Pfarrwahl löst Kontroverse aus: Im Thurgau verurteilter Pfarrer hofft auf Gnade in Basel

Ein ehemaliger Pfarrer von Aadorf kandidiert für eine neue Stelle im Kanton Basel-Stadt. Die Thurgauer Staatsanwaltschaft bestrafte ihn 2012, weil er einem Buben die Füsse massierte.

Thomas  Wunderlin
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In der katholischen Kirche von Aadorf war der Pfarr-Kandidat von Riehen bis 2010 tätig. (Bild: Reto Martin)

In der katholischen Kirche von Aadorf war der Pfarr-Kandidat von Riehen bis 2010 tätig. (Bild: Reto Martin)

Die Pfarrwahlkommission der Pfarrei St. Franziskus in Riehen BS beschloss am 28. August 2017, den 48-jährigen Stefan K. als Pfarrer vorzuschlagen. Nach reiflicher Überlegung stimmte der Bischof von Basel, Felix Gmür, elf Monate später zu. Normalerweise hätte K. damit sein Amt am 1. November 2018 antreten können. In Basel wird ein Pfarrer still gewählt, wenn nicht 100 Stimmberechtigte eine Urnenwahl verlangen. Dies war hier der Fall.

Innert sechs Wochen wurden 132 gültige Unterschriften gesammelt. Einige Kirchbürger lehnen K. ab, weil er im Thurgau 2012 wegen sexueller Handlungen mit einem Buben verurteilt worden war. Laut dem Sprecher der Basler Kirche, Meinrad Stöcklin, findet die Wahl am 10. Februar statt. Die Kirchbürger könnten K. am 10. Januar an einer Infoveranstaltung «auf den Zahn fühlen», sagt Stöcklin und fügt an, K. sei «sehr, sehr beliebt in Riehen».

Bewährungsfrist lief ohne Vorfall ab

K. war 1999 als Kaplan nach Aadorf gekommen, 2007 wählte ihn die Kirchgemeindeversammlung zum Pfarrer. 2010 wurde er verhaftet, verbrachte einen Monat in Untersuchungshaft und verlor seine Stelle. Mit rund einem Dutzend Knaben hatte K. zwischen 1999 und 2010 körperlichen Kontakt. In einem Fall habe er die Grenze zur Strafbarkeit überschritten, sagte Staatsanwalt Jonas Bruderer 2012 gegenüber der «Thurgauer Zeitung». Die bedingte Strafe betrug 80 Tagessätze zu 50 Franken. In den andern Fällen wurden die Teilverfahren eingestellt.

Im Oktober 2018 erklärte K. gegenüber dem «Aufbruch», einer «unabhängigen Zeitung für Religion und Gesellschaft»:

«Ich war naiv, wollte meine Ausbildung in Massage anwenden können und habe das auf unbedarfte, unüberlegte Weise gemacht.»  

Nachdem seine Bewährungsfrist ohne Vorfall abgelaufen war, begann K. 2015 in Riehen aushilfsweise als Pfarrer zu arbeiten. Weil er seine Aufgaben gut erledigte, wurde er laut «Aufbruch» zusehends mehr in die Pfarreiarbeit eingebunden. K. wird zitiert: «Ich war von Anfang an offen, habe meine Situation nicht verheimlicht, sondern angesprochen.» Bischof Gmür bestellte laut der «TagesWoche» unter anderem ein Gutachten des Forensischen Instituts Ostschweiz in Frauenfeld. In einem Interview mit der «SonntagsZeitung» vom 9. Dezember 2018 sagte Gmür: «Zum konkreten Fall liegen mir vier Gutachten vor. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mann erneut einen Übergriff begeht, befinde sich auf einer Skala von 1 bis 9 bei 1, heisst es da. Aber natürlich: Ich kann die Zukunft nicht voraussehen.»

