In einer Matzinger Arztpraxis fällt die erste Klappe


Der Münchwiler Dominik Rüedi sitzt im Rollstuhl. Aber er lebt seinen Traum als Filmemacher.

Hana Mauder
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In der Schlossberg-Ärztepraxis in Matzingen kennt man Dominik Rüedi als Patient. (Bild: Andrea Stalder)

In der Schlossberg-Ärztepraxis in Matzingen kennt man Dominik Rüedi als Patient. (Bild: Andrea Stalder) 

Im Gang türmen sich die Transportboxen der Technik. Ein Mikrofon samt Fellschutz liegt neben der Tür. Vorsichtige Hände montieren Stück um Stück die Kamera. Es gibt noch so viel zu tun: Ein HDMI-Kabel fehlt. Der Drucker verweigert den Dienst. Die Schauspieler setzten sich am Mittag zur ersten Probe des Tages in Szene. Und mitten im Geschehen rollt Dominik Rüedi in seinem Rollstuhl von Raum zu Raum.

Der Regisseur scheint die Ruhe selbst, organisiert, delegiert, kontrolliert. Aber der Schein trügt. «Es ist echt stressig im Moment», räumt er ein und schickt ein Crewmitglied auf die Suche nach dem fehlenden Kabel.

Der 20-jährige ist seit vier Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Trotzdem verfolgt der Münchwiler seinen Traum, Filmemacher zu werden. Derzeit produziert er einen Kurzfilm als Abschlussarbeit für die Filmakademie SAE Zürich: Der erste Drehtag findet im Ärztezentrum Schlossberg in Matzingen statt. Auf diesen Tag hin hat er lange hingearbeitet.

Eine Schlüsselszene spielt in Matzingen

 Heute fällt die erste Klappe seines Kurzfilmes. «Es handelt sich um eine Schlüsselszene», sagt er. «Sie spielt in einer Arztpraxis, und der Protagonist erhält hier seine Diagnose.» Für die angestrebte Qualität seiner Eigenproduktion mit einer Spielzeit von 15 bis 20 Minuten hat Rüedi ein Team von Profis ins Boot geholt. Schauspieler Sandro Stocker und Kameramann Sandeep Abraham zum Beispiel.

«Es hat mich gefreut, sie für eine Low-Budget-Produktion begeistern zu können», erzählt Rüedi. Trotzdem ist das Finanzdach von 7000 Franken für den jungen Thurgauer ein klarer Knackpunkt. «Ich hoffe auf Gönner und Sponsoren.» Deadline für sein Projekt ist der Februar. Mit dem Endprodukt hat er viel vor: «Ich will den Film an verschiedenen Filmfestspielen einreichen.»

«Natürlich ist es für einen Regisseur im Rollstuhl nicht leicht. Aber ich will den Leuten zeigen, was alles möglich ist. Mit oder ohne Rollstuhl.»

Die Kamera steht. Auf dem Bildschirm erscheint der Blick mitten in die erste Szene des Tages. Zwei Plastikstühle in grellem Orange leuchten in der sterilen Atmosphäre des Wartezimmers. Bei der Kamera handelt es sich um edles Equipment: eine Red Dragon.

Mit just dieser Marke wurden Klassiker wie «Herr der Ringe» auf Film gebannt. Ganz so hoch will der Münchwiler Regisseur und Produzent nicht hinaus. Aber wie in jedem guten Film dreht sich auch in seinem Werk alles um eine gute Geschichte mit Botschaft. Filme sind mehr als das Zusammenspiel von Licht, Kamera und Ton. Es geht um die Figuren, die den Zuschauern ans Herz wachsen.

In diesem Fall handelt die Geschichte vom Rollstuhlfahrer Paul. «Er hat Mühe, den Tod seiner Mutter zu verarbeiten. Sein grosser Wunsch ist es, deren Asche auf ihrem Lieblingsberg Monte Lema zu verstreuen», erklärt Rüedi. Ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen. Doch dann lernt Paul bei Basketballspielen den Rollstuhlfahrer Tim kennen. Gemeinsam starten sie per Autostopp einen Roadtrip in den Tessin – und eine Reise mitten ins eigene Ich.

Für den jungen Thurgauer ist die Geschichte des Protagonisten eine Botschaft, die dazu anregt, den Blickwinkel neu anzusetzen. «Ohne diese Einstellung wäre ich heute nicht hier.» Die meisten Drehorte seines Projektes sind rollstuhlgängig. Trotzdem: «Filmemacher ist sicher kein einfacher Beruf für einen Rollstuhlfahrer. Es braucht noch mehr Organisation im Voraus als üblich.»

Rückenmarkentzündung zwang ihn in den Rollstuhl

In die Artzpraxis in Matzingen kommt der Regisseur sonst als Patient. «In meinem Fall war der Auslöser eine Rückenmarksentzündung. Einige Leute meinten damals, ich solle doch eine kaufmännische Ausbildung absolvieren.» In seiner Freizeit spielt Dominik Rüedi mit Begeisterung Basketball und hält sich fit. Für die Schluss-Szene im Tessin muss er sogar einen Berg bezwingen:

«Es führen viele Stufen hinauf. Da bin ich auf jeden Fall auf Hilfe angewiesen.»

Von seinem Schicksal lässt der Filmemacher sich nicht in die Knie zwingen. «Ich will eines Tages wieder laufen können. Dafür absolviere ich ein anspruchsvolles Physio-Programm.» Mut zur Hoffnung als roter Faden im Fils wie im echten Leben: In seiner Geschichte lässt er die Protagonisten am Ende mit dem Gleitschirm auf und davon fliegen… und ja. Das HDMI-Kabel trifft noch pünktlich am Set ein. Der Drucker druckt. Die Kamera läuft. «Man muss an sich selbst glauben. Das öffnet viele Türen.»

Basketballer

Während seines Filmstudiums an der SAE Zürich hat Dominik Rüedi bereits mehrere Projekte realisiert. Etwa eine Dokumentation zum Thema Rollstuhlgängigkeit in öffentlichen Verkehrsmitteln. Oder einen Trailer für ein Turnier der «Rolling Rebels». Dabei handelt es sich um das Rollstuhlbasketballteam des Rollstuhlclubs St. Gallen. Hier spielt der Regisseur aktiv mit. Für seinen aktuellen Kurzfilm dreht er an den kommenden Wochenenden an verschiedenen Drehorten. Für sein Projekt ist Dominik Rüedi auf Gönner und Sponsoren angewiesen. (mau)

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Annina Quast