Jüdischer Emigrant aus Diessenhofen erinnert sich an seine Zeit auf der Flucht vor der Shoah

Der 95-jährige Herbert Horowitz aus Diessenhofen entkam dem Holocaust dank seiner Eltern und viel Glück. Er erzählt aus seinem langen und teils beschwerlichen Leben.

Thomas Brack
Drucken
Teilen
Herbert Horowitz erzählt seine Geschichte am Esstisch im Wohnzimmer.

Herbert Horowitz erzählt seine Geschichte am Esstisch im Wohnzimmer.

(Bild: Thomas Brack)

Alles andere als eine Selbstverständlichkeit. So betrachtet Herbert Horowitz, dass er kürzlich im Kreise seiner Liebsten den 95. Geburtstag feiern durfte. Denn Horowitz wurde 1925 als Sohn jüdischer Eltern in Graz geboren und landete als 13-Jähriger als Emigrant in der Schweiz.

Er entkam im Gegensatz zu vielen Verwandten und Freunden dem Holocaust, an den anlässlich der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau vor 75 Jahren erinnert wird. Gemeinsam mit seiner Gemahlin Adelheid verbringt er heute einen ruhigen Lebensabend in Diessenhofen, wo er nunmehr seit 30 Jahren lebt.

Aufruf zu Humanismus

Was er als Zeitgenosse der dunkelsten Zeit Europas den kommenden Generationen auf den Weg geben möchte? Seine hellblauen Augen leuchten auf, wenn er voller Leidenschaft zum Humanismus aufruft. «Der Mensch soll nicht des Menschen Wolf sein», sagt Horowitz. Jeder Mensch – egal welcher Rasse, welchen Glaubens oder Geschlechts – habe seine Würde.

«Es braucht die Zivilcourage der Bürgerinnen und Bürger, die Menschenrechte zu schützen und tolerant zu sein gegenüber dem Andersartigen und Fremden.»

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse und wie Horowitz ein jüdischer Emigrant, hat in seiner Schrift «Das Unbehagen in der Kultur» geschrieben: «Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Masse es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.»

Angestellter erscheint in SA-Uniform im Geschäft

Herbert Horowitz lebte mit seiner Familie von 1930 bis 1938 in Wien. «Meine Eltern führten an der Robertgasse im 2. jüdischen Bezirk eine Verlagsbuchhandlung», sagt er. Im Zug der Arisierung übernahm ein Angestellter die Leitung des Geschäfts. Eines Morgens sei dieser in SA-Uniform erschienen und habe gesagt:

«So, Herr Horowitz, jetzt leite ich die Buchhandlung. Sie müssen keine Angst haben. Sie sind ja anständig. Wenn nur alle Juden so wären wie Sie, dann gäbe es keinen Antisemitismus. Aber ich will schon schauen, dass Ihnen nichts passiert.»

Vater Horowitz spürte, was es geschlagen hatte. Bei Nacht und Nebel, ausgerüstet mit wenig Geld und ohne Wertgegenstände, fuhr er mit seiner Familie nach München und fand bei einem befreundeten jüdischen Ehepaar Unterschlupf. Über einige Umwege gelangte die Familie schliesslich nach Schaffhausen, wo sie für lange Zeit im Gasthof Kreuz eine Bleibe fand. Der damalige Stadtpräsident Walter Bringolf setzte sich sehr für die Flüchtlinge ein und erreichte, dass viele auch bleiben konnten.

Der Kontakt zur Schaffhauser Fremdenpolizei hingegen war schwierig. Ihr Chef war bei den Flüchtlingen ein gefürchteter Mann, weil er vor nichts zurückschreckte. Auch nicht davor, Flüchtlinge zur Ausreise an die unmöglichsten Orte zu drängen.

Verbot für Flüchtlingen, einer Arbeit nachzugehen

Als 13-jähriger Bub habe Horowitz die Flucht nicht als sehr tragisch oder bedrohlich empfunden, sondern vielmehr als Abenteuer. Erst als er älter wurde, begriff er, was es bedeutete, ein Emigrantendasein zu fristen. Den Flüchtlingen war es verboten, regulär zu arbeiten. Ja, es war nicht einmal erlaubt, Arbeit ohne Bezahlung auszuführen. Unterstützung für ihren Lebensunterhalt erhielten die Flüchtlinge nicht etwa vom Staat, sondern höchstens von der jüdischen Fürsorge.

Die Strapazen der Flucht und die demütigende Situation als Zwangsarbeitsloser zermürbten Vater Horowitz derart, dass er 1941, nicht einmal 49 Jahre alt, an einem Hirnschlag starb. Von da an lebte Herbert Horowitz mit seiner Mutter an der Ampelngasse.

Etwa 1952 erhielten sie die Niederlassungsbewilligung, worauf es sie zunächst nach Zürich zog. Herbert Horowitz konnte eine Lehre als Portfeuiller in einer Lederwarenfabrik absolvieren, fand Arbeit und gründete mit Adelheid eine Familie mit den Kindern Myriam und Daniel.