Interview

Jonas Komposch, politischer Geschichtsschreiber aus Herdern: «Aufrechte Menschen sollten sich nicht für die Privatinteressen anderer verkaufen»

Der Historiker Jonas Komposch hat den Thurgauer Nachwuchs-Forschungspreis Walter Enggist gewonnen. Im Interview verrät er, was seine Henkersmahlzeit wäre und dass der Filmtitel seines Lebens lauten würde: «Fünf Finger sind eine Faust – Der Komposch schlägt zurück».

Florian Beer
Hören
Drucken
Teilen
Jonas Komposch hat seine Matura an der Kanti Frauenfeld gemacht.

Jonas Komposch hat seine Matura an der Kanti Frauenfeld gemacht. 

Bild: Reto Martin

Was hat Sie in letzter Zeit beschäftigt?

Die letzten Wochen gingen mir vor allem politisch sehr nahe. Der völkerrechtswidrige Angriff der Türkei auf die basisdemokratisch geführten Gebiete der Kurden in Nordsyrien und die Aufstände im Libanon, Chile, Ecuador und Katalonien haben mich sehr beschäftigt. Wir leben in bewegten Zeiten. Es macht mir zwar keine Angst, aber gibt mir schon zu denken, wenn ich sehe, mit welch brachialer Gewalt die Regierungen gegen ihr Volk vorgehen.

Sind Sie ein politisch interessierter Mensch?

Selbstverständlich! Unrecht habe ich noch nie ertragen können. Deshalb war ich schon mit 14 an der Frauenfelder Demo gegen George Bushs Irak-Krieg mit dabei.

«In der Oberstufe habe ich, wie auch viele andere in meiner Generation, gegen die damals grassierende Nazi-Skinhead-Szene gekämpft.»

Heute sind noch ein paar Engagements mehr hinzugekommen

Weshalb würden Sie als Historiker die vergangenen National- und Ständeratswahlen als historisch bezeichnen?

Man kann die Wahlen als historisch bezeichnen, weil es seit dem Wechsel vom Majorz- zum Proporzwahlrecht im Jahr 1919 zum ersten Mal einer Partei, in diesem Fall den Grünen, gelungen ist, so viele neue Sitze zu gewinnen. Ich würde auch unsere Epoche als historisch bedeutsam beschreiben. Unsere globalen Probleme wie zum Beispiel der Klimawandel sind nicht neu, aber durch Bewegungen wie der Klima- und Frauenstreik steigt das Problembewusstsein in der Bevölkerung.

Welche Bedeutung hat der Thurgau für Sie als Stadtzürcher, der in Bern arbeitet?

Ich bin natürlich noch immer Thurgauer, da können Sie alle meine Zürcher Freunde fragen. (lacht) Durch meine Familie und alte Freundschaften bin ich noch immer mit dem Kanton sehr verbunden. Ich interessiere mich auch sehr dafür, was im Thurgau kulturell und politisch läuft. Bis vor einem halben Jahr habe ich noch in Romanshorn gearbeitet.

Zur Person

Jonas Komposch wurde am 15.November 1988 geboren. Er ist in Herdern aufgewachsen und schloss in Frauenfeld seine Matura ab. Anschliessend studierte er Geschichte, Soziologie sowie Ethnologie in Zürich und Berlin. Nebenbei arbeitete Komposch immer wieder in handwerklichen Berufen sowie auch im Journalismus, was er dann zu seinem Hauptberuf machte. Heute lebt Komposch in Zürich und arbeitet in Bern bei «Work», der Zeitung der Gewerkschaft Unia.

Mit seiner Aktion im Mai 2017, als er den SP-Politiker und Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr nach einem Fussballspiel mit Bier übergoss, hat Komposch für mediales Aufsehen gesorgt. Interessant dabei ist, dass der begossene Politiker ein Amts- und Parteikollege von Komposchs Mutter, der Thurgauer SP-Regierungsrätin Cornelia Komposch, ist.

Im September dieses Jahres wurde die Masterarbeit von Jonas Komposch mit dem Titel «Landtrottel gegen Grossstadtpöbel. Stadt-Land-Diskurs und Bauernstandsideologie während des Generalstreiks 1918 im Kanton Thurgau» mit dem Nachwuchs-Forschungspreises Walter Enggist ausgezeichnet.

Womit tanken Sie Energie?

Indem ich mit Freunden in die Berge wandern gehe, am liebsten nach Roveredo in Graubünden. Ansonsten golfe ich gerne in einer der Thurgauer Kiesgruben, fahre Snowboard und besuche ab und zu ein Spiel des FC Winterthur.

