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Frauenfelder Maturandin kämpft mit den Buchstaben

Lorena Flüggen kam als Austauschschülerin aus Yverdon an die Kanti Frauenfeld. In ihrer nun ausgezeichneten Maturarbeit hat sie sich mit der eigenen Lese- und Rechtschreibschwäche auseinandergesetzt - und das auf Deutsch.
Hugo Berger
Im Foyer des Kantineubaus: Lorena Flüggen mit ihrer Maturarbeit in Buchform. (Bild: Hugo Berger)

Im Foyer des Kantineubaus: Lorena Flüggen mit ihrer Maturarbeit in Buchform. (Bild: Hugo Berger)

Lorena Flüggen ist der beste Beweis dafür, dass Legastheniker hochintelligent sein können. Ihre Abschlussarbeit an der Kanti Frauenfeld, ein Buch über ihre Erfahrung mit Legasthenie, also Lese- und Rechtschreibschwäche, zählt dieses Jahr zu den drei Besten. Sie spricht drei Sprachen: Deutsch, Spanisch und Französisch. Eigentlich sind es vier, aber zu ihrem Englisch meint sie bescheiden: «Englisch rechne ich nicht dazu, da versteh’ ich zwar alles und kann mich auch unterhalten – aber nicht so gut wie in den andern drei».

«Am Schlimmsten war es, wenn der Lehrer mich nach vorne rief, um etwas an die Tafel zu schreiben.»
(Lorena Flüggen)

Wo hat sie all die Sprachen gelernt? Ihre Mutter, eine Spanierin, habe Spanisch mit ihr gesprochen, und der Vater, der aus Köln stammt, Deutsch. Die Grundschule hat sie in Yverdon besucht. Daran erinnert sie sich nur ungern. Weil sie Mühe hatte mit Lesen und Schreiben, hielt der Lehrer sie für faul und dumm. Er wollte auch nach mehreren Gesprächen mit den Eltern nicht wahrhaben, dass sie unter einer Lese- und Schreibschwäche litt – unter Legasthenie.

In ständiger Angst vor dem Vorlesen

Der Schulbesuch wurde zur Qual. Sie lebte in ständiger Angst, etwas in der Schule vorlesen zu müssen. «Am Schlimmsten war es, wenn der Lehrer mich nach vorne rief, um etwas an die Tafel zu schreiben.» Von den Eltern habe sie Verständnis und grosse Unterstützung erhalten, ihre Mutter übte täglich mit ihr. Lorena Flüggen war ehrgeizig, sie wollte auch in diesen Fächern zu den Besten der Klasse gehören. «Unter meinem Kopfkissen lag immer ein Buch. Ich las oft bis in die Nacht hinein, verschlang Bücher über Elfen, Zwergen und Feen.» Es sei wohl auch eine Flucht in die Welt der Fantasie gewesen, stellt sie heute fest.

Arme Kleine oder fauler Sack?

Wie die Leute reagieren, wenn sie erfahren, dass sie Legasthenikerin ist, beschreibt Lorena Flüggen in ihrem Buch so: Es gibt drei verschiedene Gesichtstypen. Der erste Typ ist das positive Gesicht. «Die Menschen gucken mich an und lächeln, aber die Augen sagen: arme Kleine.» Beim zweiten Typ gehen die Augen hoch, so als würden sie sagen: «Auch das noch, ich habe doch so schon genug Arbeit.» Beim dritten Gesichtstyp, der oft vorkommt, sagen die Augen: «Das glaubst du ja selbst nicht. Du bist einfach ein fauler Sack.» (hub)

Als sie später als Austauschschülerin an die Frauenfelder Kantonsschule kam, wussten vorerst nur die Lehrkräfte von ihrer Lese- und Schreibschwierigkeit. «Sie zeigten viel Verständnis und unterstützen mich, zum Beispiel indem sie den Aufgabentext in grösserer Schrift verfassten.» Natürlich merken es mit der Zeit auch die Mitschüler. Diese hätten es einfach zur Kenntnis genommen, ohne «eine grosse Sache daraus zu machen». Die Banknachbarin hilft ihr oft, wenn sie mit dem Schreiben der Notizen nicht nachkommt.

Wie ein Gehbehinderter am Langstreckenlauf

Als Legasthenikerin ein Buch zu schrieb, ist ungefähr so, wie wenn ein Gehbehinderter an einem Langstreckenlauf teil nimmt. «Es hat teilweise Freude gemacht, es gab aber auch viel Frust und Tränen», gibt sie zu. Aber der Wille, ihre Erfahrungen mitzuteilen, sei stärker gewesen. Das Buch «Der Kampf mit den Buchstaben» soll nicht zuletzt auch Trost und Hilfe für andere sein, die unter der Schreib- und Leseschwäche leiden.

«Unter meinem Kopfkissen lag immer ein Buch. Ich las oft bis in die Nacht hinein, verschlang Bücher über Elfen, Zwergen und Feen.»
(Lorena Flüggen)

Auf die Frage, ob es eine Autobiografie sei, meint sie mit verschmitztem Lächeln: «Nicht ganz. Bekanntlich fallen einem die besten Antworten immer erst im Nachhinein ein. Die Dialoge sind daher da und dort entsprechend abgeändert.» Lorena Flüggen sieht in der Legasthenie nicht nur Nachteile. Die Behinderung habe ihren Durchhaltewille gestärkt und die Fantasie gefördert, ist sie überzeugt. Und ihr nächstes Ziel hat sie schon vor Augen: das Studium der Informatik an der Hochschule in Lausanne.

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