Interview
«Es tut weh»: Was Steckborns Stadtrat Franz Reithofer zu seinem Rücktritt, zum gebeutelten Sozialwesen und zu den Machenschaften im Stadtrat sagt

Seit 2007 steht Franz Reithofer als Stadtrat der Steckborner Fürsorge vor. Die Sozialen Dienste sind seit mehreren Kündigungen führungslos. Der Stadtrat muss mit Reithofers Abgang bereits den fünften Rücktritt innerhalb rund eines Jahres verkraften. Jetzt packt der 65-Jährige aus und kommentiert die meisten Fragen.

Samuel Koch
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Der langjährige Stadtrat Franz Reithofer (65, SP) im Gespräch.

Der langjährige Stadtrat Franz Reithofer (65, SP) im Gespräch.

Bild: Kevin Roth

Wie geht es Ihnen?

Franz Reithofer: Gut, und immer besser.

Sie machen aber keinen Hehl daraus, dass Ihnen die letzten Monate zugesetzt haben?

Nein. Zuletzt ging es echt an die Substanz. Mein Körper sendete klar Signale, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Das ist es mir nicht mehr wert.

Was ist los in Steckborn?

(Überlegt) Das lässt sich fast nicht zusammenfassen. Vor knapp zwei Jahren hat mit der Ankunft von Stadtpräsident Roman Pulfer alles gut begonnen, den alle Stadtratsmitglieder und Stadtangestellte als unvoreingenommenen Aussenstehenden empfingen. Und seither ist das Kartenhaus nach und nach in sich zusammengefallen.

Die Situation ist unglaublich festgefahren und verworren.

Warum?

Es war ein Prozess in kleinen Schritten, der mit dem Machtkampf zwischen Pulfer und alt Stadtschreiber Hanns Wipf begann und jetzt im Desaster bei den Sozialen Diensten seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Die ehemaligen Stadträte Gregor Rominger und Michaela Dähler haben alles an Stadtpräsident Roman Pulfer festgemacht. Zu Recht?

Zum Streiten braucht es immer zwei. Pulfers juristisch penible Art und sein subtiles Vorgehen gegenüber Stadtratsmitgliedern und Mitarbeitenden haben ihm das Leben aber nicht vereinfacht.

Roman Pulfer, Stadtpräsident Steckborn, noch bis Ende Mai.

Roman Pulfer, Stadtpräsident Steckborn, noch bis Ende Mai.

Bild: Andrea Stalder

Geben Sie ein Beispiel?

Für die Anschaffung neuer Büromöbel haben wir stundenlang diskutiert. Da hätte ich mir hie und da mehr Pragmatismus gewünscht.

Das kann aber nicht alles gewesen sein?

Nein, leider nicht. Roman Pulfer hat sich oft nicht an Abmachungen gehalten.

Hat der Stadtrat deshalb dem Stadtpräsidenten des Personaldossier entzogen?

Ja. Aber im Stadtrat wurden auch unterschiedliche Meinungen nicht mehr richtig wahrgenommen.

Lebt ein politisches Gremium nicht von unterschiedlichen Meinungen?

Doch, sicher.

Mir ging es immer nur um die Sache, um das Wohl von Steckborn und seinen Stimmbürgern.

Aber im Zwischenmenschlichen war es zunehmend schwierig.

Haben Sie nicht versucht, Gegensteuer zu geben?

Mit Sicherheit. Der Stadtrat und einzelne Personen in der Verwaltung haben viel versucht. Doch leider hat es so weit kommen müssen. Christian Hild (Anm. der Red.: langjähriger Leiter der Sozialen Dienste, der mittlerweile gekündigt hat) war lange ein Schutzschild, eine absolut loyale, integre und empathische Führungspersönlichkeit. Aber im Februar haben die Tropfen das Fass auch für ihn zum Überlaufen gebracht.

Damals haben Sie die Gründe für die Kündigung unkommentiert gelassen. Wie sieht es heute aus?

Er konnte ohne die Unterstützung der Mehrheit des Stadtrates seine Arbeit nicht mehr wie gewünscht ausführen.

Wie man mittlerweile weiss, wollte der Stadtrat dem Stadtpräsidenten das im August entzogene Personaldossier wieder zurückgeben.

Wir haben uns eingebracht und versucht, Christian Hild umzustimmen. Aber leider hat das nicht gefruchtet, womit der Damm für weitere Kündigungen bei den Sozialen Diensten leider gebrochen war.

Wir im Stadtrat haben zu spät erkannt, wie dramatisch die Lage ist.

Wir hätten früher insistieren sollen, aber irgendwann war die Welle nicht mehr aufzuhalten. Der Scherbenhaufen ist da, und das tut weh.

