In einem ehemaligen Frauenfelder Eiskeller: Frisuren on the rocks

Vor 150 Jahren lagerte im Gewölbekeller am Altweg 2 Eis für eine Brauerei. Heute arbeiten hier vier Coiffeusen. Und nach der Polizeistunde geht keiner mehr zum Trinken in den Tunnel.

Mathias Frei
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Im Gewölbekeller: Salongründerin Rosa Tassone und ihre Geschäftspartnerinnen Manuela Bommer, Tanja Helbock-Stamm und Petra Gantenbein. Vor dem Spiegel sitzt Hausbesitzer und Architekt Gabriel Müller. (Bild: Andrea Stalder)

Im Gewölbekeller: Salongründerin Rosa Tassone und ihre Geschäftspartnerinnen Manuela Bommer, Tanja Helbock-Stamm und Petra Gantenbein. Vor dem Spiegel sitzt Hausbesitzer und Architekt Gabriel Müller. (Bild: Andrea Stalder)

30 Jahre lang war keiner in diesem Keller. Oder besser: in diesem Loch. Wie auch, waren doch das Tor und die kleinen Fenster zugemauert. Und dann kam Gabriel Müller. Das war vor zehn Jahren. Der Frauenfelder Architekt und Spezialist für historische Bauten hatte die Liegenschaft am Altweg 2 gekauft, um sie zu sanieren. Und zu tun gab es genug – nicht zuletzt auch im Keller, der schon immer über die Zürcherstrasse erschlossen ist. Schwarze Wände, 20 Zentimeter Wasser am Boden, Unrat.

Das Handtüchli-Lager. (Bild: Andrea Stalder)

Das Handtüchli-Lager. (Bild: Andrea Stalder)

Heute ist alles anders. Der Keller am Kreuzplatz ist ein Kleinod. Helle Räume, weisse Wände, es duftet nach Shampoo. Das wunderschöne Kreuzgewölbe kommt so zur Geltung. Nach Abschluss der Renovation geschäftete hier zuerst ein Feinkostladen. Seit 2014 ist der Coiffeursalon Arte im Keller daheim. Gründerin ist Rosa Tassone, als erste Geschäftspartnerin kam Petra Gantenbein dazu. Später stiegen auch Manuela Bommer und Tanja Helbock-Stamm ein. Vier junge Coiffeusen, vier gleichberechtigte Geschäftsfrauen. Im Angebot sind Damen- und Herren-Coiffure sowie Beauty für den Kopf – von Wimpernfärben bis Make-Up. Im Keller eines Hauses, das nachweislich aus dem Jahr 1795 datiert. «Aber im Kern ist es wesentlich älter. Diese Häusergruppe am Kreuzplatz stammt wohl aus dem 16. Jahrhundert», sagt Architekt und Hausbesitzer Gabriel Müller.

Zürcherstrasse lag noch einen halben Meter tiefer

Ein altes Haus mit wechselhafter Geschichte. «Im Doppelhaus am Altweg 2/4 scheint schon im 18. Jahrhundert eine Wirtschaft samt Brauerei gewesen zu sein. Darauf deuten die grossen Kellergewölbe hin», liest man in Angelus Hux’ «Frauenfelder Gaststätten damals. Eine historische Beizentour» nach. Architekt Müller geht davon aus, dass der Keller die längste Zeit zur Lagerung von Eis benutzt wurde. Eis, das im Winter etwa aus dem Storzenweiher im Westen Frauenfeld geschnitten und danach zum Brauen von untergärigem Bier benötigt wurde. Zur Zeit der Brauerei am Altweg 2/4 verlief die Zürcherstrasse einen halben Meter tiefer. Die Zufahrt zum Keller war für Fuhrwerke ebenerdig. Im Gegensatz zu heute, wo der Weg ein wenig abschüssig ist.

Eine kleine Gaslaterne als Dekoelement. (Bild: Andrea Stalder)

Eine kleine Gaslaterne als Dekoelement. (Bild: Andrea Stalder)

