In der alten Tigerfinklifabrik in Diessenhofen ist aktuell toxisches Spielzeug für Ausschweifungen zu sehen

Gastgeber und Kurator Fritz Franz Vogel zeigt noch bis August unter dem Titel «Geschwätzige Geheimnisse» eine frivole Sommerausstellung in Diessenhofen.

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Skulpturales zwischen Literatur: Das ist die Ausstellung «Geschwätzige Geheimnisse».

Skulpturales zwischen Literatur: Das ist die Ausstellung «Geschwätzige Geheimnisse».

(Bild: PD)

(red) Klassische, erotische Texte von Ovid und Rabelais über Villon und Nerciat bis zu Diderot, de Sade und Mirabeau: Diese Publikationen aus 150 als nummerierte Editionen publizierten Büchern aus der Privatsammlung von Bea und Roger Schneider aus Zofingen sind derzeit in der ehemaligen Tigerfinklifabrik in Diessenhofen zu sehen, die Fritz Franz Vogel in seiner Sommerausstellung noch bis Ende August zeigt. «Die Texte zur immer derselben, einzigen und lebensnotwendigen Sache wurden vor allem im 20. Jahrhundert von französischen Illustratorinnen und Illustratoren bunt bebildert; zuvor gab es lediglich wenige, einfarbige Holzschnitte und Radierungen», schreibt der Kunsthistoriker.

Kurator Fritz Franz Vogel.

Kurator Fritz Franz Vogel.

(Bild: Dieter Ritter)

Wie Vogel bei der Vernissage in seiner geistreichen, mit zünftigen Wortkaskaden gespickten Rede ausführte, könne Frankreich gegenüber anderen Ländern auf eine sehr umfangreiche Schreibpraxis zurückblicken, die alle Arten von Textsorten umfasst: Gedichte, Romane, Lebensbeschreibungen, oder dramatische Texte. Durch die kulturellen Zentralisierungen ergab sich ein filigranes Netzwerk von Kunst- und Kulturschaffenden, die solche Texte in geheimen Editionen in die klandestinen Männerrunden brachten.

Lustmolch und Lolita, Spanner und Sexbombe

Fliegende Vaginas und geflügelte Phalli, die personifizierten Triebe, gehörten zum Grafikvokabular der Bebilderung: Was kaum je zu sehen ist – und wenn, dann bloss in Vitrinen –, darf hier durchgeblättert und mit Lupe genau betrachtet werden. Das ermöglicht, die Bilderzählung und die Absichten des Zeichners zu erfassen. Wie zu sehen ist, gab sich die Illustratorengilde insgesamt aber einiges mehr Mühe, als man erwarten könnte. Sie packen die Sexszenen in ein Milieu ein, sie finden Anspielungen an soziale Verhältnisse, sie orientieren sich an zeitgenössischer Mode und deklinieren die Beziehungsverhältnisse zwischen Mann und Frau, Stenz und Dame, Ritter und Kurtisane, Lustmolch und Lolita, Spanner und Sexbombe.

Eine erotische Skulptur zwischen nummerierten Editionen.

Eine erotische Skulptur zwischen nummerierten Editionen.

(Bild: PD)

Der Sprachmächtigkeit der klassischen Texte wollten die Illustratoren auch ihre Bildmächtigkeit entgegensetzen. Zeichner wie Paul-Emile Bécat, Louis Berthommé Saint-André oder Antoine Calbet suhlen sich in ihrem Wonneproppen-Pornotopia, auch wenn sie immer eine Balance finden (müssen) zwischen ordinärem Sex und frivoler Schlüpfrigkeit. Auch wenn diese Literatur für die linke Hand (die rechte wanderte zur Befriedigung in die eigenen Feuchtgebiete) in einer noch relativ bilderlosen Zeit die Erregung ankurbelte, so klärten solche Bild/Text-Konvolute auch auf: über Delikte, Krankheiten und Geschlechterdebatten, über Ge- und Verbote, bevor derlei zum sehr vereinfachenden Schulfach wurde.

Das nicht immer leichte handhabbare und austarierte Geschlechtsleben der Menschen kann in seiner raffinierten Vielseitigkeit betrachtet werden, jenseits heutiger digitalen 5-Minutenclips, deren Rein/Raus-Mechanismus und Dramaturgie eine gewisse Ödnis an der Bettkante offenbaren.

Ausstellung «Geschwätzige Geheimnisse», bis 23. August, jeweils von Mi–So, 14–18 Uhr, ehemalige Tigerfinklifabrik, Steinerstrasse 16, Diessenhofen.

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