«Ich wollte ausprobieren, wie Sex so ist»: Junger Mann mit Störung vergewaltigt in einem Thurgauer Heim Mitbewohnerin

Das Bezirksgericht Frauenfeld schickt einen 25-jährigen, vorbestraften Sexualstraftäter in eine stationäre Therapie. Er hat sich mehrmals an einer Mitbewohnerin in einem Heim vergriffen und sie dafür psychisch unter Druck gesetzt.

Samuel Koch
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Der Eingangsbereich zum Bezirksgericht Frauenfeld an der Zürcherstrasse.

Der Eingangsbereich zum Bezirksgericht Frauenfeld an der Zürcherstrasse.

Bild: Reto Martin

Nicht nur gut gemeint hat es das bisherige Leben mit ihm. Seine leibliche Mutter ist drogensüchtig, gesehen hat er sie noch nie. Sein Vater sitzt seit seiner Kindheit verwahrt im Gefängnis. Diese entsetzliche Vorgeschichte spricht den heute 25-Jährigen jedoch nicht von der mehrfachen Vergewaltigung und mehrfachen sexuellen Handlung frei.

Die persönlichen Verhältnisse hat das Bezirksgericht Frauenfeld berücksichtigt. Trotzdem verurteilt es den Vater eines zweijährigen Sohnes zu einer Freiheitsstrafe von 32 Monaten, die aufgrund einer stationären Therapie aufgeschoben wird. Die Vorsitzende Richterin ermahnte den Beschuldigten nach der Urteilsverkündung am Montagmorgen:

«Es ist wahrscheinlich Ihre letzte Chance.»

Bei einer weiteren Sexualstraftat zöge die Justiz vermutlich auch für ihn die Verwahrung in Betracht. Denn der arbeitslose Schreinerpraktiker, der laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft an einer Persönlichkeitsstörung und einer Intelligenzminderung leidet, ist einschlägig vorbestraft. Das Kreisgericht St.Gallen verurteilte ihn bereits wegen Vergewaltigung.

Trotzdem hat er sich noch während seiner Zeit in einem Wohn- und Ausbildungsheim am Untersee an einer laut der Heimleitung als «geistig eingeschränkten, leicht manipulierbaren und leichtgläubigen», heute 24-jährigen Mitbewohnerin vergriffen und sie vergewaltigt.

«Kollegenmasche» gezielt eingesetzt

Vor Gericht bestreitet der Beschuldigte die Geschehnisse im Heim nicht. «Es tut mir leid, dass ich das gemacht habe», sagte der in grauem Hemd und Jeans gekleidete Beschuldigte mit kurzem Irokesenschnitt. Auf die Frage, warum er seine kognitive Überlegenheit und die Wehrlosigkeit des Opfers schamlos ausnutzte, sie für Sex unter Druck setzte und gegen ihren Willen mit ihr intim geworden sei, stammelte er im Gerichtssaal verlegen:

«Ich wollte es ausprobieren, wie das so ist.»

Es blieb aber nicht bei diesem einen Vorfall. Zwischen März 2016 und August 2017 drängte der Beschuldigte das Opfer immer wieder mit der «Kollegenmasche» zu sexuellen Handlungen. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass das Opfer zum Sex nur deshalb einwilligte, weil sie die beste Kollegin des Beschuldigten werden wollte. Das geht aus mehreren Konversationen via Whatsapp hervor.

Laut Anklageschrift fühlte sich das Opfer «derart psychisch unter Druck gesetzt, dass sie die Vornahme der sexuellen Handlungen letztlich zuliess, ohne sich verbal oder körperlich wirksam zur Wehr zu setzen oder sich jemandem anzuvertrauen». Bei der Verhandlung im abgekürzten Verfahren war das Opfer nicht anwesend.

Chemischer Kastration nicht eingewilligt

Schliesslich folgte das Gericht den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Aus zwei Gutachten geht hervor, dass vom Beschuldigten «mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut Sexualstraftaten zu erwarten sind». Diese Gefahr bestehe aufgrund der kombinierten Persönlichkeitsstörung mit dissozialen und narzisstischen Anteilen, der diagnostizierten leichten Intelligenzminderung sowie der festgestellten Hypersexualität.

Dem Vorschlag eines Gutachters für eine chemische Kastration willigte der Beschuldigte nicht ein, weshalb ihm nun eine «adäquate, deliktorientierte, aber auch sozialpsychiatrisch angelegte Therapie» bevorsteht. Wird er während der nächsten 32 Monate rückfällig, muss er ins Gefängnis.

Zudem muss er dem Opfer 12'000 Franken Genugtuung bezahlen, dessen Anwalt entschädigen sowie die Untersuchungs- und Gerichtskosten von über 23'000 Franken bezahlen. «Nutzen Sie Ihre letzte Chance», sagte die Vorsitzende Richterin. «Tun Sie es auch für Ihren Sohn.»

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