Immer mehr Böötler lassen sich den Hochrhein hinuntertreiben: Die Unfallgefahr steigt – jetzt gibt die Polizei mit provokativen Videoclips Gegensteuer

Auf dem Rhein hat sich die Zahl der Freizeitkapitäne in den vergangenen zwanzig Jahren verdoppelt. Viele unterschätzen die Unfallgefahren. Das ruft die Polizei auf den Plan.

Silvan Meile
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Die Gefahren des Rheins sind nicht zu unterschätzen.

Die Gefahren des Rheins sind nicht zu unterschätzen.

Archivbild: Donato Caspari

An heissen Sommertagen wird der Rhein zwischen Eschenz und Schaffhausen bunt. Auf pinken Flamingos, gelb-grünen Badeinseln oder Luftmatratzen im Pizzastück-Design lassen sich Junggesellenabschiede, Jassrunden und Klassentreffs ausgelassen den Rhein hinuntertreiben.

Auch Schwimmer, Stand-up-Paddler und Gummiböötler tauchen in Scharen auf, wenn der Fluss zur Abkühlung einlädt. Weil in diesem Sommer wohl viele Leute die Ferien zu Hause verbringen, dürfte das Verkehrsaufkommen auf dem Rhein besonders gross werden.

Prävention ist polizeiliche Daueraufgabe

Das treibt vor allem den Kapitänen am Steuer der Kursschiffe Schweissperlen auf die Stirn.

«Oft unterschätzen die Leute auf dem Rhein Distanz und Geschwindigkeit und glauben, schon noch reagieren zu können.»

Das sagt Remo Rey, Geschäftsführer der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (URh). Für seine Kapitäne, die ihre bis zu 200 Tonnen schweren Schiffe metergenau durch Untiefen navigieren müssen, verlangen die Manöver ohnehin die Konzentration eines Slalomfahrers im Steilhang.

Längst hat auch die Seepolizei diese Problematik auf ihrem Radar. Martin Tanner, Chef der Verkehrspolizei Schaffhausen, sagt:

«Je nach Wasserstand können die Kursschiffe kaum ausweichen.»

Auf solche Gefahren hinzuweisen, sei zu einer Daueraufgabe der Polizei geworden. Und sie werde immer wichtiger. Denn jedes Jahr wassern mehr Freizeitkapitäne ein. Die Zahl der Freizeitboote habe sich in den vergangenen zwanzig Jahren verdoppelt. Den Grund dafür sieht Tanner in der Verfügbarkeit der schwimmenden Freizeitgeräte. «Früher war ein Gummiboot noch eine kostspielige Angelegenheit, heute bekommen Sie eines für rund hundert Franken.»

Im Trend liegen offenbar auch ganze Badeinseln. Darauf haben rund sechs Personen Platz. Richtig manövrierbar sind sie aber nicht. Hinzu komme nicht selten auch mangelnde Vorsicht, weshalb es immer wieder zu gefährlichen Kollisionen auf dem Rhein komme. Für Tanner ist aufgrund der Gefahren klar: Für einen Ausflug auf den Rhein braucht es Vorbereitung. Auf eine Bergwanderunge gehe auch kaum jemand unvorbereitet.

Nie die Boote zusammenbinden

In einer Aktion weisen nun die Kantonspolizeien Thurgau und Schaffhausen zusammen mit der Polizei Baden-Württemberg auf die Gefahren auf dem Rhein hin. Mit sowohl provokativen als auch humorvollen Videoclips machen sie auf die geltenden Regeln auf dem Gewässer aufmerksam.

Es ist vor allem ein Appell an die Eigenverantwortung. Die Gebote dabei sind: keine Boote zusammenbinden, aufmerksam sein und Abstand von Kursschiffen und Schiffszeichen halten.

Diese sogenannten Wiffen sind grün-weisse Signale an massiven Eichenpfählen. Sie stehen mitten im Fluss und weisen Schiffsführern den Weg vorbei an Gefahrenzonen wie Niedrigwasserabschnitte. Doch sie sind auch eine Gefahr für Freizeitnutzer des Rheins. So schleuderte es vergangenen Herbst einen 25-jährigen Frauenfelder nach der Kollision mit einer Wiffe bei Hemishofen aus dem Gummiboot. Er ertrank. Seither sind 5 der 50 Wiffen zwischen Eschenz und Schaffhausen entfernt worden, weil auf sie verzichtet werden kann.

Internet: www.ufmrhy.ch

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In diesem Jahr haben sich auf der Hochrheinstrecke zwischen Öhningen und Büsingen zahlreiche Unfälle ereignet. Häufiger Grund für die Zwischenfälle waren die 50 grün-weissen Schifffahrtszeichen, welche motorisierten Gefährten den Weg vorbei an Untiefen und Steinen weisen. Als Folge einer Kollision mit einer sogenannten Wiffe verlor zuletzt ein 25-Jähriger sein Leben.
Samuel Koch