«Ihr werdet nichts verstehen»: Linard Bardill forderte das Frauenfelder Publikum

Der Liedermacher las im Frauenfelder Eisenwerk aus seinem neuen Buch «Die Insel».

Evi Biedermann
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(Bild: PD/Patrick Frischknecht)

«Frühlingshaft und lebendig» werde die bevorstehende musikalische Lesung, sagte der Liedermacher Linard Bardill am Donnerstag gegenüber dieser Zeitung. Er entkräftete damit die Bedenken des Journalisten, es könnte ein Zuviel des Sterbens werden.

Darum geht es in Bardills neuem Buch «Die Insel», aus dem er am Samstagabend im Eisenwerk vorlas. Dazu stellte er seine Texte in den Kontext mit den drei monumentalen Bildern «Triptychon» von Giovanni Segantini, die zwischendurch eingeblendet wurden. Auch da geht es um Vergänglichkeit. Und Bardill sang Lieder auf Rätoromanisch.

«Bleibt relaxed – ihr werdet nichts verstehen», sagt er zum zahlreich erschienenen Publikum. Dahinter stecke Absicht. «Damit ihr nachdenken könnt über das, was ihr gehört habt». Es wird stockdunkel im Saal und mäuschenstill. Die Beleuchtung fällt auf den Protagonisten und setzt ihn mit seinem roten Pullover in ein warmes Licht.

Grosse Themen und dichte Texte

Er sieht nicht aus wie einer, der auf die Insel Gomera flüchtete, um dort Ehrlichkeit zu vernehmen und das Sterben zu erlernen. Viel mehr wie einer, der das Leben noch für eine ganze Weile umarmen möchte. Umso mehr interessiert, was während des zweiwöchigen Aufenthalts auf Gomera passiert ist.

Es ist nicht einfach, dem Autor zu folgen, denn er liest schnell und seine in Versen verfassten Texte sind sprachlich und thematisch von unglaublicher Dichte. Da finden Poesie, Theologie, Mythologie, Aktualität, Angst, Schmerz, Zweifel und Zuversicht zusammen. Und in allem manifestiert sich der Trost, den die Menschen im Wissen um ihre Sterblichkeit suchen. Zweifellos ist die Tiefe der Texte zu spüren, doch die Vielfalt der Aspekte überfordert das Hirn.

«Liebe Feder, geh nicht zu schnell, damit ich dir folgen kann», heisst es an einer Stelle im Buch. Das möchte man dem Vorleser manchmal auch zurufen, damit man den einen oder anderen Satz überdenken kann. Die visuellen und musikalischen Lesepausen sind deshalb eine willkommene Entspannung. Bardills Miene und die Intonation der Lieder lassen erahnen, was er besingt: Mal ist es die Sehnsucht, mal Liebe oder Schmerz.

Ob Linard Bardill in den zwei Wochen auf Gomera Antworten auf seine Fragen fand, ist im Buch nachzulesen. Ebenfalls, wer das unbekannte Du ist, an die Texte im 12-tägigen Tagebuch gerichtet sind. Die Neugier des Publikums ist nach der Lesung geweckt. Umso mehr, als Bardill verrät, dass er nicht gewusst habe, wer das rätselhafte Du sei. Bis zum letzten Tag. «Dann war es plötzlich klar.»