Serie
In Frauenfeld statt in den USA hängengeblieben

Sommerserie «Jemand zu Hause?» (2): Seit bald zwei Jahren wohnen Susanna und Immanuel Gebauer mit Töchterchen Anais an der Weinstrasse.

Stefan Hilzinger
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Susanna Gebauer mit Tochter Anais in der Stube der Familienwohnung an der Weinstrasse. (Bilder: Reto Martin)

Susanna Gebauer mit Tochter Anais in der Stube der Familienwohnung an der Weinstrasse. (Bilder: Reto Martin)

Wo an diesem Wolkenverhangenen Nachmittag im Parterre das Licht brennt, sollte jemand zu Hause sein. Auf das erste Klingeln hin öffnet tatsächlich eine Mutter mit Kind auf dem Arm die Tür: Susanna Gebauer-Vetterli mit Töchterchen Anais. Sie seien erst grad aus den Ferien zurück und müssten noch einkaufen gehen, sagt sie gleich. Doch anderntags habe sie Zeit für Gespräch und Fototermin und wiederum sehr freundlich lässt sie Journalist und Fotograf dann eintreten.

Im September sind es zwei Jahre, dass Susanna Gebauer mit Tochter Anais und Ehemann Immanuel an der Weinstrasse in Frauenfeld wohnen. Ein älteres stattliches Haus mit drei Parteien und etwas Umschwung. Helle hohe Räume, Fischgrätenparkett, Wände voller Bücher und Schallplatten. «Die stammen aus der DJ-Vergangenheit meines Mannes», sagt Gebauer.

Reisen, Sprachen und soziales Engagement

Tochter Anais spielt zufrieden am Boden, so dass Raum für ein Gespräch bleibt. Susanna Gebauer ist in Hüttwilen auf einem Bauernhof aufgewachsen. Die letzten Jahre war sie im Backoffice der «Streetchurch» tätig, einer Sozialfirma für Arbeitsintegration der Reformierten Kirche in der Stadt Zürich.

Die rote Vespa wartet vor dem Haus.

Die rote Vespa wartet vor dem Haus.

Seit kurzem arbeitet sie Teilzeit im Büro der hiesigen Stiftung Wetterbaum. Die 37-Jährige ist gelernte Buchhändlerin und hat auch auf dem Beruf gearbeitet, etwa im English Bookshop, der bis vor einigen Jahren noch an der Zürcher Bahnhofstrasse existierte. «Sprachen faszinieren mich – und das Reisen auch», sagt sie.

Mit Familie ändern sich die Prioritäten

Doch jetzt, mit Familie hätten sich die Prioritäten geändert, stellt sie ohne Bedauern fest. Und an der Weinstrasse habe sie mit Mann und Kind ein tolles Daheim gefunden. «Früher wohnte ich an der Zürcherstrasse gegenüber des Alterszentrums Park. Auf dem Weg zum Bahnhof bin ich oft an dem Haus vorbeigekommen und dachte mir: Hier zu wohnen, das wär’s.» Und als sie dann vor zwei Jahren heiratete, war grad die Wohnung im Parterre frei.

«Unser Schrein». Ein Kästchen mit Erinnerungsstücken im Gang.

«Unser Schrein». Ein Kästchen mit Erinnerungsstücken im Gang.

Im Frühherbst 2017 klappte es dann mit dem Umzug. Kurz darauf kam Anais zur Welt. «Sie ist ein Samichlaus-Kind», sagt Gebauer. Mit der Heirat zog Ehemann Immanuel (43) aus Deutschland in die Schweiz. Er ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen und hat einst Bierbrauer gelernt. Heute ist er als Heilpädagoge im «Besmerhuus» in Kreuzlingen tätig. Dass Susanna Gebauer nun ihren Lebensmittelpunkt in Frauenfeld hat, ist keineswegs selbstverständlich, wie sie sagt:

«Ich musste erst einmal herausfinden, wo mein Platz ist.»

Um ein Haar wäre sie in den USA hängen geblieben. «Wenig hat gefehlt und ich wäre ausgewandert.» Immer wieder nämlich hat sie das Reisefieber für längere Zeit in die Vereinigen Staaten geführt. 2006 arbeitete sie auf einer Getreidefarm in North Dakota; 2012 auf einem Obstbaubetrieb in Iowa. «Die Äpfel waren für selbstgemachte Applepies, die wir auf dem Markt verkauften.» Geblieben von den USA-Aufenthalten sind Freundschaften – mehr noch: «Ich hatte in den Staaten so etwas wie eine zweite Familie gefunden.»

Nähe zur Verwandtschaft hat ihre Vorteile

Hängen geblieben ist Gebauer dann aber nicht in den USA, sondern in der alten Heimat, dem Thurgau. In der Nähe von Eltern und Verwandten. Was für eine Teilzeit arbeitende Mutter durchaus von Vorteil sei, räumt sie mit einem Lachen ein. Wenn sie auswärts arbeitet, kümmern sich nun abwechselungsweise ihre Mutter und zwei Tanten um Anais. «Frauenfeld ist ein guter Ort für unsere Familie. Wir haben es schön mit den Nachbarn. Und wann immer es geht, geniesse ich den kleinen Garten», sagt Susanna Gebauer.

Derweil erkundet Anais verbotenes Territorium bei Computer und Drucker. Sie hat keine Freude, als ihre Mutter sie zurückzitiert. Es ist Zeit, dass der neugierige, unbekannte Mann nun geht.