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Im Frauenfelder Rathauskeller: Schlachten, Schnaps und 14 Akkus

Notfalls könnten Politiker über einen Geheimgang im Keller aus dem Rathaus fliehen. Im Rathauskeller lagert aber auch der Bechteliswein. Und man kann sich an lokaler Militärgeschichte satt sehen.
Mathias Frei
Mit Tischstandarte und Blumenschmuck: Rathausverwalter Herbert Vetter und Rathauswart Beat Dürger im repräsentativen Keller, dessen bauliche Ursprünge in den 1670er-Jahren liegen dürften. (Bild: Andrea Stalder)

Mit Tischstandarte und Blumenschmuck: Rathausverwalter Herbert Vetter und Rathauswart Beat Dürger im repräsentativen Keller, dessen bauliche Ursprünge in den 1670er-Jahren liegen dürften. (Bild: Andrea Stalder)

Hinter dem Vorhang stehen die Stühle auf den Tischen, davor steht heute keiner mehr auf den Tischen. Dafür Plastikblumenschmuck. Kühl ist es nicht, aber irgendwie scheint die Szenerie in der Zeit stehen geblieben zu sein, vor 30 Jahr vielleicht. 1982 hat das Rathaus, das der Bürgergemeinde gehört, seine letzte grosse Renovation erfahren, eine Klimaanlage im Rathauskeller fehlt. «Aber das Licht lässt sich dimmen, wenn das Fest mal länger dauert», meint Herbert Vetter schmunzelnd. Als Rathausverwalter ist er der Mann fürs Administrative. Neben ihm sitzt Beat Dürger, Rathauswart. Bei Anlässen stelle er Frischblumen auf von der Stadtgärtnerei, sagt Dürger. Aber so viel findet gar nicht mehr statt im Rathauskeller. «Vier bis sechs Veranstaltungen im Jahr», schätzt Vetter. Zum Lachen geht man nicht mehr oft in den Keller.

Wenn man vom Rathauskeller spricht, meint man das repräsentative Kellergewölbe, das vom Rathaus-Lichthof über einen Treppenabgang erreichbar ist. In «Das Rathaus Frauenfeld», 1983 von der Bürgergemeinde herausgegeben, heisst es im Aufsatz von Daniel Gutscher, Urs Fankhauser und Jürg Ganz zur Baugeschichte: «Dass aber die Geschichte der verschiedenen Bauten und Bauteil [des Rathauses] komplex ist, lässt sich nicht bestreiten.» So befindet sich der Rathauskeller im «Kleinen Rathaus», auch Vorderer Strasshof genannt, der von 1667 datiert. Der jüngere Teil des vom Rathausplatz her sichtbaren Gebäudes stammt aus den 1790er-Jahren. Im Rathauskeller atmet Geschichte. Das Kellergeschoss ist aber weit grösser und umfasst über 200 Quadratmeter, die Gänge eingerechnet.

Gastgeschenke aus vergangenen Zeiten: hochwertige Spirituosen von Marc bis Vieille Poire und dazu noch ein skurriler Kartäuserschnaps aus Osteuropa (ganz links). (Bild: Andrea Stalder)

Gastgeschenke aus vergangenen Zeiten: hochwertige Spirituosen von Marc bis Vieille Poire und dazu noch ein skurriler Kartäuserschnaps aus Osteuropa (ganz links). (Bild: Andrea Stalder)

Mit 40 Personen wird es heiss – und eng

Hinter dem Bühnenvorhang stehen Tischstandarten der Partnerstadt Kufstein bereit. Derweil es vorne auf den Tischen zweimal «s’Fräuli mitem Leuli» ist. Mit 40 Personen werde es hier heiss – und sehr eng, sagt Vetter. Gemeinderatspräsidiumsfeiern finden im Rathauskeller statt oder wenn der Stadtrat Gäste empfängt. Traditionell schliessen die Murganesen hier die Fasnacht ab mit einem Essen. Und wenn es im Grossen Rat Einbürgerungen gegeben hat, führt man die neuen Thurgauer in den Keller – zum Apéro. Der Kühlschrank ist knapp halb gefüllt. Weisswein, Mineral, Süssmost für den flüssigen Schlusspunkt der regelmässigen Rathausführungen. «Kein O-Saft, denn wir sind ja Apfelkanton», sagt Dürger. Und zuunterst noch ein Harass Spezli, die es aber nur auf Nachfrage gibt.

