Der Kanton Thurgau hat das 150-Jahr-Jubiläum der eigenen Verfassung vergessen – im Gegensatz zu den Kirchen

Der Thurgau hat das Jubiläum der Verfassung von 1869 nicht gefeiert. Niemand habe daran gedacht, sagt Staatsarchivar André Salathé.

Thomas Wunderlin
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Staatsarchivar André Salathé-

Staatsarchivar André Salathé-

Andrea Stalder
  • Die -Thurgauer Kantonsverfassung 1869 brachte eine weitgehende Trennung von Kirche und Staat.
  • Die direkte Demokratie wurde eingeführt.
  • Die Landeskirchen lernten erst mit der Zeit die neu gewonnene Freiheit schätzen.

Die Thurgauer Landeskirchen feiern das Jubiläum der Thurgauer Kantonsverfassung von 1869 – wieso hat das der Kanton Thurgau selber nicht getan?

André Salathé: Eine gute Frage. Die Antwort ist schwierig. Auf der Seite des Staats ist niemand auf die Idee gekommen. Auch ich nicht.
Ich bin kein Jubiläumshistoriker, mir ist Geschichte an sich wichtig. Vielleicht hat niemand daran gedacht, weil wir in einer verfassungsfernen Zeit leben. Die Bedeutung, welche die Verfassung zweifellos hat, ist der Bevölkerung nicht mehr so bewusst wie früher.

Wieso feiern die Kirchen dieses Jubiläum?

Soweit ich weiss, sagen sie, ihre Autonomie sei seit 1869 verfassungsrechtlich fundiert worden. Die Evangelische und die Katholische Kirche wurden damals als Thurgauer Landeskirchen anerkannt; das stimmt. Allerdings gab es schon vorher landeskirchliche Komponenten.

Die Verfassung von 1869

Dass die Thurgauer Landeskirchen 2020 das Jubiläum der Kantonsverfassung von 1869 feiern, «hat sich so ergeben», sagt Wilfried Bührer, Präsident des Evangelischen Kirchenrats. «Das Winterhalbjahr ist besser dafür geeignet.» Die Feierlichkeiten hätten immerhin bereits im Jubiläumsjahr, am 1. Dezember, begonnen; das Ende ist für den 1. Juni 2020 vorgesehen.
Die Stimmbürger nahmen die Kantonsverfassung am 28. Februar 1869 an; sie trat am 8. März 1869 in Kraft. Sie brachte eine weitgehende Trennung von Kirche und Staat. Aufgehoben wurden die fixe Vertretung der Konfessionen in den Behörden und konfessionell getrennte Schulen. Das letzte Kloster, St. Katharinental, wurde aufgehoben, die Zivilehe anerkannt. Die neue Verfassung reduzierte die Zahl der Regierungsmitglieder von sechs auf fünf. Als Präsident des Verfassungsrats amtierte der spätere Bundesrat Fridolin Anderwert. (wu)

Die Katholiken lehnten die Verfassung mehrheitlich ab.

Ja. Weil der bürgerlich-liberale-kapitalistische Staat in seiner Intensität noch zulegte. Die Verfassung von 1869 widersprach vielen katholischen Positionen. Die Katholiken hatten schon den Bundesstaat 1848 abgelehnt.

Was kam 1869 dazu?

Der grosse Sprung in die direkte Demokratie anstelle der repräsentativen Demokratie. Initiativ- und Referendumsrecht mit Volksabstimmungen wurden eingeführt.

Dagegen wehrten sich die Katholiken?

Interessanterweise nahmen die Katholiken in den folgenden Jahren die neuen Volksrechte besonders wahr. Sie dienten als Transportmittel, mit dem sich die katholische Seite in den Staat integrierte. Es war ein Prozess, bis die Landeskirchen – auch die reformierte – erkannten, wo die Freiheiten der neuen Verfassung liegen.

Im Gegensatz zu heute liess die Regierung 2003 im ganzen Kanton Jubiläumsfahnen hissen: Zur Fahnenweihe traten die Regierungsräte Bernhard Koch und Hans Peter Ruprecht auf den Balkon des Regierungsgebäudes in Frauenfeld.

Im Gegensatz zu heute liess die Regierung 2003 im ganzen Kanton Jubiläumsfahnen hissen: Zur Fahnenweihe traten die Regierungsräte Bernhard Koch und Hans Peter Ruprecht auf den Balkon des Regierungsgebäudes in Frauenfeld.

Susann Basler

Abgesehen von den konfessionellen Aspekten − worin lag die Bedeutung der Verfassung von 1869?

Sie brachte eine neue, klarere Behördenorganisation. Eine Reduktion auf die drei Staatsgewalten Judikative, Exekutive und Legislative. Abgeschafft wurden die sogenannten Mittelbehörden wie der Erziehungs- und der Sanitätsrat, die eine Art Nebenregierung gebildet hatten. Die Ämterkumulation wurde verhindert. Die Bürgergemeinden wurden neu gegründet. Das Einwohnerprinzip kam zum Durchbruch: Alle wesentlichen politischen Funktionen wurden auf die politischen Gemeinden übertragen. Auch die Aufgaben der Kirchgemeinden wurden auf Kirchliches beschränkt.

Sie erwähnen den Sturz Eduard Häberlins nicht, der als Thurgauer Diktator galt.

Man darf diese Geschichte nicht zu stark personalisieren. Letztlich ging es um das Prinzip: direkte Demokratie ja oder nein, Ämterkumulation oder Partizipation der Bürger.

Hat die Verfassung von 1869 heute noch eine Bedeutung? Sie wurde ja 1987 durch eine neue Verfassung abgelöst.

Die staatliche Grundorganisation stellt für mich immer noch einen grossen Wert dar. In der Verfassung von 1987 wurden die wesentlichen Errungenschaften von 1869 übernommen. Fraglich ist, ob die Bevölkerung noch so verfassungspatriotisch ist wie im 19. Jahrhundert. Heute ist der Staat ein Player unter vielen.

Im Jubiläumsjahr 2003 feierte der Kabarettist Thomas Götz Erfolge als Napoleon.

Im Jubiläumsjahr 2003 feierte der Kabarettist Thomas Götz Erfolge als Napoleon.

Susann Basler

Wieso feierte der Kanton Thurgau 2003 das 200-Jahr-Jubiläum der Kantonsgründung so gross?

Das war eigentlich nicht vorgesehen. Zuvor hatten wir 1998 das 200-Jahr-Jubiläum der Helvetik begangen, die aus meiner Sicht eine grosse Bedeutung für die Thurgauer und die Schweizer Geschichte hatte. Sie brachte zum ersten Mal revolutionäre Modernisierungen in vielen Bereichen, die dann im Lauf des 19. Jahrhunderts definitiv eingeführt wurden. Ich ging davon aus, dass man sich dafür 2003 zurückhalten würde.

Es kam jedoch anders.

Eine Erklärung habe ich auch nicht dafür. Hinter den Kulissen setzte sich Staatsschreiber Rainer Gonzenbach dafür ein. Es ging ihm um die Betonung der Thurgauer Selbständigkeit ab 1803. Ich war bei beiden Jubiläen im Organisationskomitee dabei. Die Jubiläen haben sich inhaltlich nicht widersprochen, sondern ergänzt.

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