In Zeiten von Corona: Die Frauenfelder Stadtverwaltung versucht sich in Normalität

Im Rathaus Frauenfeld und rundherum arbeitet die Stadt weiter. Die Leute seien solidarisch, heisst es – aber teils auch dünnhäutig. Ein Rundgang.

Mathias Frei
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Robert Scherzinger, Stabschef städtische Taskforce CV19, in seinem neuen Büro im Sitzungszimmer Friedheim.

Robert Scherzinger, Stabschef städtische Taskforce CV19, in seinem neuen Büro im Sitzungszimmer Friedheim.

(Bild: Reto Martin)

Der Znüniraum ist neu im Kleinen Bürgersaal. Die schwere Türe beim Rathaus-Haupteingang öffnet sich dank Bewegungssensoren wie bis anhin automatisch. Obwohl alle in Szenarien denken: Bei der Frauenfelder Stadtverwaltung gibt es genug zu tun. Und wer situationsbedingt nicht arbeiten kann, etwa in der Badi oder bei den Deutschkursen des Amts für Gesellschaft und Integration, hilft nach Plan anderswo aus. So wirkt dann zum Beispiel ein Sportplatz-Wart beim Alterszentrum Park in der Logistik.

«So viel Normalität wie möglich, unter Berücksichtigung der Vorgaben des Bundes.»
Anders Stokholm, Stadtpräsident.

Anders Stokholm, Stadtpräsident.

(Bild: PD)

Das strebt Stadtpräsident Anders Stokholm in Zeiten von Corona an. Er mache sich Sorgen: «Was macht die Situation mit uns, mit der Bevölkerung, mit der Psyche der Menschen, mit der Wirtschaft?» Stokholm nimmt immer wieder den Begriff Verhältnismässigkeit in den Mund. Waren alle Massnahmen verhältnismässig? «Als Pfarrer lernte ich das Sonntagsgesicht der Leute kennen, als Gemeindeammann das Werktagsgesicht – und nun lerne ich das Krisengesicht der Menschen kennen.» Angst habe er keine.

«Ist Teil meines Urvertrauens.»

Alle Ämter per E-Mail und telefonisch erreichbar

Bei der Frauenfelder Stadtverwaltung sind bis auf weiteres alle Schalter für den Publikumsverkehr geschlossen. Ausnahmen bilden der Infoschalter sowie die Fachstelle für Alters- und Generationenfragen im Rathaus, die Sozialhilfe (Rheinstrasse 6), an der Schlossmühlestrasse 7 die Ämter für Hochbau und Stadtplanung respektive Tiefbau und Verkehr sowie an der Gaswerkstrasse der städtische Werkhof. Alle Ämter sind aber zu den normalen Bürozeiten per E-Mail und telefonisch erreichbar. Situationsbedingt sind das Amt für Freizeitanlagen und Sport sowie das Amt für Gesellschaft und Integration grossteils ausser Betrieb. (ma)
www.frauenfeld.ch

Stadtrat tagt wegen der Pandemie bis zu dreimal pro Woche

Apropos: Systemrelevanz. Der Stadtrat ist systemrelevant, die Werkbetriebe, damit die Versorgung nicht stockt, die Sozialen Dienste, damit das Geld im Sechs-Personen-Hauhalt nicht noch knapper wird. Der Stadtrat hat zuletzt bis zu dreimal wöchentlich getagt, zum Teil ganztägig. Statt im Stadtpräsidentenbüro am runden Tisch nun halt im Sitzungszimmer Galerie mit Abstand. Nächste Woche ist vorerst nur Dienstag terminiert.

«Ich muss dem Stadtrat und der Stadtverwaltung ein Kränzchen winden. Wir ziehen alle am gleichen Strick in die gleiche Richtung.»

Das sagt Stokholm, der aber auch wahrnimmt, dass manche zurzeit dünnhäutiger seien als normal.

Eine Aufforderung im Rathausfoyer.

Eine Aufforderung im Rathausfoyer.

(Bild: Reto Martin)

Werkbetriebe: Das Rolltor beim Eingang bleibt zu. Das Betriebsgelände ist zum Schutz der Mitarbeiter seit dem 14.März für «nicht betriebsnotwendige Besucher» zu. Arbeiten bei Kunden vor Ort werden minimiert, Betreibungen werden ausgesetzt. An erster Stelle stehen Versorgungssicherheit und Einsatzfähigkeit. Nicht weniger systemrelevant sind die Sozialen Dienste.

«Wir müssen aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Situation mittelfristig mit Mehrarbeit rechnen.»

Das sagt Stadträtin Barbara Dätwyler als zuständige Departementsvorsteherin. Darum muss das Amt funktionieren.

Der Sozialhilfe-Schalter bleibt offen: davor Stadträtin Barbara Dätwyler, dahinter Amtsleiter Martin Gfeller.

Der Sozialhilfe-Schalter bleibt offen: davor Stadträtin Barbara Dätwyler, dahinter Amtsleiter Martin Gfeller.

(Bild: Reto Martin)

Schon lange vor Corona hat man hier Homeoffice eingeführt. Das heisst: Pro Tag arbeitet eine Person von daheim aus. Mittlerweile haben die Sozialen Dienste die Heimarbeit situationsbedingt ausgedehnt. In einem ersten Schritt gilt: maximal eine Person pro Büro. «Eine nächste Massnahme wäre, auf eine Person pro Etage zu reduzieren», erklärt Amtsleiter Martin Gfeller. Während bei der Berufsbeistandschaft der Schalter zu bleibt, weil persönliche Kontakte telefonisch geführt werden können, ist bei der Sozialhilfe der Schalter für Anmeldungen und Notfälle offen.