Unbequeme Entscheidung

Auf der Facebook-Seite von «kath.ch» sind sich die Kommentatoren uneins über den Fall K. Sie beginnen mit «Nein. Keine zweite Chance. Pädophilie ist nicht durch Reue plötzlich weg» und «Eine neuerliche Schädigung des ohnehin längst ruinierten Rufs der Kirche», und enden mit «Jede und jeder hat eine zweite Chance verdient!» und «Respekt für eine unbequeme Entscheidung. Dafür ist ein Bischof da!» 

Für den Präsidenten der Riehener Pfarrwahlkommission, Stefan Suter, war es ein Fehler, dass K. nicht auf einer Gerichtsverhandlung bestanden hatte. «Ich bin überzeugt, dass die Anklage einer genauen Überprüfung nicht standgehalten hätte», wird Suter im «Aufbruch» zitiert.

Vorgänger unterstützt  zweite Chance für K.

Auch Daniel Bachmann hatte K. damals zum Rekurs geraten. Er war K.s Vorgänger in Aadorf und ist auch heute wieder Pfarrer in Aadorf. Bachmann hielt Kontakt mit K. nach seinem Abgang in Aadorf. Er distanziert sich entschieden vom sexuellen Missbrauch Minderjähriger, der «weltweit während Jahrzehnte auch von Kirchenleuten» begangen wurde. Ebenso schockierend seien die Vertuschungen solcher Straftaten durch kirchliche Vorgesetzte. Ein neuer Skandal sei, wenn kirchliche Kreise «die Homosexuellen» zu Sündenböcken machten.

Daniel Bachmann, heutiger Pfarrer von Aadorf. (Bild: Nana do Carmo, 3. Februar 2009))

Daniel Bachmann, heutiger Pfarrer von Aadorf. (Bild: Nana do Carmo, 3. Februar 2009))

Bachmann bejaht aber die Frage, ob Stefan K. eine zweite Chance verdient habe. Die «dummen und unprofessionellen Fussmassagen» seien in keiner Weise mit qualifizierten Übergriffen und sexuellen Handlungen zu vergleichen. Entscheidend scheine ihm, dass nie Genitalien berührt worden seien, auch keine sexuellen Handlungen praktiziert wurden. Die Glaubenskongregation im Vatikan sei zum Schluss gekommen, dass K. ohne Einschränkung weiterhin als Priester tätig sein dürfe. Dass K. den Buben Geld gab, erklärt Bachmann damit, dass K. ein «lieber Kerl» sei: «Wenn einer gejammert hat, hat er ihm etwas gegeben.»

Resolution fordert Kirchenreformen

Bachmann unterstützt die Resolution der Thurgauer Synode, dem Kirchenparlament, vom November 2018, in dem sie gegen die Missbräuche Stellung bezogen hat und Kirchenreformen fordert. Laut Synodalpräsident Dominik Diezi richtet sich die Resolution gegen ein System, in dem der Täter als «gefallener Mitbruder» praktisch immer eine zweite oder auch dritte Chance erhielt. Die Opfer habe man dabei vollkommen aus dem Blick verloren.

Im Fall K. zeigt sich laut Diezi, dass mindestens für das Bistum Basel ein Paradigmenwechsel stattgefunden habe: «Es hat keine leichtfertige Versetzung durch den Bischof ohne Kenntnis der Behörden vor Ort mehr stattgefunden.» Ohne volle Akteneinsicht zu haben, könne er nur sagen, dass hier zumindest ein Fall vorliege, bei dem man überhaupt über eine «zweite Chance» diskutieren könne.

Pfarrer hat Buben angefasst

Die Thurgauer Staatsanwaltschaft hat einen Strafbefehl gegen den ehemaligen katholischen Pfarrer von Aadorf erlassen. Der Mann wurde wegen sexueller Handlungen mit Kindern zu einer bedingten Geldstrafe von 4000 Franken verurteilt.
Mario Testa