Ihnen ist die Schule zu weiblich: Thurgauer SVP-Kantonsräte sehen Buben in der Schule benachteiligt und kritisieren die Feminisierung des Lehrerberufs

Zwei Interpellationen im Thurgauer Grossen Rat betreffen die Geschlechter in der Bildung. Drei Kantonsräte sehen Knaben benachteiligt, weil Mädchen in der Sekundarstufe besser eingestuft werden. Drei weitere Kantonsräte sehen Männer benachteiligt, weil sie im Lehrerberuf untervertreten sind. Mit der Antwort des Regierungsrats sind beide Gruppen nicht zufrieden.

Larissa Flammer
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An der Pädagogischen Hochschule Thurgau studieren mehr Frauen als Männer.

An der Pädagogischen Hochschule Thurgau studieren mehr Frauen als Männer.

Bild: Thi My Lien Nguyen (9.November 2017)

Auf Sekundarstufe besuchen im Thurgau mehr Knaben als Mädchen die Sonderschule. Ausserdem werden prozentual mehr Mädchen in den Sekundarschultyp E (erweiterte Anforderungen) eingestuft als Knaben. Drei SVP-Kantonsräte sehen in diesen Zahlen ein offensichtliches Ungleichgewicht und sind mit der Interpellation «Knaben an der Volksschule Thurgau im Abseits?» an den Regierungsrat gelangt.

Die genannten Zahlen, die aus dem Jahr 2015 stammen, seien ungefähr konstant geblieben, schreibt die Regierung in ihrer am Freitag veröffentlichten Antwort. Weiter heisst es dort unter anderem: «Die Zuteilung zu den Typen der Sekundarstufe und der Entscheid über den Sonderschulbedarf erfolgt anhand sachlicher, gesetzlich festgelegter Kriterien.»

Für die unterschiedlichen Leistungen von Knaben und Mädchen gebe es verschiedene Gründe. Der Regierungsrat anerkenne aber grundsätzlich das Anliegen, die geschlechterspezifischen Bedürfnisse von Knaben noch gezielter in pädagogische Konzepte einfliessen zu lassen.

Kantonsräte fühlen sich und ihr Anliegen nicht ernst genommen

Das Wort «grundsätzlich» zeige schon, dass der Regierungsrat nichts unternehmen werde, kommentiert Kantonsrat Daniel Vetterli (Rheinklingen) die Beantwortung. Er und die Mitinterpellanten Urs Schrepfer (Busswil) und Andreas Wirth (Frauenfeld) seien enttäuscht. Der Regierungsrat negiere harte Fakten. Vetterli sagt:

«Wenn Frauen betroffen wäre, gäbe es einen Massnahmenplan dagegen.»
Daniel Vetterli.

Daniel Vetterli.

Bild: PD

Die Kantonsräte hätten sich erhofft, mit dem Anliegen ernst genommen zu werden. In der Antwort des Regierungsrats gebe es zwei, drei Andeutungen von möglichen Ansatzpunkten. «Das zeigt, dass der Regierungsrat etwas unternehmen könnte, wenn er wollte», sagt Vetterli. So würde er zum Beispiel einen konkreten Forschungsauftrag an die Pädagogische Hochschule (PHTG) begrüssen, wie Unterrichtsformen an die Verhaltensmuster beider Geschlechter angepasst werden können.

Keine klaren Nachteile wegen hohem Frauenanteil

Am Freitag veröffentlichte die Thurgauer Regierung auch ihre Antwort auf eine zweite Interpellation zu einem ähnlichen Thema. Die SVP-Kantonsräte Andrea Vonlanthen (Arbon), Aline Indergand (Altnau) und Hermann Lei (Frauenfeld) stellten im Vorstoss «Feminisierung der PH und der Volksschule» kritische Fragen zur Übervertretung der Frauen im Lehrerberuf.

Der hohe Frauenanteil dürfe nicht mit fehlender Gleichstellung gleichgesetzt werden, antwortet der Regierungsrat. Zwar sei im Sinne der Vielfalt ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis im Lehrerberuf wünschenswert, es seien aber keine klaren Nachteile des hohen Frauenanteils bekannt. Für einen negativen Einfluss von weiblichen Lehrpersonen auf den Bildungserfolg von Knaben würden keine Belege existieren.

Im Gegenteil gebe es wissenschaftliche Hinweise, dass Mädchen bereits in Zeiten, in denen mehrheitlich Männer unterrichteten, durchschnittlich bessere schulische Leistungen erbrachten als Knaben. Trotzdem achte die PHTG darauf, bei der Information über Studiengänge auch Männer explizit anzusprechen.

Aline Indergand.

Aline Indergand.

Bild: PD

Aline Indergand ärgert sich über die Antwort der Regierung. Diese sehe die Problematik nicht, was Männer weiter abschrecke. Es sei schade, dass das so präsente Thema Gleichberechtigung nicht in der Bildung gelte. Für die Schüler wäre dies wichtig: «Es ist eine prägende Zeit.» Die Kantonsrätin will im Grossen Rat die Diskussion über die Interpellation führen und dem Regierungsrat die Forderung mitgeben, Männer stärker für den Beruf zu begeistern.

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