelden würden explizit Platzreserven für eine potenzielle CO2-Ausscheidung vorgesehen. Ob ein solcher Prozess energiepolitisch und ökonomisch sinnvoll sei, müsse sich aber noch zeigen.

Simon Vogel begrüsst es, dass zumindest Raum für eine solche neue Technologie in der neuen KVA eingeplant wird.

«Vielleicht wäre es eine Überlegung wert, mit dem Bau in Weinfelden zuzuwarten, bis eine klimaneutrale Lösung machbar ist.»

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