Können Sie kochen?

Ich koche gerne, komme aber leider nur selten dazu. Meine Spezialität ist Kartoffelgratin mit Roquefort und Birnen. Dazu serviere ich einen schweren Bordeaux.

Wie lautet Ihre Henkersmahlzeit?

Wenn es schon blutig zu und her geht, dann bestelle ich Blut- und Leberwurst.

Sie organisieren ein Abendessen und dürfen drei Personen dazu einladen – lebendig oder tot. Wer bekommt eine Einladung?

Ich würde den Schriftsteller Bertolt Brecht einladen, die US-amerikanische Feministin Emma Goldman und die deutsch-amerikanische Schauspielerin Marlene Dietrich. Das wäre ein sehr interessanter Gesprächskreis, eine spannende Mischung aus Geschichte und Kultur.

Haben Sie ein Vorbild?

Nein. Aus beruflicher Perspektive habe ich allerdings höchsten Respekt vor dem 1993 verstorbenen St. Galler Journalisten Niklaus Meienberg. Er hat nie ein Blatt vor den Mund genommen und eine elegante aber bodenständige Sprache gepflegt.

Haben Sie ein bestimmtes Ziel im Leben?

Nein. In erster Linie versuche ich, das endliche Leben in vollen Zügen zu geniessen. Dazu braucht es das nötige Kleingeld, das mühsam erarbeitet werden muss.

«Ausserdem sehe ich es als eine Pflicht, sich für den gesellschaftlichen Fortschritt einzusetzen.»

Was haben Sie immer bei sich, wenn Sie aus dem Haus gehen?

Heutzutage muss man ja leider immer das Handy dabeihaben. Ich greife aber lieber zu einer schriftlichen Agenda sowie Notizbuch als Gedankenstütze und um Ideen aufzuschreiben. Das ist mir einfach sympathischer, als alles ins Handy einzutippen. Als passionierter Tabakraucher habe ich auch immer ein Feuerzeug in meiner Tasche.

Welches ist das letzte Buch, das Sie gelesen haben?

«Die Kommune der Faschisten», von Kersten Knipp. Ein wahnsinnig spannendes Buch über den nationalistischen italienischen Dichter Gabriele D’Annunzio, der nach dem Ersten Weltkrieg die Massen begeisterte und dem es gelang, die Stadt Fiume einzunehmen und dort eine autonome Republik auszurufen sowie ein verrücktes, vor-faschistisches Gesellschaftsexperiment aufzubauen. Wenn ich eine Pause von historischen Sachbüchern brauche, lese ich gerne Abenteuerromane von B. Traven.

Stellen Sie sich vor, Ihr Leben wird verfilmt. Wie lautet der Filmtitel und wer spielt Sie?

Der Film wird heissen: «Fünf Finger sind eine Faust – Der Komposch schlägt zurück».

«Gespielt werde ich von Terence Hill, der als Held gegen böse Drachen kämpft und mindestens eine unschuldig gefangene Räuberheldin befreit.»

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn das Wochenende vor der Tür steht?

Der Freitagabend ist für mich das Highlight des Wochenendes. Mit Freunden rausgehen, um die Häuser ziehen und schauen, was die Nacht so bringen wird. Das Gegenstück dazu bildet der Sonntagmorgen: Gemütlich mit meiner Freundin brunchen und in aller Ruhe in den Tag starten.

Jonas Komposch erhält im September 2019 von Kulturdirektorin Monika Knill den Nachwuchsforschungspreis Walter Enggist verliehen.

Jonas Komposch erhält im September 2019 von Kulturdirektorin Monika Knill den Nachwuchsforschungspreis Walter Enggist verliehen. 

Bild: Reto Martin

Mit welcher Person würden Sie gerne mal tauschen?

Das muss etwas ganz Aufregendes sein, damit sich das Tauschen lohnt. Ich würde gerne mal Marco Waltenspiel sein, ein österreichischer Extremsportler und Wingsuit-Pilot.

In welchem Job wären Sie eine Fehlbesetzung?

Das sind alles ganz schön schwierige Fragen. (lacht) Ich wäre ein schlechter Söldner geworden. Ich finde, dass sich aufrechte Menschen nicht für die Privatinteressen anderer verkaufen sollten.

Was steht als nächstes auf Ihrer To-do-Liste?

Ich muss unbedingt meine Bananenpflanzen und mexikanischen Kakteen vom Balkon reinholen. Und Vorhänge nähen und aufhängen, damit der Nachbar nicht mehr ins Schlafzimmer gucken kann.

Mehr zum Thema