Igel
Präsidentin des Tierschutzvereins Diessenhofen hört altershalber auf

Laura Hanhart, Präsidentin des Tierschutzvereins Diessenhofen, kennt man auch als Igelmutter. Sie päppelt die stacheligen Tiere im Winter mit Katzenfutter auf. Nun will sie ihr Amt nach 28 Jahren niederlegen.

Thomas Brack
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Der Hunger hat diesen Igel aus seinem Häuschen gelockt.

Der Hunger hat diesen Igel aus seinem Häuschen gelockt.

Bild: Thomas Brack

Es ist ein typisch kalter nebliger Winterabend um halb acht Uhr. Eine junge Familie steht auf einem Bauernhof bei Diessenhofen, die Mädchen Leandra (9) und Caroline (7) warten gespannt, was sie bei ihrem Besuch erwartet.

Die bekannte «Igelmutter» Laura Hanhart hatte sie mit ihrer Mutter und den Grosseltern eingeladen, bei der Fütterung «ihrer» Igel dabei zu sein. In einem kleinen Gartentreibhaus hinter der Scheune sind in zwei Gehegen vier Igel untergebracht. Jeder bewohnt ein kleines, von Heu umgebenes Häuschen. Das Ritual der Fütterung findet immer um die gleiche Zeit abends statt: Laura Hanhart stellt je zwei Tellerchen mit feuchtem Katzenfutter für die vier Igelchen in ihr Gehege. Die Tierschützerin sagt:

«Es ist ganz wichtig, dass das Futter aus der Büchse feucht ist, denn die kleinen Igel leiden in der Winterzeit oft an Austrocknung.»

Hunger triumphiert über Furcht

Es dauert nicht lange, und der Duft der Fleischbrocken lockt die kleinen Kerle aus ihren Häuschen. Zuerst lugen ihre kleine Schnäuzchen heraus, dann spähen sie mit ihren Knopfaugen neugierig umher. Auch wenn die Besucher nur flüsternd miteinander sprechen, spüren die Tiere die Anwesenheit Fremder. Ganz besonders lässt sich das an einem Neuankömmling beobachten. «Heute morgen brachte ihn eine Frau», erzählt Laura Hanhart.

«Er muss recht hungrig sein, um seine Furcht vor der ungewohnten Umgebung zu überwinden und sich den saftigen Fleischstückchen zu nähern.»

Aber dann frisst und schmatzt das drollige Bürschchen derart, dass die Besucherinnen staunen, mit welch lauten Geräuschen die Igel ihre Nahrung aufnehmen.

Die Mädchen Caroline und Leandra bestaunen in Diessenhofen die Igel und ihren Appetit.

Die Mädchen Caroline und Leandra bestaunen in Diessenhofen die Igel und ihren Appetit.

Bild: Thomas Brack

«Die Igel kriegen zwei Mal im Jahr Junge, das zweite Mal Ende September», sagt Hanhart. «Dann streifen die oft noch zu kleinen Igel hungrig auf Futtersuche umher.» Und wenn dann noch Pfützen oder Tümpel zufrieren, wird der Durst zum grossen Problem. Sind die Igel dann auch noch geschwächt, setzen ihnen Parasiten zusätzlich zu. Jetzt gilt es also, die geschwächten Tiere wieder aufzupäppeln.

Winterschlaf entfällt wegen der warmen Witterung

Dafür kauft Laura Hanhart pro Winter Unmengen an Dosen Katzenfutter. Dank der saftigen Fleischstücklein können die Tiere, die mit nur etwa 350 Gramm Körpergewicht zur Tierschützerin gebracht werden, dann bis zum Frühling wieder etwa 650 Gramm schwer werden. Dann haben sie gute Chancen, den Sommer zu überleben. Ohne Hilfe wäre ihr Schicksal besiegelt. Eine weitere Rolle spielen die milden Winter der letzten Jahre. Hanhart erklärt:

«Eigentlich würden die nachtaktiven Tiere den Winter schlafend verbringen. Doch wegen der warmen Witterung gerät ihr Schlafrhythmus durcheinander, sie verspüren Hunger und begeben sich auf Nahrungssuche.»

Eigentlich sind die Plätze in der Notherberge ausgebucht. Laura Hanhart fürchtet, von weiteren Anfragen zur Aufnahme von Igeln überschwemmt zu werden. Denn sie weiss, dass sie keinem Not leidenden Igel ihre Hilfe verweigern könnte. «Ich bin ein ‹Tierjunkie›», sagt sie. «Genauso wie ein Drogensüchtiger seinen Stoff zum Leben braucht, brauche ich meine Beziehung zu Tieren. Das ist mein Lebenselixier.»

Tatkräftige Unterstützung bei ihrem Engagement erhält sie von ihrem Mann Kurt. Seit 1992 ist sie Präsidentin des Tierschutzvereins Diessenhofen. Nun tritt sie altershalber zusammen mit dem gesamten Vorstand zurück. Fortan soll eine neue «Crew» die Tierschutzaufgaben in Diessenhofen übernehmen.