Interview
«Angst lernt man auf die Seite zu schieben»: Der einzige Schweizer Astronaut referiert in Frauenfeld

Claude Nicollier ist bis heute der einzige Schweizer Astronaut. Am Mittwochabend sprach der 76-Jährige auf Einladung der Lions-Clubs Thurgau und des Lions-Clubs Iselisberg im Casino Frauenfeld. Danach stand er für ein Interview zur Verfügung.

Christof Lampart
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Claude Nicollier, Schweizer Astronaut und Gast in Frauenfeld.

Claude Nicollier, Schweizer Astronaut und Gast in Frauenfeld.

Bild: Christof Lampart

Herr Nicollier, Sie waren zwischen 1992 und 1999 viermal mit einem Spaceshuttle im Weltall. Was für ein Gefühl ist es, wenn man auf die Erde hinabblickt und völlig losgelöst von ihr ist?

Claude Nicollier: Man entdeckt, dass die Erde ein sehr kleiner, dafür aber umso schönerer Planet ist. Ich war immer sehr beeindruckt von der Schönheit der Sahara, wenn wir darüber hinwegflogen. Angst machte mir aber die Zerbrechlichkeit. Man sieht von dort oben, wie dünn die Atmosphäre ist, die uns umgibt.

Astronaut Claude Nicollier während einer Operation mit dem Hubble Space Telescope im Dezember 1993.

Astronaut Claude Nicollier während einer Operation mit dem Hubble Space Telescope im Dezember 1993.

Bild: PD

Würden Sie zusagen, wenn Ihnen jemand eine Reise zum Mars anbieten würde?

Also in die Umlaufbahn – wie mit dem Spaceshuttle – würde ich sofort wieder reisen. Aber auf den Mars? Wenn Sie mich vor 20 Jahren gefragt hätten, hätte ich wohl Ja gesagt. Aber heute ist mein Gehirn zwar noch in einem sehr guten Zustand, nicht aber der Körper. Aber den Mars zu erforschen oder zumindest an der Mission irgendwie beratend beteiligt zu sein, wäre schon fantastisch.

Glauben Sie, dass der Mensch dereinst auf dem Mars leben könnte, falls es die Umstände hier auf der Erde notwendig machen würden?

Kann der Menschen auf einem anderen Himmelskörper leben? Und zwar nicht nur für kurze Zeit, sondern langfristig, indem er dort siedelt? Ich weiss es nicht und ich denke, dass eine ständige Besiedlung auch schwierig sein dürfte, denn das Klima dort ist lebensfeindlich und die kosmische Strahlung hoch. Aber wer weiss schon, wie weit unsere Technologien in 200 oder 300 Jahren sein werden? Man müsste einen Weg finden, um sich die dortigen Ressourcen nutzbar zu machen, um Lebensmittel auf dem Mars anzubauen, denn eine Belieferung der Marsbevölkerung mit Essen von der Erde dürfte bei einer Reisezeit von heute acht Monaten schwierig sein.

Sind Sie auf einer Ihrer Missionen auch einmal in eine Situation geraten, bei der Sie dachten: «Jetzt darf ich bloss keinen Fehler machen!»

Nein. Wir hatten zwar viele kleine Probleme, aber keine, an der die Mission zu scheitern drohte. Man muss sich vorstellen, dass wir ja für jede Mission jahrelang eisern darauf hintrainiert hatten. Dementsprechend hoch waren die Sicherheitsstandards. Sie waren darauf ausgelegt, dass das Scheitern der Mission keine Option sei.

Dennoch explodierten die Raumfähren «Columbia» und «Challenger». Hatten Sie nie Angst, wenn Sie sich auf eine Mission begaben?

Angst lernt man als Astronaut auf die Seite zu schieben. Denn Angst lähmt und macht einen handlungsunfähig, falls es doch einmal zu einer kritischen Situation kommen sollte. Aber ich weiss, dass meine Frau immer Angst hatte, wenn ich startete, denn die Startphase und der Wiedereintritt bei der Rückkehr sind die wirklich kritischen Momente. In der Umlaufbahn habe ich mich immer sehr sicher und geborgen gefühlt.

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