Kanton Thurgau trennt sich per sofort von Chefbeamten

Der Chef des Thurgauer Amtes für Informatik gibt die Leitung ab. Differenzen über die Führung seien ausschlaggebend.

Silvan Meile, Christian Kamm
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Der Kanton zieht den Stecker und beendet im gegenseitigen Einvernehmen das Arbeitsverhältnis mit dem Informatikchef. (Bild:Nana do Carmo)

Der Kanton zieht den Stecker und beendet im gegenseitigen Einvernehmen das Arbeitsverhältnis mit dem Informatikchef. (Bild:Nana do Carmo)

Knall in der Kantonsverwaltung: Der Chef des Amtes für Informatik (AfI) gibt die Leitung per sofort ab. Das schreibt das Departement für Inneres und Volkswirtschaft (DIV) am Mittwoch in einer Medienmitteilung. «Der Grund liegt in der unterschiedlichen Auffassung über die zukünftige Führung des Amtes», heisst es in der offiziellen Stellungnahme. Mehr will man beim Kanton nicht sagen. «Im Übrigen haben die Parteien über die Angelegenheit Stillschweigen vereinbart.» Der 53-jährige Leo Kuster übernahm im August 2013 den Chefposten im Thurgauer Amt für Informatik.

«Kein Vorfall, der von heute auf morgen passiert »

CVP-Kantonsrat Norbert Senn kennt das Amt für Informatik gut. Als Präsident der Subkommission DIV in der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission (GFK) übt er eine Aufsichtsfunktion über die kantonale Informatikabteilung aus und besucht das Amt regelmässig. Hinter der «Beendigung des Arbeitsverhältnisses in gegenseitigem Einvernehmen» stecke kein Vorfall, der von heute auf morgen passierte, sagt Senn. Die Informatik sei ein besonders herausfordernder Bereich. In den vergangenen zwei Jahren sei in der Berichterstattung der GFK-Subkommission darauf hingewiesen worden, dass die Leitung «eng begleitet» wird. Senn folgert:

«Offensichtlich führte das nicht zum gewünschten Erfolg, worauf nun die Konsequenzen gezogen wurden.»

Überraschter von der jüngsten Entwicklung äussert sich auf Anfrage GFK-Präsident Walter Hugentobler (SP). Nachdem sich die GFK vor zwei Jahren intensiv mit dem AfI auseinandergesetzt habe, sei der Eindruck entstanden, «dass man nun auf einem guten Weg ist».

Rund um die Freistellung des Amtschefs sind verschiedene Gerüchte aufgekommen. So soll Kuster bereits seit zwei Monaten nicht mehr an seinem Arbeitsplatz erschienen sein. Die Gründe dafür seien bis anhin auch seinen Mitarbeitern nicht bekannt gewesen. Weder Senn noch Hugentobler bestätigen solche Informationen.

Seit Jahren im Fokus der GFK des Grossen Rates

Zu Beginn von Kusters Amtszeit 2013 gab es noch Lob für ihn. Kuster habe «sich sehr schnell in seine neue Herausforderung eingearbeitet», heisst es im damaligen Bericht der GFK. Kritik kam hingegen auf, weil das AfI vom Finanzdepartement ins DIV zügelte. «Der Departementswechsel zum jetzigen Zeitpunkt erscheint der Subkommission nicht ideal.» Im folgenden Jahr wurde darauf hingewiesen, «dass die Belastung des Amts überdurchschnittlich ist». Konsequenz: Die GFK kam zum Schluss, die aktuellen Prozesse im AfI in Form eines Coachings zu begleiten.

Fortan blieb das Amt für Informatik stets im Fokus der zuständigen GFK-Subkommission, die ein Hauptaugenmerk auf die Entwicklung im Amt richtete. 2015 wurde von Projektverzögerungen berichtet und vom Umstand, dass neu bewilligte Stellen nur schwer zu besetzten seien. «Als Querschnittsamt hat das AfI eine hohe Priorität im DIV, auch in der Führung durch den Departementschef», heisst es im Bericht von 2015.

«Deutlich verbessertes Betriebsklima»

Mit der Inkraftsetzung einer Informatik-Strategie wurde der Amtschef 2017 schliesslich von einer Informatikkommission mit dem DIV-Generalsekretär an der Spitze unterstützt. 2018 vermeldeten die parlamentarischen Kontrolleure dann, dass die Neustrukturierung der Organisation im Amt für Informatik auf konzeptioneller Ebene abgeschlossen sei. Nun müssten die Neuerungen noch in die Praxis umgesetzt und gelebt werden. Auch hierfür gab es wiederum externe Unterstützung, so dass die GFK im Jahr darauf bilanzierte: «Das deutlich verbesserte Betriebsklima im AfI trägt dazu bei, den unterschiedlichen Anspruchsgruppen gerecht werden zu können und Prozesse nicht durch internen Energieverschleiss zu erschweren oder zu verzögern.»

Doch dieser Frühling war nur von kurzer Dauer. Denn bereits 2019 zogen wieder dunkle Wolken über dem Amt für Informatik auf. In ihrem Bericht zum Budget 2019 kündigte die GFK an, dass die Organisation der Leitung des AfI von nun an zur Chefsache erklärt worden sei. Regierungsrat Walter Schönholzer und sein Generalsekretär würden das Projekt zur Anpassung der Leitungsstruktur des Amtes «eng begleiten». Dies mündete nun offensichtlich in die gestern kommunizierte personelle Konsequenz.