Im Mittelalter wurde der Wolf böse – eine kulturelle Spurensuche nach dem Raubtier, das wieder öfter im Thurgau auftaucht

Der Wolf, die Bestie: Das hat sich tief ins kulturelle Gedächtnis Europas eingebrannt. So wurde er zum Bösewicht – eine Spurensuche.

David Grob
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Ein Wolf greift Kinder im Wald an – Darstellung aus dem populären Bildband «Johann Staubs Bilderbuch: Anschauungsunterricht für Kinder» von 1917.

Ein Wolf greift Kinder im Wald an – Darstellung aus dem populären Bildband «Johann Staubs Bilderbuch: Anschauungsunterricht für Kinder» von 1917. 

Bild: akg-images

Der Ostschweizer Wolf ist tot. Erschossen vor zwei Wochen bei Bischofszell. Während Wochen hinterliess das Raubtier eine blutige Spur auch im Thurgau. Es drang in Ställe und Gehege ein und riss Schafe und Lämmer.

Mit seinem Tod endet die Geschichte dieses Wolfes so, wie sie unzählige Märchen, Sagen, Geschichten in der europäischen Geschichte bereits unzählige Male erzählt haben. Seit Jahrhundert zieht das Raubtier eine Spur des Todes durch die europäische Kulturgeschichte: der Wolf, die Bestie. Ob «Rotkäppchen» oder «Der Wolf und die sieben Geisslein» – Das Raubtier im europäischen Märchen lügt und tötet, bis es besiegt wird. Meistens endet dies mit dem Tod. Der Wolf als reissende Bestie hat sich tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben. So tief, dass ein Wanderschäfer aus dem Puschlav in dieser Zeitung rhetorisch fragte:

«Was, wenn der Wolf ein Kind frisst?»

Doch wie wurde der Wolf kulturell zur reissenden Bestie? War er schon immer böse? Auf den Spuren des Wolfes in der Kultur und Geschichte Europas.

Als der Wolf noch positiv war – oder zumindest kein Problem

Anruf bei Richard Trachsler, Professor für französische Literatur an der Universität Zürich. Trachsler interessiert sich für kulturhistorische Fragestellungen, und ist Spezialist für die Darstellung von Tieren in der Literatur.

War der Wolf schon immer böse, Herr Trachsler? Die kurze Antwort: Nein, die Darstellung des Wolfes unterscheide sich nach Epoche und Kultur. Für die lange Antwort springt Trachsler 2500 Jahre zurück. Er sagt:

«Der Wolf war bei den germanischen und skandinavischen Völkern sehr respektiert.»

In nordischen Sagen und Mythen sei er meist positiv dargestellt – neben anderen grossen Tieren wie dem Bären oder dem Eber.

Davon unterscheidet sich der Wolf der römischen Antike etwas. Der Symbolgehalt von Tieren sei immer ambivalent, sagt Trachsler. Er nennt das Beispiel der Wölfin, die positiv wie negativ dargestellt werde. Positiv als Ernährerin von Remus und Romulus, die mythischen Erbauer der Stadt Rom – am Anfang des römischen Imperiums stand Wolfsmilch. Negativ aber in Begrifflichkeiten: «Das lateinische ‹Lupa› bedeutet Wölfin – ist aber auch ein abwertender Begriff für Prostituierte.» Die Ambivalenz zeigt sich nicht zuletzt in antiken Fabeln. «Der Wolf wird als gierig und eher dumm dargestellt. Er ist aber nicht die Nummer Eins der Raubtiere – und schon gar kein Problem.»

Als der Wolf böse wurde

Zum Problem wurde der Wolf erst im Mittelalter, wohl um die Jahre 900 und 1000 unserer Zeitrechnung. «Der Wolf wird in mittelalterlichen Quellen meist negativ dargestellt und diabolisiert», sagt der Professor. Der Grund? Der Wolf sei der einzige Konkurrent des Menschen bei der Jagd gewesen.

Der Wolf als Problem hat vor allem für einen reale Konsequenzen: den Wolf selbst. Er wurde verfolgt und vertrieben. In England war er ab 1500 ausgerottet. Die Kunsthistorikerin und Publizistin Petra Ahne schreibt in ihrem Buch «Wölfe – ein Porträt»:

«Der Wolf war eine Obsession, der Aufwand, der ihn zur Strecke bringen sollte, nicht selten grösser als der Erfolg.»

Man jagte das unliebsame Raubtier mit teils kreativen Methoden: vergifteten oder mit Nägeln durchsetzten Ködern, Gruben mit Pfählen, Labyrinthen. «Jeder durfte ihn töten», schreibt Ahne. Bei anderen Tieren sei dies ein Privileg des Adels gewesen. Trachsler verdeutlicht das schlechte Ansehen mit einem weiteren Beispiel: «Ein Wolfsfell wurde in der Regel nie als Trophäe behalten.»

