Interview
«Für mich war klar, dass die Wahrheit gewinnen muss»: Andreas Schelling deckte den Wahlbetrug auf und ist deshalb «Thurgauer des Jahres»

Die TZ kürt den Präsidenten der GLP des Bezirks Frauenfeld zum «Thurgauer des Jahres». Andreas Schelling deckte die Manipulation der Grossratswahlen im März auf. Sein ausgeprägtes Rechtsempfinden und die Eigenschaft, Dinge kritisch zu hinterfragen, haben ihm dabei geholfen.

Christian Kamm und Silvan Meile
Drucken
Teilen
Der Frauenfelder Andreas Schelling hat den Wahlskandal in seiner Stadt aufgedeckt.

Der Frauenfelder Andreas Schelling hat den Wahlskandal in seiner Stadt aufgedeckt.

Bild: Reto Martin

Dürfen wir Sie Sherlock Schelling nennen?

Andreas Schelling: Kein Problem (lacht). Den Namen haben mir meine Parteikollegen im vergangenen Frühling gegeben.

Und er hat sich eingebürgert?

Es ist nicht so, dass mich die Leute nur noch Sherlock nennen. Normalerweise bin ich immer noch der Andreas. Aber wenn von Sherlock die Rede ist, dann weiss man, wer gemeint ist.

Spitznamen sind nicht immer schmeichelhaft. Ihrer aber ist als Kompliment gemeint.

So ist es.

Weil Sie die grösste Wahlmanipulation, seit es den Thurgau gibt, aufgedeckt haben. Und national gab es in den letzten Jahren auch nichts Vergleichbares.

Am ehesten noch im Wallis. Dort fand auch eine Wahlfälschung statt. Weil die Rekursfristen abgelaufen waren, konnte der Begünstigte seinen Sitz jedoch behalten. Der Schuldige wurde schliesslich verurteilt, aber erst nach vier Jahren.

Schildern Sie uns nochmals den Moment, als es bei Ihnen Klick gemacht hat. Als Ihnen klar wurde, dass etwas mit dem Wahlresultat der GLP im Bezirk Frauenfeld nicht stimmen konnte.

Weil es coronabedingt kein Wahlzentrum gab, ­hatten wir uns nach der Veröffentlichung der ­Resultate in kleinem Rahmen getroffen. Wir hatten einen Grossratssitz weniger gemacht als erwartet und waren natürlich entsprechend enttäuscht. Erst recht, weil die letzte Hochrechnung noch anders ausgesehen hatte.

Und aus der Enttäuschung kamen die Zweifel?

Dann fanden wir, dass das noch genauer angeschaut werden muss. Ich hatte nur ein Handy ­dabei und sah deshalb noch nicht alle Details. Zu Hause ist mir aber aufgefallen, dass die GLP extrem ­wenig unveränderte Wahlzettel hatte verglichen etwa mit einer BDP, die insgesamt viel schlechter abschnitt als wir.

Warum sahen Sie, was niemand anderem aufgefallen ist? Ist das der auf Unregelmässigkeiten spezialisierte Blick des ETH-Ingenieurs?

Ich habe in Ländern gearbeitet, die nicht unbedingt dafür bekannt sind, dass alles korrekt abläuft.

«Dort lernte ich, alles kritisch anzuschauen.»

Nicht überkritisch, aber ich entwickelte ein Sensorium dafür, Dinge durchleuchten und verstehen zu wollen.

Andreas Schelling.

Andreas Schelling.

Bild: Reto Martin

Sie haben international Karriere gemacht, arbeiteten im Bereich Mobilfunk unter anderem in ­Venezuela, Mexiko oder Indien. Dort gilt das Motto: Vertrauen ist, gut, Kontrolle ist besser?

Ganz genau. Und das hat hier sicher auch mitgespielt. Eine Wahlmanipulation im Kanton Thurgau – das war bis vor kurzem unvorstellbar. So ­etwas gibt es doch nur in Bananenrepubliken. Das war zuerst auch der Tenor im GLP-Vorstand. Dass das doch nicht möglich sei. Ich müsse mich geirrt ­haben. Aber eine erneute Analyse bestätigte klar dieses eklatante und mit plausiblen Gründen nicht erklärbare Missverhältnis zwischen unveränderten und veränderten Wahlzetteln bei unserer Partei, der GLP.

