Porträt

«Ich wollte weg von der klassischen, gestellten Hochglanzfotografie»: Die Bilder des Hochzeitsfotografen Jan Keller aus Pfyn sind roh, emotional und vor allem ehrlich

Jan Keller fotografiert pro Saison zwischen zehn und zwanzig Hochzeiten.  Aktuell sind aufgrund der Coronakrise aber viele Feiern noch in der Schwebe – auch seine eigene. Trotz der besonderen Umstände versucht der 28-jährige Pfyner, optimistisch zu bleiben.

Rahel Haag
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Jan Keller mit seiner Ausrüstung in seinem Büro in Pfyn. Es ist ungewiss, wann er die nächste Hochzeit fotografieren kann.

Jan Keller mit seiner Ausrüstung in seinem Büro in Pfyn. Es ist ungewiss, wann er die nächste Hochzeit fotografieren kann.

(Bild: Reto Martin)

Er ist vor jeder Hochzeit nervös. Und das, obwohl er schon bei rund 60 Feiern als Fotograf engagiert war. «Bei Freunden ist es schlimmer», sagt Jan Keller, «dann mache ich mir noch mehr Druck.» Mit der Hochzeit eines Freundes hat es 2014 auch angefangen. Keller studierte damals Fotografie. Der 28-Jährige sagt:

«Eigentlich wollte ich gar nicht in die Hochzeitsfotografie.»

Doch die Rückmeldungen nach ebendieser ersten Hochzeit seien sehr gut gewesen – und es hatte ihm enorm Freude bereitet. So kam der Stein ins Rollen.

Ein Jahr später hatte er bereits vier weitere Anfragen, und es wurden immer mehr. Heute fotografiert er pro Saison zwischen zehn und zwanzig Feiern. «Zur Hochzeitsfotografie kam ich sozusagen wie die Jungfrau zum Kind», sagt er im Garten seines Elternhauses in Pfyn.

Der schönste Tag im Leben: Pro Saison fotografiert Jan Keller zwischen zehn und zwanzig Hochzeiten.

Der schönste Tag im Leben: Pro Saison fotografiert Jan Keller zwischen zehn und zwanzig Hochzeiten.

(Bild: Jan Keller)

Heute ist Keller selbstständig, die Aufträge von Brautpaaren machen rund drei Viertel seines Umsatzes aus. Doch auch dieser Lebensbereich bleibt von der Coronapandemie nicht verschont. Er sagt:

«Die Einbussen sind aktuell gross.»

Kommenden Monat wäre er für eine Feier engagiert gewesen, diese soll nun im Oktober stattfinden. Momentan gebe es auch keinerlei Buchungen für Paarshootings. Kellers zweites Standbein ist die Architekturfotografie. «Sie rückt jetzt stärker in den Fokus», sagt der gelernte Hochbauzeichner, «wobei ich die bewohnten Objekte aktuell nur von aussen fotografiere.»

Anprobe des Anzugs ist nicht möglich

Keller versucht optimistisch zu bleiben – auch, was seine eigene Hochzeit angeht. Nachdem er im vergangenen Jahr zivil geheiratet hat, hätte am 20. Juni das Hochzeitsfest stattfinden sollen. Aktuell sieht er sich unter anderem mit ganz praktischen Problemen konfrontiert. «Ich habe mir beispielsweise in Konstanz einen Anzug schneidern lassen», sagt er. Doch nun könne er nicht einmal zur Anprobe.

«Das Schlimmste wäre für mich aber, wenn wir unseren Gästen zur Begrüssung nur zuwinken dürften. Das wäre keine richtige Feier.»

Er schüttelt den Kopf. «Es braucht einfach eine gewisse Nähe.» Sei das nicht möglich, müsse das Fest eben um ein Jahr verschoben werden. Er zuckt etwas hilflos mit den Schultern.

Ein Paar am Tag seiner Hochzeit: Die Kulisse bildet ein Rebberg im Thurgau.

Ein Paar am Tag seiner Hochzeit: Die Kulisse bildet ein Rebberg im Thurgau.

(Bild: Jan Keller)

Dass ihm Nähe wichtig ist, spürt man auch, wenn man sich Kellers Fotografien ansieht.

«Als ich angefangen habe, wollte ich weg von der klassischen, gestellten Hochglanzfotografie.»

Stattdessen seien seine Bilder roh, emotional und vor allem ehrlich. Hierfür ist es essenziell, dass er seine Kunden, sprich die Brautpaare, gut kennt. Deshalb arrangiere er, nachdem er von einem Paar eine Anfrage erhalten hat, direkt ein Treffen. «Die Sympathie muss da sein», sagt Keller. Spüre er bei diesem Treffen, dass dies nicht der Fall ist oder die Vorstellungen zu weit auseinander gehen, sagt er den Auftrag ab. «Dasselbe empfehle ich auch den Paaren.»

Ehrlich und Emotional: So will Jan die Paare auf seinen Bildern festhalten.

Ehrlich und Emotional: So will Jan die Paare auf seinen Bildern festhalten. 

(Bild: Jan Keller)

In solchen Fällen verweise er auf einen Berufskollegen. Stimmt die Chemie, sei das der Start einer Beziehung, sagt Keller. Denn die meisten Paare meldeten sich mindestens ein Jahr im Voraus. «Bis zur Hochzeit stehe ich ihnen mit Rat und Tat zur Seite.»

Der Moment, da sich Braut und Bräutigam sehen

Am grossen Tag selbst begleitet Keller das Fest während mindestens sieben Stunden. Vom Anziehen bis zur Party ist er dabei. «Den Kunden stehen alle Wünsche offen.» Im Schnitt entstehen 3500 Bilder. «Das sind unendlich lange Tage», sagt er, «aber es ist immer unglaublich schön.» Sein grosser Vorteil:

«Ich bin der Einzige, der an einer Hochzeit jeden Moment miterlebt.»

Er lächelt und nennt als Beispiel den Augenblick, in dem sich Braut und Bräutigam an diesem besonderen Tag zum ersten Mal sehen. «Wunderbar», sagt er nur. Diese herzlichen Emotionen seien für ihn Bestandteil des Lohns.

Eine Braut zeigt ihrem Bräutigam am Hochzeitstag ihr Kleid.

Eine Braut zeigt ihrem Bräutigam am Hochzeitstag ihr Kleid.

(Bild: Jan Keller)

Um diese nicht zu hemmen, vermeide er Anweisungen. Wenn er mit einem Brautpaar auf der Wiese stehe, sage er schlicht: «Seid ihr selbst und geniesst euch.» Zur Auflockerung könne es helfen, den Hochzeitstanz zu üben. «Mitten auf der Wiese, das ist egal.» Und was macht nun die perfekte Hochzeit aus? «Ganz einfach», sagt Keller, «es muss für das Brautpaar stimmen.»

Zur Auflockerung lässt Keller die Paare bei den Shootings auch einmal den Hochzeitstanz Mitten auf der Wiese üben.

Zur Auflockerung lässt Keller die Paare bei den Shootings auch einmal den Hochzeitstanz Mitten auf der Wiese üben.

(Bild: Jan Keller)
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