Und er kostet eine Stange Geld?

Kündigungen erzeugen immer Mehrkosten. Mit den Auswirkungen auf die Sozialen Dienste und die Berufsbeistandschaft spricht man in Fachkreisen von über 400'000 Franken, die alle Vertragsgemeinden gemäss im Managementvertrag festgehaltenen Kostenschlüssel untereinander aufteilen müssen. Ich muss aber sagen, dass die Vergabe an die externe RGB Consulting eine gute Lösung ist.

3800 Einwohner leben im historischen Städtchen am Untersee.

3800 Einwohner leben im historischen Städtchen am Untersee.

Bild: Donato Caspari

Geld kostet auch die Lohnfortzahlung von Roman Pulfer, was im Städtli für viel Unmut sorgt. Was ist Ihre Meinung dazu?

Der Stadtrat hat das mit einer Vereinbarung so geregelt, nachdem die Idee vom Kanton kam, weil es für solche Fälle keine gesetzliche Grundlage gibt. Man sollte sich überlegen, ob es diese in Zukunft nicht doch braucht. Und als Antwort auf Ihre Frage:

Lieber ein halbes Jahr zahlen als zwei Jahre lang Krieg führen.

Sie wollen damit sagen, der Stadtrat hat dem Frieden zuliebe diese Vereinbarung unterzeichnet?

Ich äussere mich zu dieser Frage nicht.

Haben Sie sich Ihren bereits im Stadtrat kommunizierten Rücktritt nochmals überlegt, als Stadtpräsident Pulfer seinen Abgang verkündete?

Ja, das habe ich. Ich meine aber, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, die Fürsorge mit dem aufgegleisten Organisationswechsel hin zu einem Kompetenzzentrum in neue Hände zu übergeben. Interimistisch übernimmt wahrscheinlich Jack Rietiker als mein Stellvertreter das Sozialwesen.

Ist Ihnen Roman Pulfer mit seinem Rücktritt zuvorgekommen?

Nein. Der Stadtrat hat zu einer kurzfristigen Sitzung eingeladen, an der ich aus terminlichen Gründen nicht teilnehmen konnte. Darum habe ich meinen Rücktritt allen Stadträten per Whatsapp mitgeteilt. Da wusste ich noch nichts von seinem Rücktritt. An diesem Tag ist aber etwas vorgefallen, das für mich den endgültigen Schlussstrich bedeutete.

Was genau ist vorgefallen?

(Zögert lange) Das will ich nicht kommunizieren. Ich will nicht polarisieren, das entspricht nicht meinem Naturell.

Warum ist Steckborn ein derart schwieriges Pflaster für Politiker?

Das sehe ich nicht so. Steckborn ist nicht viel anders als andere Gemeinden. Aber die Stimmberechtigten mögen es pragmatisch und ehrlich.

War das Stadtpräsidium für Sie persönlich nie ein Ziel?

Nein. Ich mochte meinen Beruf als Bahnhofvorsteher und Ausbildner bei den SBB immer zu sehr, um ihn aufzugeben.

Ihr Rücktritt kann negativ interpretiert werden. Sagen Sie immer noch, dass sie nicht mit einem Gefühl abtreten, gescheitert zu sein?

Absolut. Die Sozialen Dienste sind ein Erfolgsmodell für Steckborn, ein Leuchtturmprojekt für die ganze Region. Das ist zu Teilen das Verdienst von Christian Hild und mir, aber möglich geworden ist das vor allem dank engagierten Mitarbeitenden, die effizient und kostenbewusst arbeiten.

Weist Steckborn im innerkantonalen Vergleich nicht mehr so hohe Sozialkosten auf?

Sie sind immer noch hoch, aber in den vergangenen Jahren dank sehr erfolgreicher Arbeit stark gesunken.

Gerade die Arbeitsintegration läuft super, auch dank kurzer Wege, damit man schnell agieren und Personen vermitteln kann.

Wir sind auf einem sehr guten Weg.

Jetzt sind Sie frisch pensioniert und hören Ende Juli als Stadtrat auf. Wird es Ihnen dann nicht langweilig?

Mit Sicherheit nicht. Ich habe mittlerweile acht Enkelkinder und werde sie in Zukunft noch mehr besuchen als bisher schon. Zudem treibe ich gerne Sport und reise sehr gerne.

Was für Sport treiben Sie?

Ich jogge, fahre Velo oder mache Skitouren. Deshalb habe ich mir jetzt auch einen Bart wachsen lassen, damit ich für die Touren das Rasierzeug zu Hause lassen kann. Je weniger man mittragen muss, umso besser.

Stadtpräsident Roman Pulfer hat mehrere Anfragen für ein Interview dieses Mediums unbeantwortet gelassen.