In Amriswil ist ein Bauernhof auch eine Kita

Kühe melken, Äpfel pflücken und Mittagsschlaf im Heu. In der Bauernhof-Kita «Chälbliland» der Familie Thalmann ist das alles möglich. Ein Blick in eine Welt wie aus dem Kinderbuch.

Florian Beer
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Morgens und abends dürfen die Kinder die Kälber mit frischer Milch füttern. (Bilder: Andrea Stalder)

Morgens und abends dürfen die Kinder die Kälber mit frischer Milch füttern. (Bilder: Andrea Stalder)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Es ist ruhiger als erwartet. Nur die herumstehenden Spielzeugtraktoren, bunten Velos und sich langsam ausschwingenden Schaukeln lassen vermuten, dass es hier auf dem Bauernhof der Familie Thalmann in Amriswil auch anders zu und her gehen kann.

Müde liegt Hündin Xena vor der Eingangstür und geniesst das angenehme Sommerwetter. Es muss wohl ein spielintensiver Vormittag für sie gewesen sein. Und auch für die Kinder. «Es ist gerade Mittagsschlafzeit», erklärt Rolf Thalmann. Deshalb habe er das Interview auf diese Zeit gelegt, «denn sonst ist es hier nicht so ruhig.»

Vor elf Jahren wurde die Bauernhofspielgruppe eröffnet

Silvia und Rolf Thalmann haben 1997 den Hof von seinen Eltern übernommen; gekauft hat ihn der Grossvater ein halbes Jahrhundert zuvor. Auf dem Bauernhof aufgewachsen, lernte Rolf Thalmann zunächst Landmaschinenmechaniker, wie auch später sein Sohn, und liess sich anschliessend zum Landwirt ausbilden. Nach einigen Jahren bäuerlicher Tätigkeit absolvierte er schliesslich auf dem zweiten Bildungsweg ein Blasmusikdirektionsstudium in Luzern. «Mit dem Dirigieren habe ich aber vor zwei Jahren aufgehört, um mehr Zeit für die Kinderbetreuung und Arbeit auf dem Hof zu haben.»

Der «Zvieri»-Tisch steht bereit.

Der «Zvieri»-Tisch steht bereit.

Seine Frau Silvia, die ebenfalls auf einem Bauernhof aufwuchs, ist gelernte Hauspflegerin und liess sich zusätzlich zur Spielgruppenleiterin ausbilden. Vor elf Jahren eröffnete sie dann selber die Bauernhofspielgruppe, die ein Teil des Spielgruppenvereins Amriswil ist. Durch die Hofmodernisierung und die Melkroboter eröffnete sich ein Zeitfenster, das sie damit füllen und die sinkenden Milchpreise kompensieren wollten, erklärt der Landwirt. «Wir hatten aber vor allem Freude an der Arbeit mit Kindern», bekräftigen beide.

Künftig wollen Thalmanns einen Lehrling ausbilden

Mittlerweile besuchen 30 Kinder regelmässig die Spielgruppe, etwas mehr kommen jede Woche in die Kita, die im vergangenen Herbst eröffnet wurde. Einige kommen nur einen halben Tag, andere drei Tage und mehr. Betreut werden Kinder ab drei Monaten bis und mit Kindergarten. Neben der Tochter helfen zwei ausgebildete Betreuerinnen mit. Zudem beschäftigen die Thalmanns eine Praktikantin. In Zukunft wollen sie zudem auch eine Lehrstelle für Betreuung anbieten.

Es gibt genug Traktoren für alle Kinder.

Es gibt genug Traktoren für alle Kinder.

Hinter dem Hof in Amriswil stehen einige Boxen mit kleinen Gehegen davor. «Hier verbringen unsere Kälber die ersten Tage ihres Lebens», erklärt Silvia Thalmann. Die Kinder dürfen den Jungtieren einen Namen geben und Namensschilder für die Boxen basteln. Auf dem «Chälblihof»-Bauernhof leben 70 Kühe und Rinder, ein Esel, Katzen, die Hündin Xena, Hühner, Pferde, Ponys, ein paar «Chüngel» und Ziegen.

Im Winter wird gebastelt oder Brot gebacken

Mittlerweile würden die Eltern ihre Kinder nicht nur in die Kita geben, weil sie es aus zeitlichen Gründen müssen, sondern weil sie es wollen. Silvia Thalmann erklärt:

«Es geht um das grosse Bauernhoferlebnis.»

Den ganzen Tag draussen zu sein, schmutzig werden zu dürfen und mit den Tieren zu spielen sei für viele Kinder das Grösste. Anders als in einem Zoo habe man hier die Zeit, alles hautnah mitzuerleben und zu spüren.

In der Kita darf man auch mal dreckig werden.

In der Kita darf man auch mal dreckig werden.

Nach dem «Zmorge» um halb acht werden die Kleintiere gefüttert, danach gibt es Zeit, um frei zu spielen. Wer möchte, darf im Stall mithelfen und nachmittags auf dem Feld Früchte pflücken. Im Winter verbringen die Kinder viel Zeit im Bastelraum und am Brotbackofen. «Wir wollen, dass die Kinder sehen, woher ihr ‹Zvieri› und der ‹Znacht› kommen», sagen die Thalmanns. Zusammen mit der kleinen und heimeligen Atmosphäre sei das die Philosophie hinter dem «Chälbliland». «Wir sind wie eine bunt zusammengewürfelte Familie.»

Es gibt noch freie Plätze

«Vor den Sommerferien mussten wir uns leider von ein paar Kindern verabschieden, weil sie eingeschult wurden», sagt Rolf Thalmann. Dafür habe man den Abschluss mit einem Sommerfest, inklusive kräftigem Gewitter, gefeiert – einer der Höhepunkte zusammen mit dem Samichlausbesuch in der Weihnachtszeit.

Kinder pflücken Mirabellen, die sie nach Hause nehmen dürfen.

Kinder pflücken Mirabellen, die sie nach Hause nehmen dürfen.

Über fehlende Kundschaft in ihrer neuen Kita können sich die Thalmanns nicht beklagen. «Am Freitag haben wir aber noch Platz für weitere Kinder.» Auch montags und donnerstags können einzelne Kinder noch ins «Chälbliland» kommen.

Hinweis: www.chaelbliland.ch