Interview
Auf der grünen Welle: Thurgauer Regierungsratskandidatin Karin Bétrisey


Thurgauer Regierungsratswahlen (6): Karin Bétrisey, GP, möchte bei Amtsantritt den Klimanotstand ausrufen.

Thomas Wunderlin
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Karin Bétrisey möchte als erste Grüne in den Thurgauer Regierungsrat gewählt werden.

Karin Bétrisey möchte als erste Grüne in den Thurgauer Regierungsrat gewählt werden.

Andrea Stalder

Sie wirken im Wahlkampf stets gut gelaunt. Aus Ihrem Wohnort hört man, dass Sie auch austeilen können.

Karin Bétrisey: Ich habe eine klare Haltung und äussere mich deutlich. Aber immer anständig und mit Respekt.

Sie sollen an einer Gemeindeversammlung in Kesswil den Gemeinderat beschimpft haben.

Das stimmt nicht. Man hat mir Worte in den Mund gelegt. Ich meine, ich hätte sachlich und ruhig meinen Standpunkt dargelegt. Es gab andere, die gepoltert haben, ich definitiv nicht.

Sie haben 2011 als Gemeindeammann kandidiert und dabei ein gutes Resultat erzielt. Wie würde es heute ausfallen?

Mindestens so gut. Die Stimmung in Kesswil hat sich gedreht. Sehr viele Leute sind in letzter Zeit auf mich zugekommen und haben gesagt: Du hast völlig korrekt gehandelt, da läuft eine Kampagne gegen dich.

Sie waren zuerst bei den Grünliberalen politisch aktiv; weshalb haben Sie zu den Grünen gewechselt?

Das war wirklich eine schwierige Geschichte. An mich als Präsidentin der Bezirkspartei wurden Sachen über den damaligen Kantonalpräsidenten herangetragen. Ich habe recherchiert und fand, sie seien richtig. Als Überbringerin der schlechten Nachricht geriet ich nachher unter Druck. Ich habe dann meine Konsequenzen gezogen. Ich habe den Schritt nie bereut. Ich fühle mich sehr wohl bei den Grünen.

Mit dem früheren GLP-Präsidenten und heutigen SVP-Kantonsrat Jürg Wiesli ziehen Sie heute gelegentlich wieder an einem Strick, so etwa im Kampf gegen 5G-Antennen.

Das war Zufall. Da steckte null Absprache dahinter.

Gemäss Bundesgericht rechtfertigen es die bestehenden Wissenslücken nicht, den weiteren Bau von 5G-Antennen zu verbieten.

Ja, das ist industriegesteuertes Lobbying.

Des Bundesgerichts?

Das Bundesgericht muss sich auf die geltenden Gesetze abstützen, und diese sind veraltet. Die Bundesverordnung reduziert die Auswirkungen auf rein thermische.

Andere Auswirkungen gibt es kaum.

Doch. Die Forschung steht kurz vor dem Durchbruch, um zu beweisen, dass nichtionisierende Strahlung die selben Auswirkungen wie die ionisierende Strahlung haben kann.

Was würden Sie im Regierungsrat als erstes angehen?

Ich würde den Klimanotstand ausrufen, um zu zeigen, dass wir der Bekämpfung des Klimawandels hohes Gewicht beimessen. Wir müssen in jedem Departement einen Masterplan haben und Massnahmen jeglicher Art darauf untersuchen, ob sie CO2-neutral oder -vermindernd sind. Ganz konkret in der Verkehrspolitik: Die Bodensee-Thurtal- und die Oberlandstrasse haben nichts mit einer zukunftsgerichteten Klimapolitik zu tun.

Auch Elektroautos fahren auf Strassen.

Wer Strassen baut, der erntet Verkehr.

Wenn er nur aus Stromautos bestünde, wären wir mit der Energiewende schon weit.

Ja. Aber es geht auch darum, durch den unverbrauchten Kanton Thurgau keine Schneise zu hauen, keine Landschaften auseinanderzuschneiden, Vernetzungsräume nicht zu trennen. Solche Einschnitte sind einfach nicht mehr zeitgemäss.

Sie haben als Raumplanerin am Projekt Wil-West gearbeitet und es auch in einer Diskussionssendung auf TVO verteidigt. In Ihrer Partei wird es kritisiert.

Die Grünen stellen berechtigte Fragen. Diese müssen immer Platz haben. Ich halte es für ein zukunftsgerichtetes Projekt.

Verletzt es nicht die grüne Seele, einen solch riesigen Acker zu überbauen? Wie die Bodensee-Thurtalstrasse?

Doch, grundsätzlich schon. Wenn man aber dafür an vielen andern Orten auf eine Einzonung verzichten kann, ist das eine Kompensation. Man koordiniert die Raumplanung und schafft Arbeitsplatzschwerpunkte statt dass jede Gemeinde für sich eine kleine Industriezone hat, die dann immer zu klein ist und immer weiter vergrössert werden muss. Wir müssen die Kräfte bündeln und dort etwas hinstellen, wo die Infrastruktur gut ist.

Als der Grosse Rat das Energienutzungsgesetz behandelte, haben Sie sich nicht zu Wort gemeldet. Dabei geht es um die Gebäude, die für einen Drittel des CO2-Ausstosses sorgen.

Da haben wir mit Kurt Egger einen Spezialisten, der sich in der Kommission eingebracht hat. Es ist schweizweit wirklich ein sehr fortschrittliches Gesetz.

Dem auch einige Zähne gezogen worden sind.

Wir hatten höhere Forderung gestellt, sind aber überstimmt worden. Herausgekommen ist ein schöner Kompromiss.

Greta Thunberg lehnt Kompromisse ab. Wir sollen in Panik geraten.

Ich freue mich sehr, dass sich Junge mehr für Politik interessieren. Man kann nicht mehr auf Freiwilligkeit hoffen, bis jeder selber auf die Idee kommt. Vielleicht kann ich als Verkörperung der grünen Welle Teil der Regierung werden.

Zur Person

Karin Bétrisey-Fent, geboren am 3. März 1971, ist im aargauischen Dürrenäsch aufgewachsen. Seit 2009 lebt sie in Kesswil. Sie ist verheiratet und Mutter einer Tochter. Die Kulturingenieurin mit ETH-Diplom und Geometerin arbeitet als Raumplanerin und ist Mitinhaberin des Raumplanungsbüros Strittmatter Partner AG in St. Gallen. Sie begleitete mehrere Thurgauer Ortsplanungen. 2011 kandidierte sie als Gemeindeammann von Kesswil. Sie trat in die Grünliberale Partei ein, wechselte später zu den Grünen. 2014 legte sie das Co-Präsidium des WWF Thurgau-Bodensee unter Protest gegen Unstimmigkeiten in der Rechnungsführung nieder. Seit 1. August 2018 ist sie Mitglied des Grossen Rats; sie übernahm den Sitz von Joe Brägger. (wu)

Einschätzung

Hartnäckig

Obwohl sie noch über keine grosse politsche Erfahrung verfügt, könnte Karin Bétrisey im Regierungsrat eine dominante Rolle spielen. Die selbstbewusste Raumplanerin würde ihre ganze Energie für den Schutz der Umwelt einsetzen. Sie verfolgt ihre Ziele hartnäckig. Von Widerstand lässt sie sich nicht aufhalten und entmutigen. Sie äussert ihre Meinung klar und unverblümt. Nicht ihre Sache ist diplomatische Zurückhaltung, die manchmal mehr Erfolg bringt. (wu)