Nicht zuletzt wurde der Wolf auch in der Kultur bekämpft. Trachsler nennt verschiedene Strategien, die sich in Text und Bild der christlichen Kultur wiederfinden: Lächerlich-Machen und Kontrollieren. «In vielen Texten wird der Wolf als Tollpatsch dargestellt. Immer wieder wird er beispielsweise vom Fuchs überlistet.» In vielen mittelalterlichen Heiligenlegenden findet sich ein anderes Motiv: Heilige, die das Raubtier zähmen. «Der Wolf wird beispielsweise verpflichtet, als Hirtenhund zu arbeiten oder auf Fleisch zu verzichten», sagt Trachsler. Es sei darum gegangen, das Raubtier durchs Christentum ideologisch zu kontrollieren.

Der Wolf als Bestie und reale Bedrohung findet sich nicht zuletzt in der Naturforschung, die zu Beginn der Neuzeit gegen 1500 einsetzte. Conrad Gessner, Zürcher Naturforscher und Universalgelehrter, schrieb 1551 in seinem «Thierbuch»:

«Der Wolff ist ein rauberisches, schädliches und frässiges Thier, wird von fast allen anderen gehasset und geflohen.»

Auch in der Figur des Werwolfs findet sich die Diabolisierung des Wolfes – im wahrsten Sinne des Wortes. Trachsler: «Im Volksglauben kommunizierten Werwölfe mit übernatürlichen Kräften wie dem Teufel.» Der Werwolf sei keine Erfindung des Mittelalters – bereits in der Antike habe es die Vorstellung von Gestaltwandlern gegeben. Doch war der Werwolf nicht bloss Figur der Folklore, sondern wurde als reale Bedrohung aufgefasst – mit tödlichen Konsequenzen für gewisse Personen. Ähnlich wie bei der Hexenverfolgung kam es in der frühen Neuzeit zu Werwolfprozessen, in denen Beschuldigten vorgeworfen wurde, Werwölfe zu sein.

Ein Werwolf holt sich ein Kind – mittelalterliche Handmalerei.

Ein Werwolf holt sich ein Kind – mittelalterliche Handmalerei.

Bild: akg-images

Der Wolf wird umgedeutet: Ernährer, Hitler, Verführter

Erst um 1900 verändert sich die Darstellung und Wahrnehmung des Wolfes wieder: positive Wölfe entstehen. In Rudyard Kiplings Dschungelbuch von 1894 sind Wölfe Moglis Ziehfamilie im Dschungel. Für Kipling, aufgewachsen in Indien unter britischer Kolonialherrschaft, in einer Zeit, als der Mensch die Natur mehr und mehr zähmte, wurden reale Wölfe nicht mehr als eine echte Bedrohung wahrgenommen. Der Wolf sei kaum mehr auf dem Radar der Menschen in den urbanen Zentren, sagt Trachsler. «Die Gefahr ist weg. Also kann die Ikone umgedeutet werden.»

Im Zweiten Weltkrieg wird so eine reale Gefahr als Wolf dargestellt: Hitler, dessen Tarnname vor 1933 Wolf war. Der Zeichentrickfilm «Blitz-Wolf» (USA, 1942) erzählt das Märchen «Die drei Schweinchen» als Propagandastück gegen Nazideutschland. Hitler als sabbernder Wolf greift die Schweinchen an – und wird weggebombt.

Die feministische Autorin Angela Carter interpretierte in den 1970er-Jahren das Rotkäppchen neu. In ihrer Kurzgeschichte «Die Gesellschaft der Wölfe» besiegt das Rotkäppchen den Wolf, indem es mit ihm schläft. Die Publizistin Petra Ahne schreibt: «Carters Rotkäppchen rettet nicht nur sich, sondern den Wolf gleich mit.» Denn das Raubtier stand jahrhundertelang für die dunkle Seite. «Er musste herhalten, damit der Mensch eine Grenze ziehen konnte zwischen dem warmen Drinnen einer Gesellschaft und dem feindlichen Draussen.» Oder in Trachslers Worten. «Der Wolf stand für das Andere.»

Flurnamen – Der Wolf in der Landkarte

Wolfikon, Wolfsberg, Wolfsgrueb – der Wolf findet sich in über 80 Siedlungs- und Flurnamen im Thurgau. Doch nicht jede Bezeichnung geht auf das Tier zurück. Martin Graf, Redaktor beim Schweizerischen Idiotikon und Co-Leiter der Orts- und Flurnamen-Datenbank ortsnamen.ch, nennt andere Gründe: «Oft steckt auch ein Vor- oder Familienname hinter der Bezeichnung für eine Ortschaft oder ein Gebiet.»

Das Schloss Wolfsberg ob Ermatingen aus dem 16.Jahrhundert gehe etwa auf seinen Bauherrn Wolff Walther von Gryffenberg zurück. Oder der Flurname Wolfgarten weise auf den Besitz einer Familie Wolf hin. «Aber natürlich gehen viele Bezeichnungen auch auf das Tier direkt zurück.» Der Flurname Wolfsbüel bei Hüttlingen könnte auf eine Sichtung des Tieres auf einem Hügel hindeuten. Früher sei der Wolf viel verbreiteter gewesen. «Dies schlägt sich auch in der Karte nieder», sagt Graf. Er betont aber, dass Flurnamen in einer Karte nie eine Einheit bilden. «Was sich als zusammenhängende Namenlandschaft zeigt, ist sehr heterogen. Flurnamen stammen aus den unterschiedlichsten Zeiten.» Einige hätten die Geschichte überdauert, viele seien vergessen gegangen.

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