Im Bernerhaus in Frauenfeld ist Kunst von Menschen mit einer psychischen oder geistigen Beeinträchtigung zu sehen

Eine besondere Ausstellung im Kunstverein Frauenfeld zeigt, wie Kreativität Menschen zusammenbringt.

Barbara Fatzer
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Die Kunstvereins-Vorstandsmitglieder Anton Weibel und Martha Oehy schauen sich die Ausstellung im Bernerhaus an. (Bilder: Andrea Stalder)

Die Kunstvereins-Vorstandsmitglieder Anton Weibel und Martha Oehy schauen sich die Ausstellung im Bernerhaus an. (Bilder: Andrea Stalder)

Der Kunstverein Frauenfeld setzt in seinem Ausstellungsprogramm alle paar Jahre auf Aussenseiterkunst. Der Begriff ist ein Versuch, das, was kreative Menschen hervorbringen, in Kategorien einzuteilen und zu bewerten. Dass dies ein kläglicher Versuch ist, um Kunst zu definieren, wird wieder einmal bewusst, wenn man die aktuelle Ausstellung im Bernerhaus besucht.

Vor anderthalb Jahren sind Anton Weibel und Martha Oehy in Kontakt gekommen mit der Kunstwerkstatt Waldau bei Bern und dem Atelier «Creahm» in Villars-sur-Glâne FR, dank der Vermittlung von Korine und Max Ammann, die sich seit Jahrzehnten für Aussenseiterkunst einsetzen. Daraus hat sich eine intensive Zusammenarbeit aller Beteiligten ergeben.

Psychisch Kranke und Behinderte haben diese Werke geschaffen

Psychisch Kranke und Behinderte haben diese Werke geschaffen

Das Resultat ist jetzt eine Werkschau ganz anderer Art, die staunen lässt, was Kreativität vermag. Denn die Kunstschaffenden haben oder hatten eine psychische oder geistige Beeinträchtigung, die sie hindert, in unserer leistungsorientierten Gesellschaft ganz dabei zu sein. Aber dafür verfügen sie über die Begabung, ihre inneren Bilder nach aussen zu bringen und sie festzumachen.

Kunst als Antwort auf drängende Fragen

Was sofort fasziniert ist die Intensität und die Direktheit, welche die meisten der Bilder und Objekte auf einen ausüben, man kann sich dem nicht entziehen. Zum einen sind es dichtfarbige Bilder, etwa von Rosalina Aleixo oder Madeleine Mollet, wie auch Schwarz-Weiss-Zeichnungen, die einen mit ihren rätselhaften Geschichten anziehen, wie bei Pascal Vonlanthen.

Im Zentrum der meisten Arbeiten ist der Mensch mit seiner ständigen Frage: «Wer bin ich?» Es sind ja alles Menschen mit einer Grenzerfahrung existenzieller Art, sie haben zwar jetzt die Möglichkeit, mit ihrer Kreativität dem Ausdruck zu geben. Ihr Leben aber bleibt fragil, das zeigt sich etwa bei den Aquarellen von Miguel Angel Münger.

Oder am Werk von Philipp Saxer. Man sieht in seinen zum Teil farbigen Zeichnungen eine grosse Begabung. Er hat auch Anerkennung für sein Schaffen gefunden. Aber letztlich hat er sich anders entschieden und seinem Leben ein Ende gesetzt. Otto Frick, Co-Präsident des Vereins Kunstwerkstatt Waldau sagt: 

«Wir machen keine Therapie, sondern unterstützen die psychiatrie-erfahrenen Kunstschaffenden einfach im Ausleben ihrer Kreativität.»

Bei «Creahm» müssen sich kreativ Tätige sogar bewerben, um in der Werkstatt einen Platz und eine Struktur zu bekommen, wo sie mit anderen zusammenarbeiten können. Sie brauchen die geschützte Atmosphäre, wie sie die meisten Künstler auch beanspruchen. Dieses Dranbleiben und konzentrierte Schaffen hat diese Menschen verändert, es lässt sie ihre Krankheit vergessen.

Und vielleicht bringt das einen Sinn in ihr Leben. Wenn sie dann erfahren dürfen, dass andere Menschen ihre Bilder beachten oder gar kaufen, dann erleben sie Glücksmomente. Das zeigte sich an der Vernissage, als die meisten von ihnen nach Frauenfeld kamen – als Künstler, die sich über die Anteilnahme der Besuchenden freuten.

Hinweis:
Ausstellung bis 1. Dezember 2019 im Bernerhaus, geöffnet jeweils am Wochenende. Infos: www.kunstverein-frauenfeld.ch