Steinhügel im Bodensee: In der Tiefe schlummern Antworten

Forscher der Uni Bern wollen die Entstehung der Steinhügel im Bodensee zeitlich genauer eingrenzen. Sie erhoffen sich auch neue Erkenntnisse über die klimatischen Bedingungen seit der letzten Eiszeit.

Silvan Meile
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Flavio Anselmetti, Geologe der Universität Bern, begutachtet mit Urs Leuzinger, Archäologe beim Kanton Thurgau, ein Rohr, mit dem Bodenproben vom Grund des Bodensees genommen wurden. (Bild: Reto Martin)

Flavio Anselmetti, Geologe der Universität Bern, begutachtet mit Urs Leuzinger, Archäologe beim Kanton Thurgau, ein Rohr, mit dem Bodenproben vom Grund des Bodensees genommen wurden. (Bild: Reto Martin)

Der Bodensee verbirgt noch Geheimnisse. Bis vor wenigen Jahren gab es keinen Grund zu zweifeln, dass dieser See sich genau in der heutigen Form breitgemacht hatte, als sich der Rheingletscher vor mehr als 10'000 Jahren in die Alpen zurückgezogen hatte. Doch seit Wissenschafter des Seenforschungsinstituts im deutschen Langenargen 2015 mit modernster Technik den Seegrund vermessen haben, kommen Zweifel auf, ob nicht der Seespiegel zwischenzeitlich deutlich tiefer war.

Zu dieser Meinung tendiert nun auch ein Team von Geologen der Universität Bern. Sie sind nach Uttwil gekommen, um bis acht Meter unter dem Seegrund Sedimentproben zu nehmen, um weitere Erkenntnisse darüber zu gewinnen. Am Freitag schlossen sie ihre Arbeiten ab.

Das Rätsel lockt Forscher an

Das Grübeln begann, als die Forscher aus Langenargen bei ihren Vermessungen auf dem Seegrund 170 Hügel aus melonengrossen Steinen mit einem Durchmesser von bis zu 30 Metern und einer Höhe von rund 1,5 Metern entdeckten. Sie liegen je nach Pegelstand rund fünf Meter unter dem Wasserspiegel, 200 Meter in den See gelagert.

Das Rätselraten um die Entstehung dieser tennisplatzgrossen Steinanhäufungen hat seither viele Forscher ans Thurgauer Seeufer gelockt. Etwa Jens Hornung von der Universität Darmstadt. Er konnte vor einem Jahr mit seinem unter Wasser funktionierenden Georadargerät beweisen, dass die Steinhaufen auf einer Schicht Seesediment liegen, die sich erst nach dem Rückzug des Rheingletschers bildete, aber auch bereits einige Tausend Jahre alt ist.

Von Menschen aufgeschüttet

Urs Leuzinger vom Thurgauer Amt für Archäologie hat das Dossier der rätselhaften Steinhügel auf seinem Pult. Ihm ist mittlerweile klar: Die Hügel sind wohl in der Bronzezeit von Menschen aufgeschüttet worden.

«Aber sie müssen das im Trockenen oder zumindest im Flachwasserbereich gemacht haben.»

Somit müsste damals der Seespiegel fünf Meter tiefer gewesen sein als heute. Diese Annahme ist unter Geologen umstritten.

Nun versucht Flavio Anselmetti, Geologe der Universität Bern, diesen Aspekt zu klären. Seine Bodenproben des Seegrunds könnten etwa zeigen, ob im Sediment bei den Hügeln Rückstände von Holzkohle liegen, die auf Feuerstellen weit ausserhalb des heutigen Uferbereichs schliessen lassen. Anselmettis Forscherteam hofft generell, organisches Material aus Holz, Samen oder Früchten im Seesediment vorzufinden. Solches liesse sich datieren und damit die Bauzeit der Hügel enger eingrenzen.

Doch für die Forscher aus Bern stehen nicht nur die Hügel im Zentrum des Interesses. Ihre Resultate, die im Herbst vorliegen, sollen zeigen, wie sich der Bodensee in den letzten paar Tausend Jahren veränderte. Und sie sollen auch einiges über die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen der jeweiligen Zeitalter verraten, erklärt Anselmetti. Für den Geologen sind die Sedimentschichten, die sich über Tausende von Jahren ablagerten, wahre Informationsträger der Epochen.

Was haben sich die Pfahlbauer bloss dabei gedacht?

Doch auch mit einer exakteren zeitlichen Einordnung bleibt die Frage, weshalb die Menschen damals auf einer Länge von rund 15 Kilometern parallel zum Ufer unzählige Gesteinsbrocken anschleppten, um sie aufeinanderzustapeln. Wenn Leuzinger laut nachdenkt, kommen ihm etwa Grabstätten in den Sinn. Oder vielleicht hatten die Hügel eine praktische Funktion?

Doch nach jeder Spekulation folgt ein Satz, der mit «aber» beginnt. So deuten beispielsweise die bisherigen Erkenntnisse darauf hin, dass die Steinhügel in der Zeit der Pfahlbauer vor rund 3000 Jahren entstanden sind.

«Aber es fehlen Holzstücke, wie man es von anderen Fundstellen dieser Zeit gewohnt ist.»

Im Herbst komme ein Schwimmbagger zum Einsatz, sagt Leuzinger. Dann soll eine weitere Frage geklärt werden können: Liegt etwas in oder unter den Hügeln verborgen?

BODENSEE-STONEHENGE: Urzeit-Menschen bauten die Hügel

Die rätselhaften Steinhügel im Bodensee stammen aus prähistorischer Zeit. Geologen schliessen eine natürliche Entstehung aus. Die Frage bleibt, wozu die Menschen damals die Hügel aufschütteten.
Silvan Meile