Justiz
«Racheschikane»: Wieso das Bezirksgericht Frauenfeld nach Anzeige von Tierschützer Erwin Kessler einen Landwirt verurteilt

Das Bezirksgericht Frauenfeld sprach letzte Woche einen 32-jährigen Landwirt wegen versuchter Nötigung schuldig, weil er eine Drohne des Tierschützers Erwin Kessler an sich genommen hat.

Samuel Koch
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Eingang zum Bezirksgericht Frauenfeld an der Zürcherstrasse 237a.

Eingang zum Bezirksgericht Frauenfeld an der Zürcherstrasse 237a.

Bild: Donato Caspari

«Es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass etwas Unrechtmässiges passiert.» Diesen Satz äussert der 32-jährige Beschuldigte vor dem Bezirksgericht Frauenfeld, bevor die Richter das Urteil sprechen. Der leicht übergewichtige Landwirt mit rundlichem Gesicht, der ohne Anwalt vor Gericht erscheint, sah sich am Donnerstag Tierschützer Erwin Kessler als Privatkläger gegenüber. Kessler ist bekannt wegen seines Vereins gegen Tierfabriken (VgT).

Was war passiert?

Ende Dezember 2019 bekam der Beschuldigte einen Hinweis, dass sich Kessler und eine weitere Person mit einer Drohne in der Nähe seines Hofes aufhalten würden. «Ich ging schauen und wollte die Polizei kommen lassen», sagt der Beschuldigte vor Gericht.

Drohne nicht fliegen sehen

Kessler und seine Begleitperson begaben sich in diesem Moment zu ihrem Fahrzeug. Der Beschuldigte fuhr zu Kesslers Auto und schnappte sich dort die Drohne, die auf der Motorhaube deponiert war. «Ich habe die Drohne genommen, damit sie nicht weiter filmen konnten», erklärt der Landwirt vor Gericht. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Christian Koch jedoch konnte er nicht bezeugen, die Drohne in der Luft gesehen zu haben. Der Angeklagte sagt:

«Wir waren auch schon in seinem Heftli drin, das ist nicht gerecht.»

Kessler seinerseits bestreitet, dass die Drohne über den Hof gesteuert worden sei. «Wir haben Flugübungen auf offenem Feld gemacht», sagt er. Zwar seien ihm der Hof und die Stallungen des Beschuldigten bekannt, «aber das interessierte mich zu diesem Zeitpunkt nicht».

Erwin Kessler, Verein gegen Tierfabriken (VgT).

Erwin Kessler, Verein gegen Tierfabriken (VgT).

Bild: Keystone/
Walter Bieri

Die Anschuldigungen des Landwirts, wonach Kessler für Fotos einst in den Hof eingebrochen sei, hätten mit den «Flugübungen» überhaupt nichts zu tun, meint Kessler. Der Hof sei schon im Fokus des VgT gestanden, das stimme. «Wegen übler Schweinehaltung», sagt Kessler. «Das hat aber keinen Zusammenhang mit den Flugübungen», sagt er und spricht von «sinnlos aufgebotener Polizei» sowie von einem Zufall, dass die Drohnenflüge genau dort vonstattengegangen wären. «Das war eine Racheschikane», sagt Kessler, der den Landwirt sowohl wegen versuchter Nötigung als auch wegen Sachentziehung angezeigt hatte.

Geldstrafe auf Bewährung

Was die Sachentziehung betrifft, spricht das Gericht den Landwirt frei, weil Kessler «kein erheblicher Nachteil» durch den Entzug der Drohne entstanden sei. Der versuchten Nötigung spricht es den Landwirt jedoch schuldig, was in einer auf zweijähriger Probezeit bedingten Geldstrafe von 550 Franken mündet. «Sie haben die Drohne weggenommen, um ihn dazu zu zwingen, auf die Polizei zu warten», begründet Richter Christian Koch das Urteil. Der Landwirt habe die Drohne in der Luft nicht gesehen, mit der Erwin Kessler allenfalls über seinen Privatbereich geflogen sei. Deshalb läge kein Angriff vor, gegen den sich der Landwirt hätte wehren müssen. Trotzdem stuft das Gericht das Verschulden als «sehr gering» ein. Koch sagt:

«Sie haben schlicht und einfach überreagiert.»
Christian Koch, Vorsitzender Richter am Bezirksgericht Frauenfeld.

Christian Koch, Vorsitzender Richter am Bezirksgericht Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

Nur wenn sich der Landwirt in den nächsten zwei Jahren wieder etwas zu Schulden kommen lässt, hat er die Geldstrafe zu bezahlen. Bereits jetzt steht fest, dass er für die Verfahrens- und Gerichtskosten in Höhe von 2427 Franken aufkommen muss. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.