Jetzt muss Aktivkohle ran: Mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe soll es Medis und Hormonen im Frauenfelder Abwasser an den Kragen gehen

Der Abwasserverband der Region Frauenfeld hat für die Elimination von Mikroverunreinigungen in einer Vorstudie verschiedene Verfahren geprüft. Als Favorit hat sich Aktivkohle-Granulat im Schwebebett herauskristallisiert. Der Ausbau der Anlage kostet geschätzte 14 Millionen Franken. Einen grossen Teil übernimmt der Bund.

Mathias Frei
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Blick in die Zukunft: Klärmeister Markus Breu, Verbandspräsident Thomas Müller und Betriebsleiter David Zimmerli.

Blick in die Zukunft: Klärmeister Markus Breu, Verbandspräsident Thomas Müller und Betriebsleiter David Zimmerli.

(Bild: Andrea Stalder)

Es ist nicht die Prinzessin auf der Erbse, sondern GAK im Schwebebett. GAK heisst so viel wie granulierte Aktivkohle – und ist in einer Vorstudie des Abwasserverbands der Region Frauenfeld (AVRF) als Favorit für die vierte Reinigungsstufe hervorgegangen. Bei dieser Reinigungsstufe, die erst bei wenigen Abwasserreinigungsanlagen (ARA) in der Schweiz in Betrieb ist, geht es um die Elimination von Mikroverunreinigungen (EMV). Das sind Spurenstoffe aus Medikamenten, Hormonpräparaten oder Biozide, also von Fungiziden bis Holzschutzmitteln.

Biogas aus Klärgas

Aktuell produziert der ARA-Verband mit dem Klärgas mittels eines Blockheizkraftwerks (BHKW) Strom, die anfallende Abwärme wird dem Waffenplatz Auenfeld geliefert. Das BHKW hat aber in drei bis vier Jahren seine Lebensdauer erreicht. Und der Waffenplatz bezieht seine Heizwärme neu vom nahen Rechenzentrum. Deshalb diskutiert der Verband, das BHKW durch eine Klärgasaufbereitungsanlage zu ersetzen, die das Klärgas zukünftig zu jährlich 3,7 Millionen kWh Biogas aufbereitet und ins Netz einspeist. Die für die Faulung notwendige Heizwärme würde dem Abwasser entzogen. Kosten: 1,2 bis 1,5 Millionen Franken. Realisierung: 2022/23. (ma)

Die Betriebskommission des AVRF hat kürzlich im Waadtland die Ara Penthaz besichtigt. Dort steht das Verfahren mit granulierter Aktivkohle im Schwebebett bereits erfolgreich im Einsatz.

Das heutige Blockheizkraftwerk.

Das heutige Blockheizkraftwerk.

(Bild: Andrea Stalder)
«Die Betriebskommission hat noch keinen Beschluss gefasst, aber es geht in die besagte Richtung.»

Das sagt Verbandspräsident Thomas Müller. Das Verfahren sei naheliegend und einleuchtend. Aktuell planen auch die Anlagenbetreiber in Luzern und Rapperswil mit GAK im Schwebebett. «Wir sind nicht die erste ARA mit EMV, werden aber definitiv auch nicht die letzte sein», sagt Müller. So könne man von ersten Erfahrungen profitieren und eine fundiertere Entscheidung treffen. Zudem seien die Verfahren effizienter und entsprechend günstiger geworden.

Blick in ein Klärbecken.

Blick in ein Klärbecken.

(Bild: Andrea Stalder)

Bund übernimmt 75 Prozent der Baukosten

Ein Klärbecken.

Ein Klärbecken.

(Bild: Andrea Stalder)

Die ARA in der Grossen Allmend ist eine von vier Thurgauer Anlagen, die aufgrund der Abwassermenge und der Kapazität des Vorfluters – in Frauenfeld die Murg – auf Geheiss des Bundes eine EMV-Reinigungsstufe erstellen muss. Bis zur Inbetriebnahme muss der Frauenfelder Abwasserverband jährlich einen hohen einstelligen Frankenbetrag pro Verbandseinwohner nach Bern abliefern. Der Bund übernimmt dafür 75 Prozent der Baukosten. Eine vierte Reinigungsstufe in Frauenfeld dürfte zirka 14 Millionen kosten, schätzt ARA-Betriebsleiter David Zimmerli. Das würde eine Kostenbeteiligung des Verbands von etwa 3,5 Millionen Franken bedeuten. Er rechnet mit einer Realisierung im Jahr 2024.

Die Vorstudie des AVRF war zweistufig angelegt. In die Ränge kamen die sechs gängigsten Verfahren, danach wurde auf deren drei reduziert. Im Bereich der Aktivkohle standen auch Pulveraktivkohle und granulierte Aktivkohle im Festbettfilter zur Diskussion. Eine andere Lösung wäre die Behandlung mit Ozon gewesen. Und es wurden Kombinationen von Aktivkohle und Ozonung geprüft.

Ein Klärbecken.

Ein Klärbecken.

(Bild: Andrea Stalder)
«Die Behandlung mit Ozon kommt bei uns aufgrund der Abwasserzusammensetzung nicht in Frage.»

Das sagt Verbandspräsident Müller. Zudem sei die Herstellung von Ozon auf der ARA gefährlich und entsprechend auch kostenintensiv.

Die EMV-Betriebskosten für GAK im Schwebebett liegen bei 340'000 Franken jährlich – tiefer als bei allen anderen geprüften Verfahren. Das vom AVRF favorisierte Prinzip wenden auch die Frauenfelder Werkbetriebe bei der Trinkwasseraufbereitung an. Das Wasser wird von unten in ein Becken gepumpt, das zuerst mit Kies, dann mit Sand und schliesslich mit Aktivkohlegranulat gefüllt ist. Die Aktivkohle saugt die Spurenstoffe an ihrer Oberfläche fest, das nennt sich Adsorption.

Die ARA Frauenfeld.

Die ARA Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)