«Jetzige Schulräume sind ein ökologischer Blödsinn»: Die Stiftung Glarisegg in Steckborn erhält ein neues Gewand für 10 Millionen Franken

Die Sonderschule in Steckborn, gegründet im Jahr 1971 in Chur, plant den Bau eines Ersatzschulareals. Nach dem offenen Architekturwettbewerb küren die Verantwortlichen demnächst das Siegerprojekt. Einblick geben sie jedoch schon jetzt.

Samuel Koch
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Glarisegg-Gesamtleiter Lorenz Odermatt und Stiftungspräsident Roger Forrer betrachten die Eingaben der Architekturbüros im Gewerbehaus an der Breitenstrasse 16B in Frauenfeld.

Glarisegg-Gesamtleiter Lorenz Odermatt und Stiftungspräsident Roger Forrer betrachten die Eingaben der Architekturbüros im Gewerbehaus an der Breitenstrasse 16B in Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

Rousseau, Pivot oder Nangijala. Wie Namen von Gemälden klingen die Projekte für den Schulhausersatzbau, den die Schulstiftung Glarisegg in Steckborn an bester Lage direkt am Untersee plant. Derzeit sind in einem Gewerbehaus im Frauenfelder Langdorf die 102 für den offenen Architekturwettbewerb eingegebenen Arbeiten ausgestellt. Übernächste Woche lüften die Verantwortlichen das Geheimnis, welches Projekt für die Umgestaltung des ganzen Areals tatsächlich an die Hand genommen wird. Eines nehmen sie vorweg:

«Der Entscheid steht schon fest. Und er fiel einstimmig aus.»

Die im Jahr 1971 gegründete Stiftung Glarisegg ermöglicht verhaltensauffälligen Knaben, Schulunterricht und gleichzeitige sozialpädagogische Betreuung in Anspruch nehmen zu können. Einige, vor allem jüngere Sonderschüler, übernachten auch in der Glarisegg. «Viele von ihnen haben Ameisen in den Hosen», sagt Roger Forrer, Präsident des Stiftungsrates Glarisegg.

Deshalb geniesst die Funktionalität des Schulhausersatzbaus in der Auswahl des Siegerprojekts oberste Priorität. «Wir haben dynamische Situationen, deshalb muss die Anlage praktisch sein», sagt Glarisegg-­Gesamtleiter Lorenz Odermatt.

Eine Auflage für die beteiligten Architekturbüros lautete darum, dass Eingänge zu zukünftigen Schulräumen oder zur Mehrzweckhalle eng genug geplant werden, um Ansammlungen und deshalb Konflikte zu vermeiden. Zudem darf das Seeschulhaus direkt am Wasser keine Balkone aufweisen, über welche die Schüler in den Untersee springen könnten. «Sie würden reinspringen», sagt Forrer.

Drei Gebäude bleiben unberührt

Den jetzt aufgegleisten Schulhausersatzbau überhaupt erst ins Rollen gebracht hat unter anderem ebenfalls das Seewasser. «Die Heizung versäuft bei jedem Hochwasser», meint Forrer. Und die jetzigen Schulräume seien ein ökologischer Blödsinn. Er ergänzt:

«Die Gebäude können nicht mehr auf bis zu 20 Grad geheizt werden.»

Von den jetzigen Plänen unberührt bleiben einzig das 1937 erbaute Haupthaus, das Werkgebäude, das seit dem Hochwasser 1999 in der heutigen Form besteht, sowie das Wohngebäude Lönneberga aus dem Jahr 2007. «Sonst ist alles offen, mit verschiedenen Konstellationen», sagen Forrer und Odermatt.

Beim Architekturwettbewerb eng begleitet wurde die Stiftung Glarisegg durch den Kanton. Er beteiligt sich nicht nur an den Kosten von zehn Millionen Franken (plus/minus zehn Prozent), sondern trägt indirekt die ganzen Investitionen. Odermatt sagt:

«Unsere einzige Einnahmequelle sind die Tagestarife, die der Kanton zahlt.»

Schenkungen gebe es für Sonderschulen wie die Glarisegg heutzutage kaum mehr. Dazu kommt die heikle Lage direkt am Untersee. «Deshalb schaut man uns auch in Bern genau auf die Finger», ergänzt Forrer.

Einweihung nach über einjähriger Bauzeit

Nach der Bekanntgabe des Siegerprojekts am 19. Oktober starten die Detailarbeiten mit dem auserwählten Architekturbüro. «Im Sommer/Herbst 2021 wollen wir das Projekt eingeben», sagt Odermatt. Damit könnte der Bau im Winter 21/22 beginnen, der bei laufendem Schulbetrieb etappenweise umgesetzt werden soll. Geht alles nach Plan, erfolgen im Frühling 2023 der Abschluss und die Einweihung des Schulhausersatzbaus.

Den Sieger des Architekturpreises wird am Montag, 19. Oktober, um 16 Uhr bekanntgegeben. Noch bis 29. Oktober sind sämtliche Projekte im Gewerbegebäude an der Breitenstrasse 16b (oberste Etage) in Frauenfeld besichtigt werden.

Gegründet 1971 in Chur


Die Schulstiftung Glarisegg am westlichen Ortsausgang von Steckborn bietet rund 50 männlichen Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensauffälligkeiten im Volksschulalter einen Platz und begleitet sie pädagogisch und psychotherapeutisch. Die meisten von ihnen stammen aus dem Kanton Thurgau. Im Juli 1971 entschied Peter Züblin, dass das ehemalige Hotel Glarisegg einer gemeinnützigen Einrichtung überführt werden soll. Laut damals verfasster Stiftungsurkunde besteht der Zweck der Sonderschule darin, «Jugendliche, die einer besonderen Führung benötigen, aufzunehmen, zu schulen und zu betreuen, ihre Eingliederung zu fordern und ihnen die Absolvierung einer Berufslehre zu ermöglichen». Seit dem Jahr 2007 und der Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgaben zwischen Bund und Kantonen (NFA) zeichnet der Kanton für die Organisation und Finanzierung der Sonderschulung verantwortlich. Die Schulstiftung Glarisegg mit Sitz in Chur – den Hypothekarkredit für die Gründung 1971 gewährte damals die Bündner Kantonalbank durch persönliche Beziehungen von Peter Züblin – finanziert sich via Tagestarife für betreute Kinder und Jugendliche. 65 Mitarbeitende in 42 Vollzeitstellen kümmern sich um den laufenden Betrieb. (sko)