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Jean Grädel arbeitet «wie ein Liebender»

Dem Thurgauer Theaterregisseur Jean Grädel hat das Phönix-Theater Steckborn zum 75. Geburtstag gratuliert: in einem Gespräch mit fünf Menschen, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Ein berührender Abend.
Dieter Langhart
Jean Grädel zwischen Schauspielerin Hanna Scheuring und Moderator Daniel Rohr (Bilder: Dieter Langhart)

Jean Grädel zwischen Schauspielerin Hanna Scheuring und Moderator Daniel Rohr (Bilder: Dieter Langhart)

Jean Grädel hat Dutzende von Bühnen bespielt, in Theatern und unter freiem Himmel. Jean Grädel macht Theater aus Leidenschaft, weil er weiss, das Theater spiegelt die Welt, also das Leben. Darum hat Jean Grädel nicht nur Stücke inszeniert (und tut es noch), er hat Theater und Tanz auch gefördert: bei Pro Helvetia oder bei der Kulturstiftung Thurgau.

Jetzt ist er 75 Jahre alt und denkt nicht daran, aufzuhören. Über 180 Inszenierungen gehen auf sein Konto. «Du solltest deine Website aktualisieren», sagt sein Kollege Daniel Rohr, Leiter des Theaters Rigiblick in Zürich. Er moderiert das Gespräch am Dienstagabend, auf einer Theaterbühne, die Jean Grädel auch bespielt hat: dem Phönix-Theater in Steckborn. Mit fünf Gästen, die mit ihm zusammengearbeitet haben und ihn sehr gut kennen: Simon Witzig (Operette Arth), Humbert Entress (Ex-Präsident Kulturstiftung Thurgau), Hanna Scheuring (Schauspielerin), Adrian Klemm (Fondazione Dimitri), Annette Kuhn (Schauspielerin), Albert Koller (Tätschmeister des Festspiels «600 Jahre Schlacht am Stoss»). All dies verfolgt ganz rechts aussen auf der Bühne der Zeichner Christian Eggenberger als Graphic Recorder – phänomenal, wie er Strich für Strich den ganzen Abend auf einem grossen Bogen Papier zusammenfasst und ihn am Schluss des Abends Jean Grädel schenken wird. Lüpfige Zwischenakkorde steuert das Trio Randolina bei, dessen Bassist Markus Keller als Schauspieler mit Annette Kuhn beim «Freien Theater Thurgau» mitmachte, doch davon gleich.

«Ich lebe im Jetzt»

«Es ist uns allen eine Herzensangelegenheit», sagt Daniel Rohr, «den Chevalier des lettres et des arts Jean Grädel zu ehren.» Der Leiter des Zürcher Theaters Rigiblick führt durch den Abend, neckt Jubilar Grädel, fordert die Gäste und Freunde auf, von ihrer Beziehung zu und ihrer Arbeit mit Jean Grädel zu erzählen. Die Uraufführung von Frischs «Biografie. Ein Spiel» am Schauspielhaus Zürich war seine erste Inszenierung als Regieassistent – und Daniel Rohr fragt natürlich: «Was würdest du neu anfangen?» Jean Grädel zögert. Er habe so viel Glück gehabt, habe stets zugegriffen. «Ich lebe im Jetzt.»

Simon Witzig, Humbert Entress, Hanna Scheuring, Jean Grädel, Daniel Rohr, Adrian Klemm, Annette Kuhn, Albert Koller; im Hintergrund ein Porträt Grädels von Caroline Minjolle.

Simon Witzig, Humbert Entress, Hanna Scheuring, Jean Grädel, Daniel Rohr, Adrian Klemm, Annette Kuhn, Albert Koller; im Hintergrund ein Porträt Grädels von Caroline Minjolle.

Hanna Scheuring sagt zu ihrer Arbeit mit Regisseur Grädel, sie habe sich gefühlt, als gingen Schleusen auf: «Du arbeitest wie ein Liebender.» Mit seiner «liebenden Härte» habe er aus ihr herausholen können, was in ihr drin war: in «Grönland» am Theater Stok, in der Produktion «Spinnen» mit dem Freien Theater Thurgau (FTT), in ihrem eigenen Solostück «Love, Marilyn». Schauspielerin Annette Kuhn greift Grädels Arbeit mit dem Freien Theater Thurgau auf: «Jean konnte gut zuhören, er nimmt dich ernst.» Bei ihrem Stück «Strandgut» hätten sie sich «gestritten und umarmt». Annette Kuhn machte bei vier der fünf FTT-Produktionen mit und bedauert noch heute, dass das Ensemble ohne festen Spielort nicht mehr besteht. Jean Grädel hatte es initiiert, nachdem er 2007 den Thurgauer Kulturpreis erhalten hatte.

Humbert Entress kennt Jean Grädel seit der gemeinsamen Zeit im Stiftungsrat der Thurgauer Kulturstiftung. Er habe gestaunt über Grädels Mut und Ideenreichtum. Die erste FTT-Produktion hat das Kulturamt mitfinanziert, zu einem Leistungsauftrag kam es aber nicht, die weiteren unterstützte die Kulturstiftung. «Im Thurgau mussten wir für jede Produktion betteln», sagt Jean Grädel.

Simon Witzig, Sänger bei der Arther Operette, bestätigt Jean Grädels Liebe zur Musik und zu den Menschen: «Er nahm sich eines jeden von uns an.» Albert Koller erzählt, dass ihm Jean Grädel als «bester Regisseur» für das geplante Festspiel empfohlen worden war, mit dem die Appenzeller 600 Jahre Schlacht am Stoss feiern wollte, und gab manche Anekdote zum Besten: von den Ausserrhodern, die nicht mitmachten, von den Geldsorgen des Säckelmeisters und vom widerlegten Klischee der kleinen Appenzeller. Und Jean Grädel bekannte, dass er gestaunt habe, welch modernes Festspiel die Appenzeller vorhatten.