Sie haben lange im Ausland gelebt und viel von der Welt gesehen. Was hat Sie in den Thurgau geführt?

Ich bin ein Thurgauer, geboren in Dussnang und in Matzingen in die Schule gegangen. Anschliessend habe ich die Kanti in Frauenfeld besucht. Auch während der Jahre im Ausland habe ich in der Schweiz immer eine Wohnung gehabt. Für mich war klar, dass ich eines Tages zurückkommen werde. Aber es war nicht sicher, dass es der Thurgau sein würde.

Und weshalb wieder der Thurgau?

Weil er ein idealer Ort zum Leben ist.

Hat die Wahlmanipulation Ihr Vertrauen in die hiesigen Institutionen nicht nachhaltig erschüttert?

Mir war immer klar, dass der Thurgau in dieser Beziehung weder besser noch schlechter ist als andere Kantone. Mich stört hingegen, dass viele glauben, die Schweiz habe die beste Demokratie der Welt und solche Dinge könnten bei uns gar nicht passieren.

«Richtig ist: Jeder mit einer kriminellen Ader kann auch hier solche Wahlfälschungen betreiben.»

Offensichtlich.

Ja, denn man sagt zwar, die Abläufe bei Wahlen in der Schweiz seien sicher, aber in Tat und Wahrheit sind die Systeme viel löchriger als in den meisten anderen Ländern.

Die Manipulation zu erkennen, war das eine. Dann aber wollte man Sie zuerst einfach abwimmeln. Kann nicht sein, was nicht sein darf?

Man hat mich abgewimmelt, stimmt. Sogar innerhalb der eigenen Partei. Es gab auch dort einige, die relativ lange brauchten, um zu begreifen, was da geschehen ist.

Andere hätten die Faust im Sack gemacht und einfach aufgegeben. Sie aber nicht.

Ich hatte schon immer ein ausgeprägtes Rechtsempfinden. Für mich war auch in diesem Fall klar, dass die Wahrheit gewinnen muss. Ich wurde in einem Pfarrhaus geboren und diese Grundhaltung habe ich wohl von meinem Elternhaus mitbekommen.

Andreas Schelling.

Andreas Schelling.

Bild: Reto Martin

Das Gerechtigkeitsempfinden, das man als Pfarrerskind in die Wiege gelegt bekommt?

Ja. Und mir wurde bald einmal klar, dass man als Kind eines Pfarrers damals auch ein Vorbild zu sein hatte. Streiche wie unter Buben üblich, waren problematisch. Ich habe sie natürlich dennoch gemacht, allerdings mehr im Verborgenen.

Zivilcourage gehört nicht zu jenen Tugenden, mit denen man sich im Thurgau viele Freunde macht. Es besteht die Gefahr, zum Aussenseiter zu werden.

Das gilt doch für die ganze Schweiz. Mit Ecken und Kanten macht man sich nicht unbedingt beliebt. Das ist aus meiner Sicht komplett falsch. Es hängt auch damit zusammen, dass wir hier etwas Wichtiges nicht lernen: nämlich zu streiten. Wenn man vorwärtskommen will, muss man argumentieren können und das, was man als schlecht empfindet, auch ansprechen. Aber immer fair.

Unterdessen ist die Wahlfälschung zumindest politisch erledigt. Die GLP hat einen Sitz mehr erhalten, die SVP musste einen abgeben. Reden SVPler noch mit Ihnen?

Ja. Ich hatte nie Probleme mit der SVP. Ich hatte Probleme mit gewissen Leuten bei der SVP, die einfach extrem stur gewesen sind.

Zum Beispiel mit dem Präsidenten?

Mit ihm habe ich noch nie ein Wort gewechselt. Ich habe aber weiterhin einen Draht zu anderen SVP-Exponenten. Ich verstehe sie. Und ich lasse sie so wie sie sind und will sie nicht ändern. Andere politische Meinungen zu akzeptieren, macht mir keine Mühe.

Gab es auf dem Höhepunkt der Affäre viele böse Mails, damit Sie endlich Ruhe geben sollten?

Ich habe persönlich keine solchen Reaktionen ­erhalten. Die gingen eher zu anderen GLP-Exponenten.

Nächtliche Telefonanrufe?

Nein, gar nichts.

Wie sieht es umgekehrt mit ­Anerkennung aus? Von Marco ­Rüegg, der Ihnen seinen Grossratssitz verdankt, werden Sie wohl eine spezielle Flasche Wein bekommen haben.

