Ihre Busfahrten sind meistens recht süffig: Zwei junge Diessenhofer haben aus einem Trink- ein Brettspiel entwickelt

Zwei junge Diessenhofer haben aus einem Trink- ein Brettspiel entwickelt. Unterstützung erhalten sie vom Startnetzwerk Thurgau. Diese Organisation fördert Jungunternehmer.

Samuel Koch
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Die Studenten Luca Palmisano und Tim Van der Linden aus Diessenhofen mit ihrem Trink-/Kartenspiel.

Die Studenten Luca Palmisano und Tim Van der Linden aus Diessenhofen mit ihrem Trink-/Kartenspiel.

Bild: Donato Caspari

In einer Studentenverbindung sind sie nicht. Trotzdem treffen sich Luca Palmisano und Tim Van der Linden besonders gern mit Freunden. Ab und zu trinken sie zusammen, ziehen um die Häuser oder sitzen im heimeligen Wohnwagen vor Van der Lindens Elternhaus in Diessenhofen. Gewiss nur dann, wenn weltweit nicht gerade ein gefährliches Virus grassiert.

Die Studenten aus Diessenhofen verteufeln aber die Krise nicht bloss, sondern nutzen sie zu ihrem Vorteil. Vergangenen Sommer haben sie ihre Firma MyPäckli KIG gegründet, um ein eigenes Spiel auf den Markt zu bringen, das gleichzeitig den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördert und zum Trinken animiert. «Es muss aber nicht nur Alkohol, sondern kann auch Sirup sein», sagt der 23-jährige Palmisano und schmunzelt.

Ziel sei es, mit guten Freunden eine unvergessliche Zeit zu erleben und gemeinsame Erinnerungen zu teilen. Der der 20-jährige Van der Linden sagt:

«Natürlich erst, wenn die Coronakrise vorbei ist.»

Auftrieb verleiht den Spielentwicklern, dass sich die Menschen nach einer von Isolation und Einschränkungen geprägten Zeit sehnlichst auf das Leben danach freuen würden. «Durch das physische Spiel rückt auch das Handy für einmal in den Hintergrund», sagen die Studenten.

Von Bierlin bis nach Saufhampton

Das weitherum bekannte Spiel namens «Busfahrer» haben Palmisano und Van der Linden nicht neu erfunden, sondern weiterentwickelt. Dabei handelt es sich um ein Brettspiel mit neuerdings 152 Spiel- und Aktionskarten für zwei bis acht Personen mit leicht abgeänderten Regeln . «Sie helfen einer Oma über die Strasse und dürfen vier Schlucke verteilen», liest Palmisano die Aufgabe einer guten Karte vor. Van der Linden trinkt und zieht dann eine schlechte Karte. Er sagt:

«Machen Sie zehn Tiergeräusche in 30 Sekunden.»

Sie sind sich einig, dass das Spiel auflockern und den sozialen Aspekt in den Vordergrund stellen soll. Das Design haben sie mit Unterstützung ihres zeichnungsaffinen Freundes Leandro Nold entworfen und viel Herzblut sowie Detailpflege reingesteckt. So stehen auf den fünf Stationen der Busfahrt des Verlierers fiktive Städtenamen wie Bierlin, Saufhampton oder Weinland Pfalz. Auf der Verpackung klar ersichtlich: Das Spiel ist erst ab 18 Jahren erhältlich.

Kurzum: So funktioniert «Busfahrer»

(sko) In Runde 1 fokussiert sich jeder Spieler auf seine eigenen fünf Spielkarten. Jemand nimmt die Karte verdeckt in die Hand und lässt Mitspieler raten, ob die nächste Karte zum Beispiel schwarz oder rot ist. Rät der Spieler richtig, wird er mit einer guten Aktionskarte belohnt. Rät der Spieler falsch, muss er eine Karte ziehen, die nachteilig ist. Sobald jeder seine fünf Spielkarten besitzt, folgt Runde 2. Dort geht es darum, alle seine Spielkarten bei zunächst verdeckt hingelegten und danach allfällig deckungsgleichen Karten in der Pyramide auf dem Brettspiel loszuwerden. Wer zum Schluss die meisten Spielkarten in der Hand hält, verliert und mutiert zum Busfahrer. Zur Strafe muss er bei fünf umgedeckten Karten erraten, ob die nächste Karte vom Zahlenwert her höher, tiefer oder gleich ist.  

Nach den ersten Zügen haben Palmisano und Van der Linden ihre Idee dem Startnetzwerk Thurgau anvertraut. «Der Vorstand war begeistert», sagt Palmisano. «Die Zusammenarbeit hat uns viel ermöglicht», erzählt Van der Linden. So hat Startnetzwerk Thurgau den Spielentwicklern etwa kostenlos einen Rechtsanwalt für die Ausarbeitung von der Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder Fragen rund ums Patentrecht zur Verfügung gestellt.

Luca Palmisano und Tim Van der Linden aus Diessenhofen in ihrem Bus.

Luca Palmisano und Tim Van der Linden aus Diessenhofen in ihrem Bus.

Bild: Donato Caspari

Umso wichtiger für die Studenten, denn so konnten sie die Kosten in Schach halten. Für die Produktion der ersten 1500 Spielexemplare in Deutschland haben sie bereits 20'000 Franken investiert. «Klar hätten wir die Spiele für einen Bruchteil dieses Geldes in China bestellen können», sagt Van der Linden. Sie wollten aber auf hiesige Fabrikationen setzen mit der entsprechenden Qualität und geringstmöglichem Einsatz von Plastik. «Wir können als junge Generation nicht immer davon sprechen, Bewusstsein für die Umwelt einzufordern, und selbst nichts dafür tun», meint Palmisano dazu.

Virtueller Hype für Verkaufsstart

Das Risiko einer Fehlinvestition schätzen sie als klein ein. Auf Anklang gestossen ist ihr Spiel schon oft, etwa mit einem Prototypen bei Touristen während Strandferien in Italien. Viel Anerkennung gab es ebenso bei mehreren Testphasen im Heimatstädtli am Rhein. Mehr noch, die beiden Junggesellen lernten dabei gute Freundinnen kennen. «Unsere Erfindung funktioniert sogar als Flirtspiel», sagt Van der Linden und grinst.

Zudem haben die Spielentwickler in sozialen Netzwerken in einem sogenannten «viralen Marketing» bereits über 25'000 Fans um sich scharen können. Mit dieser Reichweite – einzelne Posts erreichten fast zwei Millionen Menschen weltweit – lässt sich der Verkaufsstart ohne Kosten gross herausposaunen.

Die Spiele sind jedenfalls schon produziert. Sollten sie wegen Corona in den nächsten Tagen geliefert werden, folgt umgehend der Verkaufsstart. Als Widerspruch sehen es Palmisano und Van der Leinen nicht, dass sie ausgerechnet über soziale Medien ein Spiel vermarkten, dass die Nutzer wiederum von den Smartphones wegbringen soll. «Wir sind nicht gegen soziale Medien», sagen sie. Vielmehr soll das Smartphone mal für ein paar Stunden zur Seite gelegt werden, wenn man sich physisch treffe.

Hinweis: Alle Infos unter: www.busfahrer-trinkspiel.com