Jean Grädel in drei Worten

Daniel Rohr streifte des Regisseurs lebenslange Liebe zu den Pferden. «Ich entdeckte sie mit acht Jahren, wollte zur Kavallerie. Und sie verband mich innig mit meiner Frau Eveline.» Jean Grädel sparte Einschnitte in seinem Leben nicht aus, auch nicht Evelines Tod nach langem Leiden. «Sie bringen dich weiter im Leben.» Aber er sei empfindlicher geworden, ertrage Querelen in Theaterinszenierungen nicht mehr.

Adrian Klemm sass mit Jean Grädel im Stiftungsrat der Fondazione Dimitri und erinnert sich. «Jean war eine grosse Hilfe, wurde bewundert. Er gab wichtige Impulse, drang aber nicht immer durch mit ihnen.» Dann, nach einem erneuten Intermezzo von Randolina, fragt der Moderator reihum nach den drei Stichworten zu Jean Grädel, um die er sie davor gebeten hat. Der Gefeierte fühlt sich noch ein wenig unwohler: «Ich habe mich nicht so sehr gefreut auf diese Veranstaltung – normalerweise sitze ich im Theater hinten.»

Simon Witzig:
(1) heilig: «Jean war die Bühne heilig, er betonte, wir müssten ihr Sorge tragen.»
(2) echt
(3) profund: «Jean hat genau recherchiert.»
Jean Grädel ergänzt: «Die Bühne ist ein magischer Ort. Und sie hat einen religiösen Hintergrund: wie in der Messe, wie in der griechischen Antike.» Er spricht von der grossen Verantwortung gegenüber dem Werk, gegenüber den Kollegen, gegenüber dem Publikum.

Albert Koller:
(1) bescheiden
(2) verantwortungsvoll: «Jean zeigte totales Verständnis für unsere Laienspieler, holte jeden ab, wo er gerade stand.»
(3) edel: «Jean ist ist eine edle Person, die ihresgleichen sucht. Er konnte die Mitwirkenden begeistern.» Die Ausserrhoder Regierung habe ihn 2006 als Gast zur Landsgemeinde eingeladen.

Annette Kuhn:
(1) Vertrauen: «Es war stets gegenseitig.»
(2) sinnlich: «Jean ist ein schöner Mann und liebt Ästhetik.»
(3) Katzen (sie hat einst sein Haus gehütet und die zwei grossen Katzen)

Adrian Klemm:
(1) Leidenschaft im Beruf und im Leben
(2) Empathie, auch gegenüber Gegnern: «Jean war nie stur.»
(3) Zuverlässigkeit

Hanna Scheuring:
(1) Liebe
(2) Mut: zum Leben und sich zu zeigen («er hat mir aus seinen Briefen an Eveline vorgelesen»)
(3) Hilfe fürs Leben

Humbert Entress:
(1) Fürsorge
(2) Enthusiasmus: «Flunkert Jean?»
(3) fair: «Auch als Kulturförderer in der Kulturstiftung – er gab auch Unerfahrenen eine Chance und rang oft um einen guten Entscheid.»
Jean Grädel ergänzt: «Bei Pro Helvetia war ich der jüngste Stiftungsrat aller Zeiten. Das war eine Chance und ein Krampf; ich konnte viel lernen und betrachte das als Geschenk.» Später wurde er Leiter Theater & Tanz – und leitete daneben das Theater an der Winkelwiese: «Das war nicht einfach mit 200 Prozent. Ich hatte Glück, habe ich das durchgestanden.»

Daniel Rohr resümiert: «Ich habe Jean von allen Seiten gesehen». Doch eine Stunde reiche nicht aus, ihn und seine Arbeit zu würdigen. Und er fragt Jean Grädel direkt: «Was sind deine drei Stichwörter?» Der Geehrte hat drei Minuten Zeit, Randolina spielt nochmals melancholisch-lüpfig auf, und der Techniker projiziert Bilder aus früheren Zeiten ein. Dann erst nennt Jean Grädel seine drei Wörter: neugierig, leidenschaftlich, unersättlich.

Die Zuhörer im vollen Phönix-Theater applaudieren, Daniel Rohr sagt "ich verneige mich vor dir" und umarmt seinen Theaterfreund, Zuhörer treten auf die Bühne und gratulieren dem Mann mit den weissen Locken und den warmen Augen, Christian Eggenberger überreicht ihm seinen gezeichneten Abend. Und draussen im Foyer gehen die Gespräche weiter in die Nacht, denn das Theater spiegelt die Welt, also das Leben. Und dieses Leben soll voller Neugier sein und leidenschaftlich, und wir sollen unersättlich sein wie Jean Grädel.

Jean Grädel.

Jean Grädel.

Zeichner Christian Eggenberger.

Zeichner Christian Eggenberger.

Daniel Rohr, Adrian Klemm, Annette Kuhn, Albert Koller.

Daniel Rohr, Adrian Klemm, Annette Kuhn, Albert Koller.

Intermezzo mit Randolina: Markus Keller, Daniel Schneider, Francis Petter.

Intermezzo mit Randolina: Markus Keller, Daniel Schneider, Francis Petter.

Daniel Rohr moderiert und gestikuliert.

Daniel Rohr moderiert und gestikuliert.

Jean Grädel hört zu.

Jean Grädel hört zu.

Christian Eggenberger zeichnet.

Christian Eggenberger zeichnet.

Ein ganzes Gespräch in einer Zeichnung.

Ein ganzes Gespräch in einer Zeichnung.

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