Marco Rüegg hat diesen Sitz verdient. Und er ist ein Vollblut-GLP-Politiker. Das heisst nicht, dass wir überall gleicher Meinung sind. Wir kommen gut miteinander aus, pflegen den Austausch und gehen mindestens einmal im Monat gemeinsam Mittagessen.

Und das letzte Mal hat er bezahlt?

Er hat mich auch schon eingeladen, ja.

Wie steht es um Anerkennung aus anderen Parteien?

Es kamen immer wieder Leute praktisch von ­allen Parteien auf mich zu – inklusive der SVP. Zum Beispiel hat mir Urs Martin, damals bereits Regierungsrat, gratuliert. Sogar in einem offiziellen ­Bericht der Regierung steht drin, dass die Wahlfälschung ohne mein Engagement nicht aufgedeckt worden wäre. Darauf bin ich schon stolz.

Was macht Andreas Schelling, wenn er nicht eine Wahlmanipulation aufdeckt?

Ich habe zwar das Rentenalter bereits erreicht, bin aber weiterhin als Berater tätig im Bereich Telekommunikation, nachhaltige Energie und Elektro­mobilität. Auch bin ich im Telekommunikationsverband aktiv. Und ich bin Mitglied von Swiss­cleantech.

Ab und zu geht es auch in die Luft? Sie haben einen Pilotenschein.

Das ist schon länger kein Thema mehr.

Weil es nicht mehr mit dem grünen Gewissen der GLP vereinbar ist?

Es hat auch damit zu tun. Ich möchte nochmals fliegen. Ich werde auch nochmals fliegen. Aber dann mit einem Elektroflugzeug.

Tauchen und Fotografieren zählen ebenfalls zu Ihren Hobbys. Wann waren Sie zum letzten Mal unter Wasser?

Mit Sauerstoffflasche ist es schon Jahre her. Ich schnorchle aber auch gern. Nicht unbedingt in einem trüben See. Klar sollte es schon sein. Ich bin auch schon in der Thur getaucht.

In den 90er-Jahren haben Sie für die Swatch Group gearbeitet, unter anderem als Assistent und technischer Berater von Nicolas G. Hayek. Was haben Sie von ihm gelernt?

Dass jeder Mensch dieselbe Luft atmet. Ich habe damals realisiert, dass auch Leute, die sehr mächtig sind, eben nur Menschen sind. Vorher hatte ich fast schon übertrieben ehrfürchtig zu gewissen Leuten aufgeschaut. Und ich lernte, dass es wichtig ist, Ziele vorzugeben und zu erreichen. Dabei soll man unterstützend wirken, aber den Weg nicht vorschreiben.

Der Wahlbetrüger von Frauenfeld hat die Rechnung ohne Andreas Schelling gemacht. Gibt es den perfekten Wahlbetrug?

Den gibt es nicht. Ich sehe das ähnlich wie beim Hacken von Computersystemen. Es gibt immer Leute, die versuchen, Schwachstellen zu finden und ein solches System anzugreifen. So wie ein Wahlbetrüger das versucht. Gegenmassnahmen hat man nicht ein für allemal gefunden, sondern es braucht eine kontinuierliche Weiterentwicklung.

«Das wurde bei analogen Wahlsystemen in der Vergangenheit verpasst.»

Wurden im Thurgau die richtigen Schlüsse aus der Wahlfälschung gezogen?

Ja, aber noch nicht vollständig. Es braucht noch einiges mehr. Nicht nur im Thurgau, sondern schweizweit.

Und dann gibt es ja immer noch Andreas Schelling. Egal wie, wo und wer: Sie würden einem Wahlfälscher auf die Schliche kommen?

Ich habe extrem viel über dieses Thema gelernt und weiss jetzt recht gut, wie das funktioniert. Und was man verbessern sollte. Ich bin überzeugt: Der oder diejenigen, welche die Wahl manipuliert haben, haben die Schwachstellen sehr gut gekannt.

Die Krönung wäre jetzt, selbst einmal in einem Wahlbüro mitzuarbeiten. Von der Theorie zur Praxis sozusagen.

Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber Sie haben recht: Vielleicht müsste ich mich tatsächlich einmal als Urnenoffiziant bewerben.

Aktuelle Nachrichten