Im Thurgau gibt es eine Plattform für die psychische Gesundheit

Die Perspektive Thurgau will zum Welttag der Suizidprävention mit zwei Veranstaltungen das Schweigen zum Thema Psychische Gesundheit brechen. Von seinem eigenen Schicksal berichtet zudem ein Experte aus Erfahrung.

Larissa Flammer
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Beatrice Neff, Angebotsleiterin Psychische Gesundheit bei der Perspektive Thurgau, mit Genesungsbegleiter Martin Stucky. (Bild: Andrea Stalder)

Beatrice Neff, Angebotsleiterin Psychische Gesundheit bei der Perspektive Thurgau, mit Genesungsbegleiter Martin Stucky. (Bild: Andrea Stalder)

Martin Stucky hilft Menschen, die in einer psychischen Krise stecken. Er ist kein Arzt oder Psychotherapeut, sondern selbstständiger Genesungsberater – sogenannter Peer. Stucky hat selber eine psychiatrische Erkrankung hinter sich. Vor 20 Jahren wurde bei ihm eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.

Wenn psychisch angeschlagene Menschen zu Stucky kommen und sagen, dass sie absolut keinen Sinn mehr im Leben sehen, geht er als erstes auf Spurensuche:

«Ich versuche Licht in dieser Person zu finden. Und sei es noch so klein.»

Der Peer vergleicht das mit einem Bild von vielen Kerzen, die bis auf eine alle erloschen sind. «Eine einzelne Kerze kann aber alle anderen wieder anzünden.»

Zwei Veranstaltungen in Frauenfeld

Am Welttag der Suizidprävention nächsten Montag rückt das Thema psychische Gesundheit in den Fokus. Beatrice Neff ist seit sechs Jahren Angebotsleiterin in diesem Bereich bei der Perspektive Thurgau und sagt: «Leider ist das Thema nach wie vor ein grosses Tabu und mit vielen Vorurteilen behaftet.» Deshalb will sie Plattformen schaffen, um die psychische Gesundheit zum Thema zu machen. Einerseits finden am Montag zum Welttag zwei Veranstaltungen statt, andererseits hat Beatrice Neff aus diesem Grund am vergangenen Dienstag Martin Stucky zum Mediengespräch bei der Perspektive in Weinfelden eingeladen.

Mut-Tour und Film in Frauenfeld

Fast jede zweite Person kommt in ihrem Leben mal in Kontakt mit einer psychischen Erkrankung oder Krise. Und trotzdem sei das Thema nach wie vor ein grosses Tabu, wie Beatrice Neff sagt, Angebotsleiterin Psychische Gesundheit bei der Perspektive Thurgau. Mit zwei Veranstaltungen will die Perspektive am Montag in Frauenfeld dieses Tabu brechen. Zwischen 17.45 und 18 Uhr trifft die Tour de Courage auf dem Platz vor dem Cinema Luna ein. An dieser Mut-Tour radeln 16 Personen, die an einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung leiden, durch die Schweiz. Den Startschuss gibt am Montagmittag Matthias Hüppi in St.Gallen, Frauenfeld ist das erste Etappenziel. Die Bevölkerung ist eingeladen, die Velofahrer mit Applaus zu begrüssen. Auch die Frauenfelder Stadträtin Elsbeth Aepli Stettler wird vor Ort sein. Den Besuchern wird eine Bratwurst offeriert, für die Kinder gibt es Ballons. Im Anschluss an den Empfang wird um 18.45 Uhr im Cinema Luna der Film «Gleich und anders» gezeigt. Menschen, die am Arbeitsplatz mit psychischen Schwierigkeiten kämpfen, erzählen dort von den Herausforderungen und ihren Erfahrungen. Im Anschluss findet ein Podiumsgespräch mit einer Mitwirkenden statt. (lsf)

Ein Peer kann auf Augenhöhe helfen

Der 53-jährige Martin Stucky aus dem Kanton Zürich hat vor seiner Diagnose diverse Jobs im Verkauf im Aussendienst gemacht. Er habe sein Selbstwertgefühl über die Arbeit definiert und nie auf seinen Körper gehört. Kurz nacheinander erhielt Stucky dann die Diagnosen Morbus Crohn (eine chronische Darmkrankheit) und Borderline. «Das war für mich schwierig zu akzeptieren.»

Mit der Zeit habe er realisiert, dass es ihm gut tue, mit seiner Krankheit nach aussen zu treten. Stucky sagt: «Anderen Menschen zu helfen ist eine sinnvolle, lässige Aufgabe. Die Qualität eines Peers ist, dass er selber eine Erkrankung überstanden hat.» Im Gegensatz zu einem Psychologen oder Psychotherapeuten kann ein Peer einem psychisch angeschlagenen Menschen auf Augenhöhe begegnen. Wenn Stucky von sich erzählt und was ihm geholfen hat, kann er meistens eine Beziehung zum Gegenüber aufbauen.

Der 53-Jährige arbeitet auch im Thurgau, auf der Website von Pro Mente Sana gibt es zudem einen Peer Pool, in dem 73 Experten aus Erfahrung aus der ganzen Schweiz registriert sind.

UNTERSTÜTZUNG: Die Wege müssen kürzer werden

Das Konzept Psychische Gesundheit des Kantons sieht Präventionsmassnahmen vor. Der Fokus liegt zurzeit auf Kindern und Jugendlichen. Diese sollen auch über ihre Bezugspersonen angesprochen werden – auch wenn diese aus fremden Kulturen kommen.
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Kollegen merken, wenn es kriselt

Seit einem Jahr läuft im Thurgau die Kampagne «Wie geht's dir?», die sich mit psychischen Erkrankungen auseinandersetzt. Aktuell konzentriert sich die Kampagne auf den Arbeitsplatz.
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AUSTAUSCH: Einsatz für gesunde Schulen

Etwa ein Viertel der Thurgauer Schulen ist Mitglied im Netzwerk Schulnetz 21 Thurgau. Dieses bietet verschiedenartige Unterstützung im Bereich Gesundheit und – seit neustem – Nachhaltigkeit.
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