Im Thurgau sind 17 Prozent aller Betriebe vom Corona-Lockdown betroffen

Rund 3500 Betriebe mussten auf Befehl von Bern vorübergehend schliessen. Das zeigt eine Schätzung aus Neuenburg. Doch die Coronakrise zieht noch weitere Kreise: Kurzarbeitsanträge liegen beim Kanton gar 5150 vor.

Sebastian Keller
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Im Thurgau mussten 705 Restaurants, Bars und Discos wegen des Lockdowns temporär schliessen.

Im Thurgau mussten 705 Restaurants, Bars und Discos wegen des Lockdowns temporär schliessen.

(Bild: Georgios Kefalas / KEYSTONE)

Ein letztes Bier, ein letzter Haarschnitt: Am 16. März fand der grösste Zapfenstreich seit Jahrzehnten statt. Doch wie viele Bars und Läden mussten auf amtlichen Befehl vorübergehend schliessen? Im Thurgau sind es 3512 Betriebe, was 17 Prozent aller Arbeitsstätten entspricht. Das ist eine Schätzung des Bundesamtes für Statistik (BfS). In den betroffenen Betrieben sind 10802 Beschäftigte (7,9 Prozent) tätig.

Auf Anfrage sagt Marc Widler, Geschäftsführer des Thurgauer Gewerbeverbandes: «Im Vergleich mit unseren Mitgliederstrukturen und Mitgliederzahlen erscheint mir die Statistik plausibel.» Etwas überrascht zeigt er sich bei den betroffenen Beschäftigten. «Offenbar kommt da der Thurgau in Relation zu den anderen Kantonen noch gut weg.» Schweizweit sind 10,2 Prozent aller Beschäftigten betroffen.

Rund ein Drittel aller Arbeitsstätten (1177), die schliessen mussten, sind Betriebe mit personenbezogenen Dienstleistungen mit Körperkontakt. Gemeint sind etwa Coiffeursalons. Läden und Märkte sind 833 betroffen, ebenso 705 Gastronomiebetriebe.

Noch mehr Betriebe beantragen Kurzarbeit

Daniel Wessner, Chef des Thurgauer Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA), verfügt über Zahlen, die interessante Betrachtungen erlauben. So liegen ihm derzeit 5150 Gesuche für Kurzarbeit vor, die rund 35000 Arbeitnehmer betreffen. «Das zeigt, dass unterdessen auch viel Betriebe leiden, die nicht direkt vom partiellen Lockdown betroffen sind.»

Ab Mitte März gingen vor allem Gesuche von Restaurants und anderen Direktbetroffenen ein. «Unterdessen haben wir Anträge aus der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie», sagt der Amtschef. «Diese Unternehmen spüren den Nachfrageeinbruch.» Er verweist auf die darbende Binnenwirtschaft wie auf die nahezu stillstehenden Exporte.

Daniel Wessner, Chef des Thurgauer Amtes für Wirtschaft und Arbeit.

Daniel Wessner, Chef des Thurgauer Amtes für Wirtschaft und Arbeit.

(Bild: PD)

Auch die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Obschon der Staat etwa mit Kurzarbeit versucht, Entlassungen zu vermeiden. Die Arbeitslosenquote im Thurgau schnellte im März auf 2,4 Prozent hoch, vor einem Jahr lag sie bei 1,9. «Die Tendenz ist weiter steigend.» Das spüren auch die RAV. Wessner sagt:

«Es werden keine neuen Stellen geschaffen und offene werden nicht besetzt. Wir können kaum Stellensuchende vermitteln.»

Die derzeitigen Werte seien nicht alarmierend. Aber die Krise ist noch nicht ausgestanden. «Das schlimmste Szenario des Staatssekretariats für Wirtschaft geht von 6 bis 7 Prozent Arbeitslosigkeit aus.» Und eine so hohe Quote hätte Folgen. «Wenn mehr Leute ohne Job sind, wird auch weniger konsumiert.»

Ab Montag dürfen Coiffeure wieder Haare schneiden und Baumärkte Schrauben verkaufen. Wessner hofft, dass der Bundesrat bald für weitere Branchen einen Lockerungsfahrplan skizziert. «Die Wirtschaft braucht Planungssicherheit.»

IHK Thurgau fordert die Öffnung aller Geschäfte per 27. April


(red) Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Thurgau spricht sich für einen baldigen Exit aus dem Lockdown aus. In einer Mitteilung stellt der Wirtschaftsverband mehrere Forderungen auf. So sollen alle Geschäfte und Läden ab dem 27. April wieder geöffnet werden. «Im Fokus sollte nicht das Sortiment stehen, sondern die Möglichkeit, Hygiene- und Abstandsvorschriften einzuhalten.» Auch für Restaurants fordert der Verband Perspektiven – einen Massnahmenplan mit konkretem, baldigem Termin für die Möglichkeit der Öffnung. Von einem staatlichen Konjunkturprogramm, um die Auswirkungen der Krise zu bekämpfen, hält die IHK nichts. Sie fordert vielmehr, dass Bund, Kantone und Gemeinden geplante Investitionen tätigen oder sogar vorziehen. Die IHK verlangt auch, dass nachweisbar von der Pandemie betroffene Unternehmen höhere steuerliche Rückstellungen bilden dürfen: 50 statt 25 Prozent des ausgewiesenen Gewinns, wie es die Regierung vorsieht. Weiter fordert der Verband, dass alle Ämter und Gemeinden unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften ihre Dienstleistungen erbringen. Die IHK verlangt auch, dass mehr und schneller auf das Coronavirus getestet wird. «Mit einem Test besteht in der Regel innert 24 bis 48 Stunden Klarheit betreffend Infektion.» (red)