Ihre Gesichter berühren: Frauenfelder Künstlerin malt in der Romandie Ärzte ohne Grenzen bei Coronaeinsätzen

Die Malerin Carole Isler verbrachte drei Tage in den Kantonen Genf und Waadt. Sie hat Fachpersonal porträtiert, das Obdachlose und Randständige über Corona aufklärt.

Mathias Frei
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Carole Isler arbeitet in ihrem Atelier in Frauenfeld am Porträt der Pflegefachfrau Luzia.

Carole Isler arbeitet in ihrem Atelier in Frauenfeld am Porträt der Pflegefachfrau Luzia.

(Bild: Donato Caspari)

Den Gesichtern ist das «feu sacré» anzusehen. Bisweilen fehlt das Lächeln, die Hingabe für die Menschen dagegen ist immer da. Jene, die Hilfe brauchen. Die Aquarellbilder liegen in Carole Islers Atelier in der Theaterwerkstatt Gleis5 auf dem Arbeitstisch, daneben eine Schutzmaske. Vergangene Woche verbrachte sie drei Tage in der Romandie, begleitete dort Fachpersonal von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) bei dem ersten grossen Schweizer Einsatz der Hilfsorganisation und porträtierte das MSF-Personal. Vevey, Lausanne, Yverdon und Genf: Das waren die Stationen der Frauenfelder Malerin, welche die Stadtgalerie Baliere kuratiert.

«Die Porträtmalerei ermöglicht mir einen einfachen Zugang zu Menschen, öffnet Türen.»

Das sagt Isler. Sie spricht von intimen Momenten und ums Zulassen dieser Momente. Zuerst gehe es darum, die Person so zu erfassen, wie sie ist. «Und durch das Gespräch bekommt das Gegenüber Tiefe.»

Hilfsorganisation für medizinische Nothilfe

Französische Ärzte gründeten 1971 die internationale Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF), die auf medizinische Nothilfe spezialisiert ist. Im Zentrum der Einsätze stehen bewaffnete Konflikte, Epidemien, Pandemien, Naturkatastrophen oder auch die Ausgrenzung vom Gesundheitswesen. MSF besteht aus 24 nationalen respektive regionalen Vereinen. Es bestehen weltweit fünf Einsatzzentralen, nämlich in Paris, Brüssel, Amsterdam, Barcelona und Genf. Die Organisation handelt politisch und religiös unabhängig. 2018 stammten 96 Prozent der Einnahmen von MSF Schweiz aus privaten Spenden. «Für MSF sind medizinische Arbeit und Berichterstattung untrennbar mit den Aktivitäten in den Projekten vor Ort verbunden», heisst es auf der Website von MSF Schweiz. Die nationale Organisation zählt über 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. (ma)

www.msf.ch

Die Kantone Waadt und Genf sind überdurchschnittlich stark betroffen von der Coronapandemie. In den beiden Kantonen zusammen sind bislang rund 10'000 Covid-19-Fälle zu verzeichnen. In der Waadt sind schon über 350 Menschen gestorben, in Genf bald 250. Zum Vergleich: Im Thurgau gibt es 360 bestätigte positive Tests und 17 Todesfälle.

Daheim bleiben, wenn man kein Zuhause hat

Carole Isler porträtiert eine MSF-Mitarbeiterin.

Carole Isler porträtiert eine MSF-Mitarbeiterin.

(Bild: PD)

Im Welschland ist es nicht anders als in der Deutschschweiz. Dort heisst es: «Restez à la maison!» MSF gehe es bei diesem Einsatz um jene Menschen, die dem Aufruf nicht nachkommen könnten, weil sie kein Zuhause haben, erklärt Carole Isler. Die Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden gibt der Arbeit von MSF eine subtile Art von Öffentlichkeit. Die Aktivitäten mit dem Universitätsspital Genf sind Anfang April gestartet. Nebst Ärzten und Pflegepersonal stehen auch Spezialisten aus den Bereichen Wasser/Abwasser, Logistik, Soziale Arbeit und Gesundheitspromotion im Einsatz. «Dort, wo ich Einblick hatte, stand die Aufklärung betreffend Covid-19 und das Sensibilisieren für Schutzmassnahmen im Vordergrund», erzählt die Frauenfelderin. So besuchte sie in Vevey eine Tagesanlaufstelle für Drogensüchtige, besuchte das MSF-Hauptquartier in Genf, eine in eine Turnhalle verlegte Notschlafstelle in Yverdon oder ein Lausanner Waschsalon mit Zahnarztpraxis für Randständige und Obdachlose.

Carole hat an diesen Orten «unglaublich engagierte Menschen» kennen gelernt, sie mit Bleistift skizziert. 20 Minuten brauchte sie dafür, manchmal auch länger. Die Leute liessen sich gerne porträtieren, denn Islers Beschäftigung gab ihnen und ihrer Arbeit Relevanz. In Vevey erklärte Hygienespezialist Mickael, wie man Desinfektionsmittel günstig selber herstellen konnte. «Die Obdachlosen in Yverdon bezeichneten die Unterbringung in der Turnhalle als ‹Hotel California›, weil es ihnen dort gefiel», erzählt Carole Isler. In Genf konnte sie mit der Pflegefachfrau Luzia sprechen, die mit einer mobilen Einheit unterwegs ist. Pflegefachmann Damir in Yverdon wünschte sich ein Lachen auf Islers Skizze. «Die Porträtierten exponieren sich mir gegenüber, haben aber auch eine Erwartungshaltung.» Das könne im ersten Moment verunsichern.

Carole Isler porträtiert einen MSF-Mitarbeiter.

Carole Isler porträtiert einen MSF-Mitarbeiter.

(Bild: PD)

Die Malerin rechnet mit etwa einer Woche Arbeit für die rund 15 Aquarellbilder, die in Frauenfeld entstehen. Die aktuellen Arbeiten werden hernach auf den Online- und Social-Media-Kanälen von MSF zu sehen sein. Für Carole Isler ist klar:

«Die Bilder bekommen mehr Farbe.»

So will sie das hoffnungsvolle Moment ausdrücken, das vor Ort zu spüren war. Die Porträts der geflüchteten Menschen in Griechenland dagegen sind blasser. Vor einem Jahr war das Islers erste Teilnahme an einem MSF-Einsatz.

www.caroleisler.ch

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