«Das ist ein bewusster Entscheid des Stadtrats.»

So sagt es Dätwyler. Zudem seien einzelne Vorgaben, welche die Klienten normalerweise erfüllen müssten, derzeit ausgesetzt. «Man kann sich aktuell zum Beispiel nicht für eine Stelle im Gastgewerbe bewerben», sagt Gfeller. «Wichtiger als die Büropräsenz ist die Verfügbarkeit. Ich reagiere in diesen Zeiten auch um 21 Uhr noch auf ein E-Mail. Das schafft für die Mitarbeitenden Sicherheit», meint er. Sie habe das Gefühl, man schaue einander mehr als auch schon, sagt Dätwyler. «Man ist solidarisch.»

Verena Rieser, Leiterin der städtischen Fachstelle für Alters- und Generationenfragen, hängt jetzt oft am Telefon.

Verena Rieser, Leiterin der städtischen Fachstelle für Alters- und Generationenfragen, hängt jetzt oft am Telefon.

(Bild: Reto Martin)

Verena Rieser hat derzeit alle Hände voll zu tun. Sie leitet die Fachstelle für Alters- und Generationenfragen. Die Schalteröffnungszeit ist zwar noch ausgeweitet worden. «Aber es kommen kaum noch ältere Leute.» Rieser sitzt derzeit vor allem am Telefon. Sie koordiniert und triagiert alle Anfragen zum Thema Alter. Steht im Austausch mit Pro Senectute und dem Entlastungsdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes. Aber vor allem ist sie mit den Nachbarschaftshilfen beschäftigt. Die beiden bestehenden Quartierorganisationen decken nun die ganze Stadt ab.

«Dort haben sich in letzter Zeit gut 50 neue Freiwillige gemeldet, und es gibt über 60 neue Tandems, bei denen man sich gegenseitig hilft.»

Manchmal sei sie am Telefon auch Seelentrösterin. «Kürzlich hat jemand aus Mallorca angerufen und nach Angeboten für die eigene Mutter gefragt», erzählt Rieser.

Der Schalter der städtischen Einwohnerdienste ist geschlossen.

Der Schalter der städtischen Einwohnerdienste ist geschlossen.

(Bild: Reto Martin)

Stabschef Robert Scherzinger bringt Erfahrung aus Militär mit

Ein wichtiger Mann ist Robert Scherzinger, der eigentlich die Stadtbusverwaltung leitet, sich nun aber im Sitzungszimmer Friedheim als Stabschef städtische Taskforce CV19 eingerichtet hat. Hier gibt es Süssmost und Tartufi für den Kaffee. An den Wänden hängen grosse Plakate mit To-do-Listen in Schwarz, Rot, Grün und Blau. Vom Militärdienst her hat er Erfahrungen mit der Stabsorganisation, in den WK wirkte er jeweils im ehemaligen Katastrophenhilfebataillon 23 der Territorialregion 4. Er ist bei der Stadt nun Ansprechpartner für das Thema Coronapandemie, hat die Personalpläne im Überblick. «Wenn jemand aus der Stadtverwaltung daheim arbeiten will, kann er das», erklärt Scherzinger. Bei der Stadtverwaltung arbeiten derzeit rund 300 Personen (ohne Alterszentrum und Werke). Der Grossteil ist noch im Büro. Für Homeoffice wären 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingerichtet. Wie Scherzinger sagt, bestehe ein städtischer Pandemieplan schon seit längerem, dieser werde nun aktualisiert.

«Wichtig: Entscheidungsträger und ihre Stellvertreter dürfen nicht gleichzeitig im Büro arbeiten.»
Urban Kaiser, städtischer Chef Sicherheitsbeauftragter und Amtsleiter Alter und Gesundheit.

Urban Kaiser, städtischer Chef Sicherheitsbeauftragter und Amtsleiter Alter und Gesundheit.

(Bild: Reto Martin)

Urban Kaiser ist nebst der Amtsleitung Alter und Gesundheit Chef Sicherheitsbeauftragter bei der Stadt. In dieser Funktion hat er anfangs auch die Arbeitsgruppe CV19 geleitet, die dann eben in die Taskforce umgewandelt wurde – was Kaiser wieder mehr Ressourcen für seine eigentlichen Aufgaben gibt: die Arbeitssicherheit und Gesundheit der Stadtangestellten. Er vermittelt dem Personal:

«Wir schauen zu euch.»

Hat in der ersten Unsicherheit arbeitsrechtliche Fragen abgeklärt, liess Plexiglasscheiben bei den Schaltern einrichten, hat die Schalterschliessungen koordiniert, ist um die Verteilung von Hand- und Flächendesinfektionsmittel besorgt. Das kleine städtische Lager an Schutzmasken aus der Schweinegrippe-Zeit 2009 – aber attestiert funktionsfähig – habe man dem Alterszentrum Park überlassen. Und als Amtsleiter Alter und Gesundheit sagt Kaiser:

«Wir fühlen uns verantwortlich für die Gesundheit der Frauenfelder Bevölkerung.»
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