Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Im Thurgau soll ein Zentrum eröffnet werden, in dem Kleinkinder mit einer schweren Autismus-Störung therapiert werden können

Der Bundesrat will Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung unterstützen, damit sie eine Schule absolvieren und einen Beruf erlernen können. Einer der Schwerpunkte ist die Frühintervention. Ein entsprechendes Angebot ist im Thurgau bereits ab nächstem Jahr geplant.
Larissa Flammer
Piktogramme können der in den Augen von autistischen Kindern unübersichtlichen Welt ein Gesicht geben. (Bild: Michel Canonica)

Piktogramme können der in den Augen von autistischen Kindern unübersichtlichen Welt ein Gesicht geben. (Bild: Michel Canonica)

GLP-Kantonsrat Stefan Leuthold (Frauenfeld) kennt das Thema Autismus aus seiner Verwandtschaft. Er sagt: «Vor zehn, fünfzehn Jahren musste man für alle Arten der Unterstützung in die Nachbarkantone fahren.» In den letzten Jahren sei das Knowhow im Kanton aber deutlich gestiegen.

Zusammen mit drei Kantonsräten aus anderen Fraktionen wollte Leuthold vom Regierungsrat wissen, wie die Situation bezüglich Autismus-Spektrum-Störung im Thurgau aussieht.

Autismus

Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) nehmen ihre Umwelt anders wahr als die meisten Menschen. Sie können sich nur mit Mühe in andere einfühlen und mit ihnen kommunizieren. Auch können sie die Stimmung ihres Gegenübers aus dessen Gesichtsausdruck schlecht erkennen. Sie vermeiden Kontakte und befassen sich gerne mit einem Spezialgebiet. (red)

Menschen mit dieser Diagnose sollen eine Schule absolvieren und einen Beruf erlernen können. Das schreibt der Bundesrat in einem Bericht, den er im vergangenen Oktober verabschiedet hat.

Er will Betroffene so fördern, dass ihnen dies ermöglicht wird und sieht dazu verschiedene Massnahmen vor. Dazu gehört, dass in den Kantonen Frühinterventionszentren für Autismus über die IV mitfinanziert werden.

Stefan Leuthold, GLP-Kantonsrat (Frauenfeld). (Bild: Andrea Stalder)

Stefan Leuthold, GLP-Kantonsrat (Frauenfeld). (Bild: Andrea Stalder)

Ein solches Zentrum soll es ab nächstem Jahr auch im Thurgau geben, schreibt der Regierungsrat in seiner am Freitag veröffentlichten Antwort auf die parlamentarische Anfrage. Leuthold sieht die Situation im Thurgau grundsätzlich positiv: «Das Problem ist erkannt und es wird etwas gemacht.» Besonders positiv findet der GLP-Politiker, dass nun ein Frühinterventionszentrum geplant ist. Davon hat er bis jetzt noch nichts gewusst.

Den Kanal «Beziehung» offen halten

Bei diesem Zentrum handelt es sich um eine Therapie, welche in der Tagesklinik des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Spital Thurgau AG angeboten werden soll. Zwei- bis fünfjährige Kinder sollen dort an zwei Tagen à sechs Stunden pro Woche therapiert werden, erklärt Chefarzt Bruno Rhiner.

Das Ziel ist es, den Kanal «Beziehung» offen zu halten. Denn sobald sich ein Kind von den Eltern abkoppelt, wie es bei einer Autismus-Spektrum-Störung vorkommt, werde die Entwicklung deutlich erschwert.

Frühe, intensive Förderung verbessert Prognose

Bei der Diagnose Autismus denken viele an etwas schrullige, aber geniale Menschen. «Das ist aber nur ein Teil», erklärt Bruno Rhiner. Ein Grossteil der Personen mit einer Autismus-Spektrum-Diagnose habe eine wirklich schwere Beeinträchtigung. Wenn die Betroffenen der frühkindlichen Form rechtzeitig und intensiv gefördert werden, kann ihre Prognose aber deutlich verbessert werden. Und genau diese Art der Förderung soll im Thurgau künftig angeboten werden.

Ein Antrag zur Unterstützung für dieses Projekt im Kanton Thurgau liegt zurzeit beim Bundesamt für Sozialversicherungen. Der Regierungsrat schreibt:

«Sollte sich eine Anerkennung durch den Bund und damit eine Teilfinanzierung über die IV abzeichnen, ist ein Start 2020 denkbar.»

Rhiner spricht von August 2020. In trockenen Tüchern sei das aber noch lange nicht. Neben der Anerkennung durch den Bund müssten noch weitere Rahmenbedingen erfüllt sein. «Die Spital Thurgau AG müsste unter anderem in Räume oder technische Infrastruktur investieren», sagt der Chefarzt.

Therapie geht zu Hause weiter

Weil für die Anerkennung durch den Bund die frühkindliche Unterstützung 20 Stunden Therapie pro Woche umfassen muss, ist der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst eine Kooperation mit der Heilpädagogischen Früherziehung (HFE) Thurgau eingegangen. Rhiner erklärt:

«Die Fachleute der HFE gehen zu den Familien nach Hause und arbeiten dort mit ihnen weiter.»

Bruno Rhiner, Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrie. (Bild: Mario Testa)

Bruno Rhiner, Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrie. (Bild: Mario Testa)

Ausserdem müssten auch die Eltern selber Trainingseinheiten mit dem Kind durchführen. «So kommen wir auf 20 Stunden pro Woche», sagt Rhiner. Dass die Kleinkinder fast die ganze Woche hindurch in die Tagesklinik kommen müssen, sei nicht zielführend.

Das Geld, das die IV sprechen würde, reiche jeweils für etwa ein Jahr intensive Therapie pro Kind. Danach müssten die Eltern die Techniken sowieso selber anwenden können.

Angebot könnte zehn Kindern pro Jahr helfen

Im Thurgau werden jährlich knapp 3000 Kinder geboren. Ungefähr 30 davon sind von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen, etwa bei 10 zeigt sich die schwere frühkindliche Form, bei welcher das neue Angebot ansetzen soll. «Die Pädiater und Hausärzte im Thurgau sind bereits sensibilisiert, damit sie diese Kinder erkennen», sagt Rhiner. Sobald das Projekt grünes Licht habe, werde das Netzwerk weiter verbessert, damit die Betroffenen rechtzeitig erkannt werden.

Geplant sind im Thurgau ab August 2020 zwei Therapiegruppen mit je vier Kindern. Rhiner sagt aber ganz klar: «Für uns wird das eine Herausforderung.» Man werde dazulernen und ständig überprüfen, ob das Programm im Thurgau die gleichen Ergebnisse bringt wie in anderen Zentren, in denen es angewandt wird.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.