Heinrich Kappeler übernahm 1801 mit seiner Ehefrau, einer Wirtstochter aus Ravensburg, das Bierhaus auf der Ergaten am Altweg 2/4. Kappelers Vater hatte die Liegenschaft 1795 saniert. Im Jahre 1834 übernahm Heinrich Kappelers Bruder Melchior das Lokal. Dessen Sohn Eduard baute die Beiz aus. Eduard Kappelers Frau Maria wirtete über drei Jahrzehnte auf dem Betrieb. Im Volksmund sei sie Biermutter genannt worden, weiss Lokalhistoriker Hux. Später übernahm Bierbrauer Heinrich Frey das Gebäude. Ab 1885 wirtete sein Sohn Heinrich junior Frei (neu mit «i») auf dem Bierhaus. Acht Jahre später stellte Frei die Bierproduktion am Altweg 2/4 ein und liess sich fortan von seinem Bruder beliefern, der die Wirtschaft und Brauerei Zur Wasserstelzen (ehemaliges Restaurant Murgbrücke) betrieb. 1903 ging die Liegenschaft an den Konsumverein, der im Altweg 4 einen Laden einrichtete, im Altweg 2 ab 1911 das «Alkoholfreie Volkshaus Ergaten» betrieb. 1965 ging die alkoholfreie Wirtschaft zu.

Wegen Gärkessel statisch nachgebessert

Architekt Müller hat schon viele alte Keller gesehen. «Es gibt sie in jedem Haus, und für mich haben sie etwas Mystisches an sich», sagt er. Der Gewölbekeller am Altweg 2 sei ein architektonisch faszinierender Raum. «Denn mit einfachen Mitteln ist hier eine Deckenkonstruktion geschaffen worden, die nun schon über 220 Jahre funktioniert.» Nicht so recht ins Bild passt aber die massive Holz-Stützsäule mitten im Raum. Da sei statisch wohl nachgebessert worden, mutmasst Müller. Er nimmt an, dass im Erdgeschoss direkt über der Holzsäule schweres Brauereigerät, wahrscheinlich die Gärkessel standen. Deshalb habe man präventiv diese Stütze eingebaut. Heute bräuchte es diese nachgebesserte Statik nicht mehr. Statt Kesseln stehen dort Bürotische und Computer. Und im Obergeschoss hat es Mietwohnungen.

Für die Statik: die nachträglich eingebaute Holzsäule. (Bild: Andrea Stalder)

Für die Statik: die nachträglich eingebaute Holzsäule. (Bild: Andrea Stalder)

Im Coiffeursalon Arte läuft im Radio die Popmusik. Ab und zu klingelt das Telefon. Rosa Tassone ist gerade mit einem Kunden fertig geworden. Sichtlich zufrieden ob seines Haarschnitts geht er von dannen. Im Vorraum, wo früher die halb offene Vorfahrt zum Eiskeller war, ist nun der Empfang. Im hinteren Teil sind bei der Sanierung 2008 die WC-Anlagen eingebaut worden. Tassone und ihre Geschäftspartnerinnen legen offensichtlich Wert auf eine geschmackvolle Einrichtung. Überall golden gerahmte, grosse Spiegel, dazu kleine Einrichtungsaccessoires, die wohl vom Antiquitätenmarkt stammen. Es sei schon etwas Besonderes, in solchen Räumlichkeiten arbeiten zu dürfen, sagt Rosa Tassone. Als sie den Salon im Jahr 2014 bezog, war es Winter, abends früh dunkel. Die Angst, dass sich der Geist eines unsteten Brauers im Gewölbekeller herumtrieb, habe sie nicht gehabt, meint sie lachend. Und schon klingelt wieder das Telefon.

Der Eingangsbereich des heutigen Coiffeursalons. (Bild: Andrea Stalder)

Der Eingangsbereich des heutigen Coiffeursalons. (Bild: Andrea Stalder)

Zwei Beizen, ein gemeinsamer Kühlkeller

Eine Kuriosität ist der Verbindungsgang unter dem Altweg durch Richtung Torggel. Gabriel Müller wusste nichts von dem mannshohen Tunnel – bis ihn während der Sanierung vor zehn Jahren einmal eine ältere Frau ansprach. Ihr Vater hatte in Heinrich Freis Brauerei gearbeitet und oft erzählt, dass nach der Polizeistunde in einem unterirdischen Verbindungsgang weitergetrunken worden sei. Nach längerem Suchen stiess Müller auf einen Gang, der nach rund acht Metern aber zugemauert war. Wie Angelus Hux herausgefunden hat, war dies die Verbindung vom Brauereikeller im Altweg 4 hinüber in die Bierhalle Neuweiler, die im Haus neben der Torggel-Liegenschaft (heute ehemals Tibidabo-Bar) daheim war. Beide Liegenschaften befanden sich über längere Zeit im Besitze von Eduard Kappeler und benutzten denselben Kühl- und Eiskeller, der sich eben im Altweg 2 befand.

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