«Das Licht lässt sich dimmen, wenn das Fest mal länger dauert.»
(Herbert Vetter, Rathausverwalter)

Keine fünf Meter vom Rathauskeller-Eingang entfernt steht eine Palette mit Dutzenden Weinflaschen. «Die Bürgergemeinde hat kürzlich ausgemistet. Das sind ältere Holderberger zum Verschnapsen», erklärt Dürger. Das gibt einige Flaschen Branntwein. Aber im Rathaus würden die nur Staub ansetzen. Deshalb wird die hochprozentige und hochwertige Tranksame danach verkauft. Und der Erlös kommt laut Bürgerpräsident Titus Moser einem wohltätigen Zweck zu. Zwei Schritte weiter im gemeinsamen Weinkellergewölbe von Bürgergemeinde und Stadt dasselbe Bild: Im Abteil der Bürgergemeinde sind die Weinablagen ordentlich voll. In grauen Harassen steht bereits der Bechteliswein 2019 bereit. Auf Stadtseite sind die Regale weitestgehend leer. In einer Ecke Weissen und Rosé vom Holderberg für Apéros. «Roten schenken wir nicht aus», sagt der Rathauswart. Einsam steht da eine volle blaue Flasche «Kufsteiner Geist» mit Widmung von 2003. Daneben hochwertige Spirituosen von Marc bis Vieille Poire, wahrscheinlich Geschenke von Stadtratsgästen aus vergangenen Zeiten. Nur ein Schnaps fällt aus der Reihe: vom Etikett her ein Kartäuserbrand, aus der Slowakei vielleicht.

Das Weinlager der Bürgergemeinde: Hinten rechts wartet in den grauen Harassen der Bechteliswein 2019. (Bild: Andrea Stalder)

Das Weinlager der Bürgergemeinde: Hinten rechts wartet in den grauen Harassen der Bechteliswein 2019. (Bild: Andrea Stalder)

20-mal zu grosse Zinnfiguren anschauen

Vom Schnaps zum Gefecht, beides historisch: Da steht ein Relief vor dem Rathauskeller, sicher zwei auf zwei Meter gross. Es zeigt den Moment im Gefecht bei Frauenfeld vom 25. Mai 1799, als General Weber, Kommandant der helvetischen Truppen, tödlich verwundet wird. Relief und Zinnfiguren sind vom Frauenfelder Fred Gremlich gefertigt, die Arbeit datiert von 1999. Die Zinnfiguren sind verglichen mit dem Relief über 20-mal grösser, nämlich 1:45. Das Relief hat Massstab 1:1000. Daneben Schautafeln. Lehrer seien schon hier gewesen, teils mit der ganzen Klasse, erzählt Dürger. Das Relief ist ein Ort, um kurz innezuhalten und genau hinzuschauen. Lokale Militärgeschichte im Keller.

Das Gefecht bei Frauenfeld 1799: Das Geländerelief ist im Massstab 1:1000, die Zinnfiguren im Massstab 1:45. (Bild: Andrea Stalder)

Das Gefecht bei Frauenfeld 1799: Das Geländerelief ist im Massstab 1:1000, die Zinnfiguren im Massstab 1:45. (Bild: Andrea Stalder)

Weiter geht es am einzigen Behinderten-WC im Rathaus vorbei, das aber mit dem Lift gut zu erreichen ist. «In Sachen Pflege und Unterhalt darf man Kellerräumlichkeiten nicht vergessen», sagt Dürger. Im Rathaus sei das UG nicht weniger sauber als der Bürgersaal. Dann nicht links Richtung Haus Friedheim weitergehen, sondern geradeaus in den Heizungskeller. Hier ist das Licht hell. Neben einem Elektroschrank eine Pumpe, die mittels Schwimmer automatisch anläuft, wenn der Wasserpegel einen Grenzwert überschreitet. Als das Hallenbad Anfang Juni überschwemmt worden war, hatte es auch im Rathaus-Heizungskeller zu viel Wasser. «Aber die Pumpe hat funktioniert», sagt Rathauswart Dürger.

«Die Bürgergemeinde hat kürzlich ausgemistet. Das sind ältere Holderberger zum Verschnapsen.»
(Beat Dürger, Rathauswart)

In einem Kasten befindet sich die Notstromanlage inklusive Notbeleuchtung des Rathauses. Insgesamt 14 Akkus springen sekundenschnell an, wenn das normale Stromnetz offline geht. «Das reicht für 30 Minuten.» Fast so wichtig wie der Notstrom ist die Osmoseanlage. «Wir haben in Frauenfeld sehr hartes Wasser», sagt Dürger. Das Maschineli macht es weicher. Und dann noch der Geheimgang, wenn’s im Rathaus hitzig werden würde. Beat Dürger stellt eine Leiter weg. Dahinter offenbart sich eine alte, metallene Luke in der Wand. Der Riegel ist aber verklemmt, wahrscheinlich der Rost. Im Notfall also kein Durchgang. Der jetzt nicht mehr so geheime Gang führt unter dem Rathausplatz Richtung Sämannsbrunnen. Der Zugang dort sei aber sicher versperrt. Der Geheimgang bleibt also halbwegs geheim.

Hier ist die Analog-Telefonie, die es im Rathaus immer noch gibt, daheim. Die Internet-Telefonie dagegen ist im Heizungskeller untergebracht. (Bild: Andrea Stalder)

Hier ist die Analog-Telefonie, die es im Rathaus immer noch gibt, daheim. Die Internet-Telefonie dagegen ist im Heizungskeller untergebracht. (Bild: Andrea Stalder)

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