Im Bücherladen Sax in Frauenfeld spricht Peter Stamm von der Sehnsucht nach den Leben im Konjunktiv und liest aus «Marcia aus Vermont»

Der preisgekrönte Schriftsteller Peter Stamm kann nicht mehr Linienpilot werden. Das bedauert er an einer Lesung bei Marianne Sax in Frauenfeld.

Mathias Frei
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Gespräch und Lesung: Peter Stamm mit Marianne Sax im Bücherladen Sax.

Gespräch und Lesung: Peter Stamm mit Marianne Sax im Bücherladen Sax.

(Bild: Mathias Frei)

20 Dollar hat Peter zwar nicht im Sack, aber für einen billigen Whisky reicht es allemal. Als sich Marcia später gewissermassen verpflichtet fühlt, mit ihm zu schlafen, sagt er: «Es muss nicht sein, schliesslich ist Weihnachten.» Peter Stamm kommt spät, es ist nach 19.20 Uhr an diesem Montagabend. 60 Personen warten auf ihn im Bücherladen Sax. Dann bedauert er, dass er nicht mehr Linienpilot werden kann. In Stamms Alter ist der Zug dafür abgefahren.

«Jede Entscheidung, die man trifft, zerstört hundert Möglichkeiten.»

Dieser Satz hat offenbar nicht nur für Peter Stamm, sondern auch für seinen Protagonisten Peter, bildender Künstler aus der Schweiz, seine Berechtigung.

Das Buch im Bücherladen Sax.

Das Buch im Bücherladen Sax.

(Bild: Mathias Frei)

80 Seiten lang ist Stamms neuste Publikation, eine Weihnachtsgeschichte namens «Marcia aus Vermont», pünktlich auf das diesjährige Weihnachtsgeschäft. Er lese die Geschichte von Anfang bis Ende, sagt er, aber nicht die ganze Geschichte, wobei das von der Länge her möglich wäre.

«Die Leute kaufen das Buch sowieso.»

Und sie kaufen es auch an diesem Abend. Stamm sitzt noch einige Zeit da nach der stündigen Lesung, spricht mit den Buchkäufern und signiert das Gekaufte. Signiert hat er auch schon im Bücherladen von Marianne Sax, gelesen hat er nun das erste Mal hier. Unter den Zuhörern ist auch Ruth Weibel, Literaturagentin aus Frauenfeld und Türöffnerin für Stamms «Agnes».

Kaum Versprecher, und sie fallen nicht auf

Stamm hat eine angenehme Stimme, man hört ihm gerne zu, dieser Hörspielstimme. Sein Lesen hat eine Dringlichkeit, aber er hetzt nicht, überschlägt sich nicht. Er will nicht langweilen, hat Routine in dem, was er tut. Versprecher gibt es gefühlt eine pro halbe Stunde. Und sie fallen nicht auf.

Erst in der Rückschau wird einem bewusst, was alles hätte sein können, wie die Leben Nummer 2 bis 100 vielleicht verlaufen wären. Über 30 Jahre nach den intensiv seltsamen Weihnachtstagen in New York mit der Ménage-à-trois aus Marcia, Michelle und David kommt Peter im Rahmen eines Künstlerstipendiums in dieses kleine Kaff in Vermont, wo Marcia aufgewachsen ist. Dort findet er einen Manuskriptentwurf. «Der Text wirkte wie eine späte Beichte eines reuigen Sünders.» Offensichtlich hat Marcia eine Tochter, deren Vater er sein könnte. Er trifft auf seine mutmassliche Tochter. Aber:

«Wir wussten nichts voneinander, es war zu spät, um etwas nachzuholen.»

Nach Krankheit und Schneesturm zieht Peter von dannen, nicht ohne vorher noch eine Widmung «für Marcia» in einer Gedichtsammlung namens «A Map of Verona» hinterlassen zu haben.

Peter Stamm signiert nach der Lesung Bücher.

Peter Stamm signiert nach der Lesung Bücher.

(Bild: Mathias Frei)